OLYMPIADE Rasse veredeln
Schuld hat die Schrulle eines begüterten Barons: Um die »lang geschiedene Ehe aus Muskel und Geist« wieder zu kitten, hatte der Olympiade-Erwecker Pierre de Coubertin seinen Leibesspielen Kunst-Disziplinen angegliedert.
Und weil Coubertin (1863 bis 1937) immer noch der Olympiade-Ideologe ist, muß auch München die Parole des Barons befolgen: Für 12,6 Millionen Mark sollen die Olympischen Spiele 1972 mit einem kunterbunten »Kunstprogramm« gerahmt werden.
Angesichts der zwei Milliarden Mark Olympia-Totalkosten sind die paar Millionen Kunst-Mark nur ein Klacks -- kaum ein Prozent. Dennoch, freilich, drängt die Frage, ob das Geld nicht zum falschen Fenster hinausgeworfen wird.
Historisch gesehen gibt es kaum Ursachen, Muskeln mit Musen zu kopulieren: Die altgriechische Olympiade, eine Art panhellenischer Parteitag, nutzte künstlerische Hand- und Mundwerker als PR-Leute -- zum Preise der Sieger. Wettkämpfend maßen sich nur Herolde und Trompetenbläser.
Coubertin erst entfachte einen Kampf der Waden und Gesänge, und mit seiner »Olympischen Ode« errang er (1912) sogar eine Goldmedaille: »Auf zielbewußten Wegen«, so besang er den Sport, »veredelst Du des Menschen Rasse. weißt kranke Keime zu ersticken.«
Derlei Trimm-Dich-Hymnen sind in München nicht zu fürchten. Seit Helsinki (1952) startet Olympia-Kunst außer Konkurrenz und zu anderem Ziel: Sie soll die nationalen Potenzparaden mit dem Weihrauch des Guten, Wahren, Schönen umwölken.
Oder auch: Kulturgut für Touristen. Viel Folklore wird in München angeboten, eine Ausstellung zeigt »Weltkulturen und moderne Kunst«, im Kern aber ist das (just edierte) »Kunstprogramm« eine Addition europäischer Frack-Festivals: Die Mailänder Scala kommt mit »Aida«, die Moskauer Philharmoniker spielen Brahms, aus Leipzig kommt das Gewandhausorchester, das »Berliner Ensemble« gastiert, Felsenstein inszeniert »Wallenstein«, und immer wieder: Mozart, Wagner, Strauss.
Innerlichkeit, Museum, Schicksalstheater der bürgerlichen Heldenzeit: Das hinkt konsequent der Technologie und Artistik einer modernen Olympiade hinterher und ruft kaum die Jugend der Welt, Dem olympischen Leistungsfimmel nahe wenigstens kam der Pole Jerzy Grotowski: Für sein »Theaterlaboratorium«-Gastspiel in München prüfte er 70 mögliche Spielstätten.
Und keiner da, der Kunst anwendet, um das Phänomen Olympiade zu bedenken? Den weltbewegenden Wechselbalg aus Chauvinismus, Geschäft, Prestige, Utopie und Idiotie? Gemach. In einem ehemaligen Offiziers-Kasino wirkt der Architekt Werner Ruhnau, 49, mit gedankenreicher Milde an einer sogenannten »Spielstraße«.
Sie soll auf dem Olympia-Gelände, am Ufer des künstlichen Sees verlaufen. Ruhnau, Totaltheater-Spezialist und einst (1939) ostpreußischer Gaumeister im II 0-Meter-Hürdenlauf, ist Oberhirte einer Gruppe schwarzer Schafe, die dort die Muskel-Messe »kritisch kommentieren« möchte.
Mit einem Baby-Budget von 2,6 Millionen Mark will Ruhnau etwa Partizipations-Kunst, Multivision, Duft- und Schall-Zonen hervorrufen, und als Herzstück ist ein wahrhaft faszinierendes Ding geplant: eine »Geschichte der Olympiade«, kreiert und produziert von Avantgarde-Truppen aus aller Welt.
Das Szenario (Autor: Frank Burckner vom Berliner Forum-Theater) malt die »Geschichte« so: Bei einer altgriechischen und vier neuzeitlichen Olympiaden (1896, 1912, 1936, 1968) wird das historisch-ideologisch-soziologische Unterfutter vorgekehrt, in theatralische Aktionen umgesetzt und 14 Tage lang als Simultan-Spiel vorgeführt.
Politisch-plastische Truppen sollen spielen -- etwa das New Yorker »Bread & Puppet« mit seinen Monster-Marionetten oder der Franzose Jérôme Savary mit seinem fulminanten »Großen Magischen Zirkus«. Und fürs Finale entwirft der Futurologe Robert Jungk noch das Bild einer Olympiade im Jahr 2000.
Hier könnte also, einzigartige Chance, doch eine Kunst-Sport-Synthese entstehen: Olympia reflektiert sich selbst. Vor allem könnte so die heiße Kartoffel »Olympiade 1936 in Berlin« angefaßt werden; doch just das Projekt 36 stößt auf ein Veto.
Denn einige Olympiade-Autoritäten im Vorstand wie im »Kunstausschuß« fürchten »Mißverständnisse« bei den Gästen aus aller Welt; aufgeschreckt bestellte Oberbürgermeister Vogel ein Gutachten. So »heikel sind die Herren freilich nicht immer:
Im »Offiziellen Standardwerk« für die München-Olympiade ("Die Olympischen Spiele der Neuzeit") heißt es etwa über Berlin 36: Das »Dritte Reich« habe die Spiele »zum Anlaß genommen, seine Stärke und Friedensliebe eindrucksvoll zu demonstrieren«; ähnlich heiter wirkt das Verhältnis zu des Reiches Kunst.
Denn just einer von Führers Lieblingsmalern, Paul Mathias Padua, 68. wurde geladen, eine olympische Halle per Pinsel zu zieren. Padua, wegen seines realistisch-erotischen Strichs ("Leda und der Schwan") Unter-Leibl genannt, wollte diesmal »abstrakt« vorgehen.
So ehrt man das Alter und beargwöhnt das Neue. Doch noch ist das Projekt 36 der »Spielstraße« nicht verloren. OK-Präsident Willi Daume, inmitten kinetischer und irritierender Kunstobjekte residierend, will »einen akzeptierbaren Weg finden«; vielleicht darf doch ein wenig reflektiert werden.
Und wer reflektiert über die zweite Großmacht im Gelände? Mit bislang 37 Millionen Mark »Sachspenden« will Big Business für seine Produkte werben; doch Charles Wilp, der Werbe-Rastelli, wird den geheimen Verführern die gleißende Maske lüften.
Zwar hat Coca-Cola, zum Leidwesen des Afri-Cola-Werbers Wilp für zwei Millionen Mark die General-Lizenz erbeten; aber über den Vertragspassus »chininhaltige Getränke« kann Wilp seine Firma trotzdem aufs Gelände bringen und damit die Mittel, um seine »Konsumoper« aufzuführen. Er zeigt, »mit den schönsten Mädchen«, wie Werbemänner vorgehen.
Wilp ist Glied von Ruhnaus »Spielstraßen«-Gruppe -- und mithin gefährdet. Denn laut Vertrag kann die beargwöhnte »Spielstraße« jederzeit gesperrt werden. Und wenn es regnet, fällt sie eh ins Wasser.