Sanfter Riese - DER SPIEGEL
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BASKETBALL Sanfter Riese

Erstmals reüssiert ein Chinese in der amerikanischen Profiliga: Yao Ming soll die Houston Rockets in die Play-offs führen - und eine neue Klientel erschließen.
• aus DER SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In China nennen sie Yao Ming den »kleinen Riesen«, was ziemlich absurd ist für einen Menschen von 2,26 Meter Lebensgröße. Es handelt sich jedoch keineswegs um eine abfällige Verniedlichung, sondern um die ultimative Huldigung für einen außergewöhnlichen Basketballspieler. Denn Yao ist gegen alle Erwartung körperlich gewandt und schnell, er bewegt sich flüssig, und seine ausladenden Gliedmaßen wirken dabei verblüffend proportioniert. »Wenn ich ihn so auf dem Spielfeld rennen sehe, würde ich schätzen, er ist knapp über zwei Meter groß«, staunte denn auch Ernie Grunfeld, Manager der Milwaukee Bucks, nach der Erstbesichtigung des Phänomens.

Die Houston Rockets haben Yao, 22, Anfang der Saison an Land gezogen. Seither spielt die junge Mannschaft, die glanzlos vor sich hin gedümpelt hatte, sehenswerten Basketball. Im Schnitt warf Yao zuletzt pro Spiel 17,1 Körbe und holte 10,3 Rebounds - für einen Rookie eine grandiose Ausbeute.

Der irritierend freundliche, lakonische Chinese hat jetzt schon mehrere Rekorde gebrochen: Er ist der erste ausländische Spieler in der an Legenden reichen Geschichte der National Basketball Association (NBA), der bei der Spielerauswahl als Nummer eins gezogen wurde; er wird beim All-Star-Treffen im Februar, wenn sich die Besten der Besten versammeln, im Team der Western Conference als Center auflaufen - der große Shaquille O'Neal wird nach Lage der Dinge nur sein Ersatzmann sein; und er ist in der NBA einer der Goldesel der Saison.

Yao Ming hat den Rockets einen völlig neuen Interessentenkreis erschlossen. Im Großraum Houston wohnen ungefähr 350 000 Asiaten, ein Großteil davon chinesischer Herkunft. Wochenlang zierten gigantische Yao-Plakate die Stadt, ein lokaler Radiosender richtete eine Sendung in Mandarin ein. Die NBA hat seit kurzem auch eine Website in Chinesisch, auf der Yao aus dem wenig abwechslungsreichen Leben eines Basketballprofis plaudert: Englisch lernen, Strategiesitzungen mit »Team Yao«, in dem sich Geschäftsleute zumeist chinesischer Abstammung über die Vermarktung des kleinen Riesen Gedanken machen, zu kurze Hotelbetten - und 82 Spiele bis Mitte April, bevor dann die Playoffs losgehen.

Natürlich hätte Yao nie die Erlaubnis bekommen, in Houston zu spielen, wenn die chinesische Regierung keinen Vorteil darin sähe. Im Jahr 2008 finden die Olympischen Spiele in Peking statt - und China will unbedingt eine Medaille im Basketball holen, der mittlerweile genauso beliebt ist wie Fußball. Das Team soll um das Wunderkind Yao herum aufgebaut werden, das seine Fertigkeiten in der NBA vervollkommnen darf. Zwei seiner hoffnungsvollen Mitspieler in der chinesischen Nationalauswahl - Mengke Bateer (San Antonio Spurs) und Wang Zhizhi (Los Angeles Clippers) - kamen bereits ein Jahr zuvor nach Amerika, ohne allerdings den Durchbruch zu schaffen.

Auch die NBA hat Blut geleckt. Mittlerweile schloss sie mit 14 regionalen und landesweiten chinesischen TV-Sendern Verträge ab; erst neulich eröffnete sie in Peking ein Büro. Mindestens 30 Spiele der Rockets werden in dieser Saison übertragen. Das Match gegen die Cleveland Cavaliers, eine der schlechtesten Mannschaften in der NBA, sahen in China 5,5 Millionen Zuschauer, noch einmal 11,5 Millionen schalteten bei der Wiederholung am selben Abend ein.

Die Orientierung nach Fernost kommt gerade recht, da in Amerika die Einschaltquoten der Live-Übertragungen auf rund 1,1 Millionen Zuschauer gesunken sind. Der Markt im Mutterland ist so gut wie ausgeschöpft; allein Michael Jordans langer Abschied füllt die Hallen und lockt das Fernsehpublikum - aus Andacht für vergangene Größe. David Stern, der Allgewaltige im NBA-Management, lässt deshalb seine Blicke ständig über die Kontinente schweifen, um über neue Talente neue Märkte zu erschließen.

Für China soll Yao Ming werden, was Michael Jordan für Amerika war: eine Sport-Ikone, um die sich die Phantasie der Jugend rankt, und der Trendsetter fürs Merchandising, das im Riesenreich noch völlig unterentwickelt ist.

Offenbar ist die Regierung in Peking gewillt, mit Basketball als kapitalistisch durchorganisierter Sportart zu experimentieren. Jetzt dürfen wie beim Tischtennis die Besten nicht erst dann ins Ausland gehen, wenn sie den Zenit ihres Könnens überschritten haben. Und auch an Importe ist diesmal gedacht: Scouts und Trainer aus der NBA sollen nach China kommen, um ihre Sichtungs- und Trainingsmethoden zu lehren.

Ein kleiner kultureller Unterschied lässt sich trotz aller Annäherung auf dem Spielfeld noch studieren. Der Mann aus Shanghai hat eine Abneigung gegen Slam Dunks, bei denen der Spieler im freien Anflug den Ball von oben in den 3,05 Meter hohen Korb schmettert. Solche spektakulären Einlagen sind nicht nur Ausweis von Artistik, sie sind auch dazu da, das eigene Team zu befeuern, indem sie den Gegner demütigen. Doch die Trainer daheim in China halten krachende Körbe für reine Energieverschwendung und, schlimmer noch, für Personenkult.

Yao springt unangestrengt hoch und lässt den Ball sanft in den Korb fallen.

GERHARD SPÖRL

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