Risse im Bild - DER SPIEGEL
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LEICHTATHLETIK Risse im Bild

Der Amerikaner Carl Lewis war der Star der olympischen Leichtathletik. Aber nach dem Sieg im Weitsprung wurde er von seinen Landsleuten ausgepfiffen. *
• aus DER SPIEGEL 33/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den 85 870 Zuschauern, so schrieb die »Los Angeles Times«, sei wohl zumute gewesen, »als hätte Frank Sinatra nach einem Lied sein Konzert beendet«.

Sie waren hauptsächlich in der Hoffnung ins Coliseum gekommen, Leichtathletik-Geschichte live zu erleben. Doch Carl Lewis verweigerte den Großangriff auf den seit 16 Jahren bestehenden 8,90-Meter-Weitsprung-Weltrekord Bob Beamons. Nach einem ersten Sprung über 8,54 Meter und einem zweiten, ungültigen Versuch verspürte der schwarze Modellathlet ein Ziehen im linken Knie und packte seine Tasche. Lewis hatte ohne Mühe Gold gewonnen, und das reichte ihm.

Den Zuschauern reichte es nicht. Statt der »USA, USA«-Sprechchöre, die ihn nach dem 100-Meter-Erfolg noch triumphal zum Siegespodest geleitet hatten, mußte sich Lewis nun schrille Pfiffe anhören. Das Bild vom olympischen Supermann 84 hatte Risse bekommen, Lewis war »schockiert«.

Selbst als er am Tag darauf, nach seinem dritten Olympiasieg (über 200 Meter), mit dem Sternenbanner in der Hand das Treppchen erklomm, reagierte die Menge noch eher unterkühlt. Erst als Lewis seine Landsleute Baptiste und Jefferson, Zweit- und Drittplazierter, demonstrativ

zu sich auf die höchste Stufe bat, erreichte der Jubel im Coliseum wieder die bei amerikanischen Triumphen übliche Orkanstärke.

Vor Beginn der XXIII. Olympischen Spiele hatte »die Pistenrakete« ("L'Equipe") gemutmaßt: »Falls ich nicht die Goldmedaille über 100 und 200 Meter, in der 4x 100-Meter-Staffel und im Weitsprung gewinne, wird man mich als Versager bezeichnen« und trotzig hinzugefügt: »In mir schlummert kein Versager.« Er hat in keinem Einzelwettbewerb versagt, aber er hat Erwartungen provoziert, die ihm nun vorgehalten werden. Von Lewis selbst stammt schließlich die Einschätzung, er könne vielleicht über neun Meter weit springen und die 100 Meter in 9,9 Sekunden laufen. 9,93 Sekunden sind seit einem Jahr Weltrekord.

Der sicherste Weg, einen Carl Lewis, 23, zu Höchstleistungen anzutreiben, ist, »mir zu sagen: Du schaffst das nicht«. Lewis kennt nur einen Kontrahenten - sich selbst. Nach Meditationen mit einem Guru namens Sri Chinmoy und Gebeten mit einer evangelischen Gemeinschaft, der »Lay Witnesses for Christ«, überkam ihn die Erleuchtung: »Ich verfüge über gottgegebene Talente.«

Wehe jenen, die ihm Befehle erteilen wollen. Er sei wie ein Computer, vergleicht Lewis-Coach Tellez. Wenn man die richtigen Werte eingibt, arbeitet er korrekt, sonst wird er störrisch. Der Goldmedaillen-Held, urteilte »Sports Illustrated«, sei ein »absoluter Einzelgänger«.

So hat er die amerikanische Öffentlichkeit mit der Ankündigung verblüfft, nach den Olympischen Spielen werde er, vielleicht, für eine weitere Disziplin trainieren, den Hürdenlauf. »Ganz unten anzufangen« und zu sehen, wie »weit ich komme, macht mir Spaß«, erklärte Lewis forsch. Ein »wenig Bescheidenheit« ließ ihn darauf Edwin Moses, Goldmedaillen-Gewinner über 400 Meter Hürden, wissen, sei »wohl angebracht«.

Im olympischen Dorf meldete sich Lewis zwar als Mieter an. Tatsächlich aber residierte er mit Mutter, Vater und Schwester Carol, Weitspringerin im US-Team, in einer weißen, zweistöckigen Villa in den Hügeln Hollywoods, weitab vom olympischen Trubel, dort, wo Waschbären hausen und Kojoten heulen. Sein Olympia-Versteck hinter

schmiedeeisernen Gittern wurde stets von einem Posten bewacht.

Lewis war allein erreichbar für seinen Manager, und Verständnis fand er wohl nur bei der Familie. »Ich gehorche nicht einfach deshalb, weil mir etwas befohlen wird«, sagt zum Beispiel Vater Lewis, der als Leichtathletik-Trainer in einer Oberschule in Willingboro (US-Staat New Jersey) unterrichtet, »ich bestimme meine Zukunft selbst.« Das hätte auch der Sohn sagen können.

Ein wenig klingt dabei die Erfahrung aus dem Süden mit, Erinnerungen an den Rassismus, mit dem die Lewis-Eltern in jungen Jahren zu tun hatten. »Wir haben unser Schicksal in unserer eigenen Hand«, hat Bill Lewis seinen Kindern von früh an eingetrichtert.

Der musisch begabte, sanfte Carl spielte mit Puppen, übte am Piano und Cello. Er tanzte und begann als Kleinkind schon mit ersten Übungssprüngen in der Sandkiste. Statt des rauhen Football spielte er zunächst das europäische Soccer (Fußball), weil es ihm mehr Freiheiten gewährte.

Die Eltern ließen ihn seine Individualität ausleben, förderten seine Talente und respektierten seine Persönlichkeit.

Der Sportler besucht kaum je eine Bar und benötigt auch nicht »jede Nacht eine andere Frau im Bett«. Nur mit einer Frau zeigt er sich bereitwillig in der Öffentlichkeit - seiner Schwester. Lewis-Kontrahenten behaupten deshalb, der Olympia-Sieger, der seinen Haarschopf so schneiden ließ wie die schwarze Sängerin Grace Jones ihn trägt, sei homosexuell veranlagt. Lewis dementiert energisch.

»Niemand von uns hat wirklich viele enge Freunde«, erklärt der Vater. Keines der Lewis-Kinder ist verheiratet. Bei Leichtathletik-Veranstaltungen lehnt Lewis meist ab, in einem Hotel mit seinen Kollegen zu wohnen. Auch da ist er ein Außenseiter. Edwin Moses nannte ihn einen »showboater«, einen Angeber.

Lewis arbeitet an einem Image, das er vermarkten will. »Geld«, hat er erkannt, »bedeutet Freiheit.« Um seine Schüchternheit zu überwinden, die ihn lange daran hinderte, vor großen Menschengruppen frei zu reden, belegte er sogenannte »speech classes« und nahm Schauspielkurse in New York. Die Fernsehgesellschaft ABC offerierte ihm in Houston einen Gelegenheitsjob als Reporter. Er akzeptierte, denn er wollte lernen, sich auf Kameras einzustellen.

Keine seiner Gesten ist zufällig. Wenn Lewis, wie etwa nach dem 100-Meter-Sieg, zur Tribüne eilt, dort, offenbar spontan, einem Zuschauer ein überdimensionales Sternenbanner entreißt und damit einige hundert Meter durchs Stadion läuft, ist das sorgfältig geplant. Einer seiner Trainer hockte zur Fahnenübergabe am rechten Platz.

Die publizistische Resonanz entsprach den Erwartungen. In Hunderten, wenn

nicht Tausenden Zeitungen wurde der fahnenschwenkende Lewis in Farbe abgedruckt, ein rechter Patriot, ein guter Amerikaner. Welches Werbeunternehmen wird ihn nun nicht engagieren wollen?

Lewis wußte auch, in welcher Reihe John Carlos sitzen würde, der 1968 in Mexiko-Stadt nach dem 200-Meter-Lauf bei der Siegerehrung seine Faust zum »Black Power«-Salut ballte und seither um seine Existenz kämpfen muß. Lewis umarmte Carlos vor den Fernsehkameras und demonstrierte so Verbundenheit auch mit dem schwarzen Amerika, das ebenfalls nicht so recht weiß, wo es ihn einordnen soll.

Dieser Supermann, der statt mit einer Frau in seiner 175 000-Dollar-Villa mit einem weißen Hündchen namens »Sasha« lebt, Nightclubs so wenig schätzt wie Bourbon, Kristall sammelt und »gern einkaufen geht«, ist vielen ein Rätsel geblieben, trotz Titelgeschichten in »Time« und dem »New York Times Magazine«, trotz Interviews im Fernsehen.

Lewis offenbart sich nur, soweit es seinem Image nützt. Jeder Phototermin, jedes Interview muß zuvor mit seinem Manager Joe Douglas abgesprochen werden. Mittwochs hat Lewis - telephonisch - Sprechstunden für Journalisten.

Über einen Computer ist er von seiner Villa in Texas mit seinem in Kalifornien residierenden Manager verbunden. Seine Startgelder, zuweilen um 20 000 Dollar, und Einnahmen aus Sponsorenverträgen, die auf jährlich eine Million Dollar geschätzt werden, läßt der Olympiasieger von der Firma »Athcon, Inc.« verwalten. Sie gehört ihm. Er ist der Präsident, Vater Bill der Vizechef, die Mutter die Schatzmeisterin.

Beim Olympia in Los Angeles hatte dieses Familienunternehmen Konkurrenz nur »vom Geist Jesse Owens«, wie die »New York Times« registrierte. Owens hat 1936 in Berlin vier Goldmedaillen gewonnen, ihn hat die Sportwelt geliebt - und nicht nur, weil er so schnell laufen konnte.

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