MILLIARDÄRE Rätsel ums Roman Empire
Wenn auch diesmal wieder alles so kommt, wie es früher kam, wenn sich nicht doch noch einer besinnt und mit den Fans spricht - dann könnte es sein, dass am 13. September 2003, einem Sonnabend, in London eine kleine Katastrophe geschieht.
Im Stadion an der Stamford Bridge werden sich dann, Punkt 15 Uhr, die Mannschaften des FC Chelsea und des Lokalrivalen Tottenham Hotspur gegenüberstehen. Vom Chelsea-Block her wird den in England als »Jidden« bekannten Gästen wieder die Hetzparole entgegengeschleudert werden: »Gas a jew, jew, jew, put him in the oven, cook him through.«
Vergast einen Juden, steckt ihn in den Ofen, kocht ihn gar. Und wenn es ganz dumm kommt, werden sie auf den Rängen wieder das Zischen in den Gaskammern nachahmen, mit ihrem berüchtigten »Gas chamber hiss«.
Oben auf der Ehrentribüne wird währenddessen der neue Eigentümer von Chelsea sitzen: Roman Abramowitsch, Sohn jüdischer Eltern aus Saratow an der Wolga. Umgeben aller Wahrscheinlichkeit nach von Geschäftsfreunden, die das Ganze nicht lustiger finden werden als er - die neuen Chelsea-Vorstandsmitglieder Jewgenij Schwidler, Richard Creitzman und Jewgenji Tenenbaum.
Es gehört zum Fluch der Moderne, dass Fußballvereine zuweilen schneller die Besitzer wechseln als Fans ihre Rituale. Und dass es eine Vorwarnzeit für Besitzerwechsel bei börsennotierten Unternehmen meistens nicht gibt.
»Wer ist Roman Abramowitsch?«, rätselte Britanniens Presse noch, als am vorvergangenen Mittwoch bekannt wurde, dass 84 908 506 Aktien des ruhmreichen Chelsea Football Club, also mehr als die Hälfte der Anteile, an Abramowitsch verkauft worden seien.
Der neue starke Mann ist mit geschätzten 5,7 Milliarden Dollar Besitz zweitvermögendster Mann Russlands und einer der jüngsten unter den »Oligarchen«, den Rohstoff-Baronen. Man könnte ihn also kennen, hielte man Globalisierung im Fußball nicht für ein Phänomen, das wohlhabenden westlichen Vereinen Spieler aus weniger wohlhabenden Weltgegenden zuzutreiben hilft.
In London sind sie aus allen Wolken gefallen. Der Ex-Sportminister Tony Banks, seit einem halben Jahrhundert Chelsea-Fan, forderte allen Ernstes die Regierung auf, den Kauf zu überprüfen. Parlamentarier und Alt-Internationale sorgten sich vernehmlich. Leitartikler stopften mit der Geschichte von Chelseas »Roman Empire« ihr Sommerloch.
Und in Moskau wütete Wladimir Putins Rechnungshof-Chef Sergej Stepaschin, Ex-Premier Russlands, in einem Ton, der in der näheren Zukunft juristischen Ärger für Abramowitsch erwarten lässt: »Eine freche und demonstrative Provokation des ganzen Landes.«
Alle reden sie, Fußball-Freunde, Würdenträger, Veteranen, als wären sie soeben erst aus bleischwerem Traum erwacht. Als hätte es eines neureichen Russen mit dubiosem Milliardenvermögen bedurft, um die restlose Entwurzelung des Volkssports Fußball zu bebildern. Als hätte das nicht längst eine Internationale übler Schuldenmacher und Prozesshansel vom Schlage Berlusconi, Tapie, Núñez, Sanz oder Cragnotti besorgt. Auch der alte, bodenständige Chelsea Football Club an der Stamford Bridge wurde spätestens seit der Verpflichtung von Ruud Gullit, Gianluca Vialli und anderen Stars in den Neunzigern mit Saus und Braus zu Grabe getragen.
Ein, manchmal zwei Engländer spielen derzeit noch in Chelseas Startelf. Umgerechnet 115 Millionen Euro Vereinsschulden hat Abramowitsch zeitgleich mit seinem Aktienkauf decken müssen. Unter anderem, weil der holländische Stürmer Jimmy Hasselbaink dem Club 15 Millionen Pfund wert war und weil der französische Weltmeister von 1998, Marcel Desailly, bei Chelsea in der Blüte seines 35. Lebensjahrs noch 86 000 Euro verdient. Pro Woche.
Dabei allerdings wird es kaum bleiben. »Ich habe nicht vor, mein Geld wegzuwerfen, es geht hier um Spaß, das heißt um Erfolg und Pokale«, sagt Roman Abramowitsch: »Es gibt viele junge, reiche Leute in Russland; wir leben nicht so lang, also verdienen wir und geben das Geld wieder aus.«
Chelseas neuer Besitzer will nach eigenen Angaben versuchen, künftig bei jedem Match dabei zu sein. »Auch wenn das vielleicht nicht klappen wird«, wie er einräumt. Allein der Flug von Anadyr in der Provinz Tschukotka, wo Abramowitsch Gouverneur ist, nach London dauert an die 14 Stunden. Vom kulturellen Jetlag nicht zu reden.
Tschukotka ist zwar fast dreimal so groß wie das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland, aber nur von 68 000 Menschen bewohnt, allen voran Tschuktschen und Eskimos. Sie sind Abramowitsch dankbar, weil er immer wieder mal Tausende Kinder an die Schwarzmeer-Küste zur Kur fliegen lässt und ansonsten zu verhindern weiß, dass noch einmal Hunde geschlachtet werden müssen, um durch die klirrenden Winter zu kommen, wie in den Neunzigern.
Abramowitsch seinerseits ist den Bewohnern an der Beringstraße dafür dankbar, dass sie ihn mit dem strammen Ergebnis von 92,05 Prozent zum Gouverneur und davor auch schon zum Duma-Abgeordneten gewählt haben, was ihm erfreulicherweise den Status parlamentarischer Immunität garantiert.
Denn »der rätselhafteste aller russischen Oligarchen«, so das Massenblatt »Komsomolskaja prawda«, dieser lange, schmale, jungenhaft aussehende Mann von 36 Jahren, Phänotyp nice guy, saß 1992 vorübergehend in Untersuchungshaft - und ist seither immer wieder ins Visier der Staatsanwälte geraten.
Im Sommer 1999 geht die russische Generalstaatsanwaltschaft Hinweisen nach, Abramowitsch habe gemeinsam mit dem Oligarchen-Kollegen Boris Beresowski an der Veruntreuung von Mitteln bei der Fluggesellschaft Aeroflot mitgewirkt. Auch soll in Garmisch-Partenkirchen das noble Leitenschlössl von ihm akquiriert worden sein - möglicherweise für Jelzin-Tochter Tatjana, die ihm Zugang zur »Familie«, zum allmächtigen Jelzin-Clan, verschafft hat.
Im August 2000 durchsuchen Moskauer Ermittler die Räume der Abramowitsch-Firma Sibneft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Schweizer Staatsanwälte gehen gleichzeitig dem Verdacht nach, die Abramowitsch-Firma Runicom SA sei beim Verschwinden mehrerer Millionen Dollar aus Mitteln des Internationalen Währungsfonds beteiligt gewesen. Zu einer Verurteilung Abramowitschs kam es allerdings nie - alle Verfahren wurden eingestellt.
Im Juli 2001 schließlich vernimmt die Moskauer Generalstaatsanwaltschaft Abramowitsch wegen des Verdachts von Unregelmäßigkeiten beim Erwerb des Ölkonzerns Sibneft. Nur wenige Tage später erhält Abramowitsch eine 20-minütige Audienz bei Wladimir Putin, dem Präsidenten. Offensichtlich nicht ohne Folgen, denn schon am 1. August 2001 werden Betrugsverfahren gegen die Sibneft-Führung eingestellt - damals herrschte Burgfrieden zwischen Kreml und Oligarchie.
Dass ausgerechnet Abramowitsch es so weit gebracht hat, sich nun in den Londoner Clubräumen des Lieblingsvereins von Ex-Premier John Major den Tee servieren zu lassen, liegt daran, dass er einer der Allerersten war, die in der Jelzin-Zeit in Russland die fetteste Tranche des sowjetischen Bratens rochen: die gewaltige Profitspanne zwischen den Rohstoffpreisen in Ost und West. Und dass er zugriff.
Für 110 Millionen Dollar haben er und Beresowski 1996 Filetstücke der sowjetischen Erdölindustrie erworben. Der damals geschmiedete Konzern Sibneft ist in Wahrheit mehrere Milliarden Dollar wert - das beispiellose Sonderangebot begründet zu wesentlichen Teilen Abramowitschs Reichtum. Allein der Sibneft-Gewinn für das abgelaufene Geschäftsjahr 2002 beträgt fast 1,2 Milliarden Dollar. Das heißt auch: etwa eine halbe Milliarde Dollar Dividende. Allein für Abramowitsch. Allein für 2002. Und nur aus den Sibneft-Aktien.
Schon von diesem Betrag hätte er sich Chelsea zweimal kaufen können. Die bevorstehende Fusion von Sibneft mit dem Branchenriesen Jukos am Jahresende wird ihn noch reicher machen. Der Deal soll mit drei Milliarden Dollar Cash abgegolten werden - die Hälfte davon dürfte Abramowitsch erhalten.
»Die Überraschung ist nicht, dass Abramowitsch Chelsea kauft. Die Überraschung ist, dass er nicht Real Madrid, Manchester United und Juventus kauft«, schreibt so treffend wie einsam auf der Höhe der Ereignisse der »Guardian«. Auch Manchester United, mit einem Börsenwert von derzeit knapp 600 Millionen Euro, hätte Abramowitsch nur ein etwas strengeres Lächeln gekostet. »Wir prüften einige Vereine und wählten Chelsea, weil es zum Verkauf stand«, sagt er.
Das ist nur die halbe Wahrheit. Sondierungen bei Manchester United sollen erfolglos verlaufen sein. Und selbst in Chelsea, das vorige Woche als erste Strukturmaßnahme Kameruns Nationalspieler Geremi für zehn Millionen Euro aus dem Bestand von Real Madrid erwarb, wäre heute noch alles, wie es war, hätte Abramowitsch wie geplant in diesem März den Moskauer Armeesportklub ZSKA übernehmen dürfen.
Doch das hat nicht geklappt. Offiziell hält eine britisch-holländische Investorengruppe 49 Prozent des Vereins. Der wird von dem so scheuen wie rätselhaften ZSKA-Präsidenten Jewgenij Giner geführt. »Wer er ist und wo er herkommt, weiß keiner«, sagt selbst der ZSKA-Rechtsbeistand.
Dass Giner, der sich häufiger öffentlich mit Abramowitsch zeigt, nur der Strohmann des Jung-Milliardärs ist, vermuten inzwischen sogar Teile der ZSKA-Führung.
Das wäre dann allerdings ein Fall für die europäische Fußballunion (Uefa). Denn deren Statuten verbieten, dass mehrere Vereine innerhalb eines europäischen Wettbewerbs denselben Besitzer haben.
Mit der Wahrheitsfindung wird sich die Uefa beeilen müssen. Sowohl Chelsea London als auch ZSKA Moskau stehen in der Qualifikation zur Uefa-Champions-League. Moskaus erstes Spiel ist am 30. Juli.
UWE KLUSSMANN, WALTER MAYR