BOXEN Rechte Ecke
Im Kampf um das Wohl des deutschen Boxsports ist Bodo Eckmann kein Weg zu weit. Neulich traf sich der Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB) in Mexico City zu »Sondierungsgesprächen« mit Funktionären des Weltverbandes WBC. Die wirklich drängenden Amtsgeschäfte erwarteten ihn allerdings nach seiner Rückkehr.
Denn in Eckmanns Hamburger Büro war inzwischen ein Schreiben unangenehmen Inhalts eingetroffen. Darin droht der Berliner Boxstall des Promoters Wilfried Sauerland, aus dem Verband auszutreten. Sauerland ist immerhin jener Mann, der mit Henry Maske das Berufsboxen in Deutschland wieder gesellschaftsfähig machte und zu dessen heutigen Klienten Weltmeister Sven Ottke zählt.
Der Boxmanager, dessen Kämpfer der ARD ordentliche Quoten bescheren, hat sich mit seinem Drohbrief an die Spitze einer Opposition gegen das ehemalige BDB-Präsidiumsmitglied Hans Högner gesetzt. Der Mann aus Nieder-Olm, Vizepräsident der Europäischen Box Union (EBU), soll suspendiert und im nächsten Schritt aus dem BDB ausgeschlossen werden.
In der Szene wird Högner vorgeworfen, Handlanger des Hamburger Promoters Klaus-Peter Kohl zu sein. Vor allem Sauerland fühlt sich benachteiligt. Er klagt, Högner sorge als Mitglied der EBU-Ranglistenkommission dafür, dass die Kämpfer seines hanseatischen Konkurrenten bei den Ranking-Positionen bevorzugt werden.
Im Mai war Högner nach massiver Kritik aus den eigenen Reihen als Vizepräsident des BDB zwar zurückgetreten; in seinem Tatendrang hat sich der ehemalige Pharmareferent durch diesen formalen Akt indes nicht bremsen lassen. Die »graue Eminenz«, wie Högner von Insidern genannt wird, fungiert bei Kampfabenden als BDB-Delegierter.
Doch damit soll es nun vorbei sein. Denn kürzlich leistete sich der hemdsärmelige Funktionär eine Entgleisung, die ihn endgültig um jeglichen Einfluss bringen könnte. Am Rande einer Boxveranstaltung in Hamburg schwadronierte Högner über den algerischen Boxer Ramdane Kaouane: »Der soll doch lieber arbeiten gehen oder zurück nach Algerien.« Unter anderem verglich er die Arbeitsweise des Preisboxers mit der einer Prostituierten auf der Reeperbahn.
Auch wenn Högner die Aussagen dementiert - sie fanden Niederschlag in der »Süddeutschen Zeitung«. Seither ist die Boxbranche in heller Aufregung. Högners »fremdenfeindliche Äußerungen«, so schrieb die Sauerland Event GmbH an Verbandschef Eckmann, stellten den »gesamten deutschen Boxsport« in die »rechte Ecke«. Sollte der Verband aus den »ständigen menschenverachtenden Äußerungen des Herrn Högner« bis Anfang dieser Woche keine Konsequenzen ziehen, werde das Sauerland-Team seine Mitgliedschaft auflösen und sich dem österreichischen Boxverband anschließen.
Nun steht der BDB vor einer Zerreißprobe. Präsident Eckmann stellt sich noch schützend vor seinen Duzfreund Högner und spielt die allgemeine Aufregung als »Sturm im Wasserglas« herunter. Sein Präsidiumskollege Lothar Brunst hingegen sieht Handlungsbedarf: »Wenn Högner die Vorwürfe nicht aus der Welt schafft, muss er alle Ämter niederlegen.«
Zumal es sich bei Högner nicht um einen Ersttäter zu handeln scheint. So meldete sich aus ihrer mallorquinischen Wahlheimat die einstige Szenegröße Ebby Thust zu Wort. In einem offenen Brief an den BDB erinnerte Thust daran, dass der »liebe Hans« schon vor Jahren an einer Hotelbar in Essen den niederländischen Promoter Henk Ruhling mit der Aussage schockiert habe: »Alle Juden müssen raus aus Deutschland.« Ein Vorgang, der zwar an Eides statt versichert wurde, aber dennoch von Högner bestritten wird.
Auch der Leiter der Berliner IFCO Box Promotion, Mike Kloth, berichtet von einer bemerkenswerten Begegnung mit Högner. Als Kloth kürzlich wissen wollte, warum die vom BDB angekündigte Rehabilitierung des von den Nazis im KZ ermordeten Boxers Johann Wilhelm Trollmann so schleppend vorangehe, hob Högner zu einem kruden Grundsatzreferat an. Erstens werde Trollmann davon »auch nicht mehr lebendig«. Zweitens sehe man ja am Streit um die Beteiligung der Firma Degussa am Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin, wie schwierig Geschichte zu bewerten sei. Wer wisse zum Beispiel schon, ob nicht »auch Juden Zyklon-B-Gas damals hergestellt haben«.
Högner selbst versteht die Aufregung um seine Person nicht. Der Pensionär fühlt sich missverstanden und weist sämtliche Vorwürfe zurück. Vergangene Woche reiste er als Repräsentant des BDB nach New York zu Witalij Klitschkos Kampf gegen den Kanadier Kirk Johnson. Es schien wie eine Flucht in den Schutzraum des Boxpromoters Kohl.
Allzu sicher sollte sich Högner jedoch nicht fühlen. Wenn das Image des Profiboxens auf dem Spiel stehe, glaubt Sauerland-Geschäftsführer Christian Meyer, »lässt Kohl seinen Freund fallen wie eine heiße Kartoffel«. GERHARD PFEIL