MÜNCHEN Sauft Wasser
Am letzten Juni-Sonnabend dieses Jahres überfluteten 6000 lärmende Bayern den Münchner Flugplatz Riem. Sie empfingen die heimkehrende Fußballmannschaft des FC Bayern. Über das Rollfeld dröhnte eine unzeitgemäße Melodie: »0 Tannenbaum...« Der von den Fußballfans unterlegte Text war freilich aktuell: »0 Ohlhauser... wie schön sind deine Tore.« Die Menge feierte Bayern-Mittelstürmer Rainer Ohlhauser und seine Kicker-Kollegen für den Aufstieg in die Bundesliga.
Seit dem Erfolg des FC Bayern ist München die erste Stadt mit zwei Bundesliga-Klubs. Und seit dem dritten Spieltag dieser Saison lösten sich München 1860 und Bayern München an der Tabellenspitze ab. Zuletzt behaupteten sie sogar die ersten beiden Tabellenplätze. Jetzt möchte ich in München wohnen«, wünschte sich Alt-Nationalspieler Fritz Walter aus Kaiserslautern, »in München ist was los im Fußball.«
Als 1962 beschlossen wurde, die Bundesliga als höchste deutsche Spielklasse einzurichten, zählte München in der deutschen Fußball-Geographie zur Provinz. Doch im Sommer 1961 hatte München 1860 einen prominenten Erfolgstrainer verpflichtet: den früheren österreichischen Nationalspieler Max Merkel.
»Sauft Leitungswasser«, schnauzte Merkel die verwöhnten, sektschlürfenden Münchner Spieler nach einer Niederläge an. Vor der Saison 1962/63, in der darüber entschieden wurde, welche Vereine 1963 in die Buhdesliga aufgenommen werden sollten, halbierte Merkel den Mannschaftsstamm: Er entließ zehn von 21 Spielern, darunter selbst Nationalspieler Helmut Benthaus. Die verjüngte Mannschaft von München 1860 wurde 1963 erstmals Süddeutscher Meister und qualifizierte sich dadurch für die Bundesliga - der FC Bayern nicht.
Nachdem München 1860 den Rivalen ausgestochen hatte, puzzelte Trainer Merkel zielstrebig eine Star-Elf zusammen. Nur drei Spieler der jetzigen Kern-Mannschaft sind aus dem eigenen Verein hervorgegangen. Unter den erfahrenen Fußball-Gastarbeitern, die Merkel einfügte, waren die jugoslawischen Nationalspieler Perusic und Torwart Petar ("Radi") Radenkovic. Bei München 1860 spielen zur Zeit insgesamt zehn Nationalspieler.
Merkels Lizenzkicker mußten zeitraubende Nebenberufe aufgeben. Sie durften allenfalls unter ihrem Namen Geschäfte einrichten, die ihnen auch morgens Zeit zum Training ließen. Von donnerstags an isolierte Merkel seine Mannschaft auch vor Heimspielen. Der aus Westdeutschland zugezogene Nationalspieler Hans Küppers mußte sogar am Morgen nach seiner Hochzeit mit ins Trainingslager. Merkel: Ein Fußballspieler heiratet sonntags oder montags, nicht mittwochs.«
Eine Verspätung beim Training kostet 50 Mark, im Wiederholungsfalle bis zu 200 Mark. Ab dienstags müssen die Spieler von 23 Uhr an Bettruhe einhalten. Werden sie statt dessen in einer Bar entdeckt, zieht ihnen der Klub nach einer festgelegten Straf-Staffel bis zu 1500 Mark ab. Als erster wurde, kurz nachdem sich seine Braut von ihm getrennt hatte, Nationalspieler Brunnenmeier ertappt und bestraft. Merkel setzte ihn als Mannschaftskapitän ab.
München 1860 geriet durch die hohen Investitionen für neue Spieler und die Star-Gagen allerdings in diesem Jahr mit 500 000 Mark in die roten Zahlen. Merkel selbst ist der höchstdotierte Trainer in Deutschland. Er kassiert ein Monatsgehalt von 11000 Mark (das Grundgehalt des Bundeskanzlers: 8707 Mark). Kritikern rechnet Merkel freilich vor, daß sich der Umsatz des Klubs von 600 000 Mark bei seinem Dienstantritt auf vier Millionen Mark in diesem Jahr mehr als versechsfachte. Außerdem erreichte Merkels Mannschaft in diesem Jahr als deutscher Pokalsieger sogar das Endspiel um den Europacup.
Den Einnahmen sind freilich enge Grenzen gesetzt: Das Stadion an der Grünwalder Straße faßt äußerstenfalls 45 000 Zuschauer, von denen lediglich 3800 ein Tribünendach über dem Kopf haben. Münchens Stadtregierung suchte dennoch die gegenwärtige Fußball-Konjunktur auszunutzen. Sie bewarb sich in der vergangenen Woche um die Olympischen Spiele 1972. Hat die Bewerbung Erfolg, müßten Bund und Bayern sich an den Baukosten des ohnehin geplanten Groß-Stadions beteiligen.
Um so lange aus eigener Kraft die Bilanz auszubalancieren, mußte Merkels Mannschaft mehr als nur siegen. Sie spielte offensiver als die meisten Konkurrenten, um durch möglichst viele Tore zusätzlich Zuschauer an die Kassen zu locken. Zudem förderte Merkel das Schau-Talent seines erstklassigen Torwarts Radenkovic. Der Jugoslawe besang Schallplatten ("Bin i Radi, bin i König") und entzückte seine Anhänger während der Fußball-Aktionen durch Galeriespiel und Gesten: Wie ein Feldherr dirigierte er Mitspieler; Gegner schockte er durch den Autofahrergruß.
Radenkovic wurde so populär, daß sogar ein Gegenspieler, dem er unfair auf den Fuß getreten hatte, sich vor dem Sportgericht nicht traute, gegen ihn auszusagen. »Was glaubst du, was sie in München mit dir gemacht hätten«, beglückwünschte Adalbert Wetzel, Präsident von München 1860, den von Radenkovic getretenen Spieler.
Trotz aller Popularität verdoppelte sich das finanzielle Risiko, nachdem der FC Bayern als zweiter Münchner Verein in diesem Jahr in die Bundesliga aufgestiegen war. Denn während in Hamburg, Köln oder Berlin nur alle zwei Wochen ein Bundesliga-Match ausgetragen wird, bittet jetzt in München an jedem Sonnabend ein Klub zur Kasse. Der jugoslawische Bayern-Trainer Zlatko Cajkovski - ein früherer Nationalspieler - kultivierte Merkels Erfolgs-Rezept: Er ließ seine Elf noch betonter angreifen. »Mauern ist dekadent«, kritisierte Cajkovski defensiv operierende Trainer-Kollegen. »Verlieren - kann passieren. Aber wir immer spielen gutes Fußball.« Tatsächlich zogen die beiden Münchner Mannschaften während der ersten 14 Spieltage dieser Saison durchschnittlich 37 500, insgesamt 1 050 000 Zuschauer an und schossen mehr Tore als alle Konkurrenten.
Bei den jüngeren Bayern-Spielern (Durchschnittsalter: 23 Jahre) bedurfte es keiner Disziplinarstrafen. Sie unterwarfen sich willig dem täglichen Training und entsagten ohne Strafandrohung dem süßen Leben in Deutschlands heimlicher Hauptstadt. »Ich verzichte sogar auf das Skilaufen«, erzählte Nationalspieler Rudolf Nafziger, »um mich nicht zu verletzen.« Nafziger und Bayern-Stopper Franz Beckenbauer debütierten nach drei Bundesliga-Monaten bereits in der Nationalelf.
Im Konkurrenzkampf um den Etat des Münchner Fußball-Publikums war der FC Bayern bestrebt, durch wirksame Werbung München 1860 an Beliebtheit zu übertrumpfen. Mit Fahnen, Transparenten, Trompeten und Anhängertroß marschierte die Mannschaft nach dem Aufstieg im Triumphzug rund um den Tegernsee. Die Mitgliederzahl kletterte von 3000 in einem Jahr auf 5200 (unter den Zugängen: Franz-Josef Strauß). Das 5000. Mitglied bekam eine goldene Uhr im Werte von 1000 Mark.
Um sich auch außerhalb des Fußballfeldes aussichtsreich um eine Meisterschaft bewerben zu können, engagierte Bayern München prominente Basketballspieler. Der Gegenzug des Ortsrivalen: München 1860 gewann den Bundestagsabgeordneten Konstantin Prinz von Bayern als Vorsitzenden seiner Basketball-Abteilung.
Auch die nichtorganisierten männlichen Münchner teilen sich zunehmend in engagierte Parteigänger der beiden Bundesliga-Klubs. Beim letzten Oktoberfest entfachte ein Fan im Bierzelt eine akustische Schlacht: Minutenlang überbrüllten sich zwei Parteien mit den traditionellen Anfeuerungsrufen beider Klubs: »Bayern, und »Sechzig«.
Um Zwischenfällen während der Faschingssaison vorzubeugen, wurde dem Münchner Faschingsprinzen dringend geraten, den Namen des von ihm bevorzugten Vereins nicht preiszugeben.
Anhänger des FC Bayern beim Marsch um den Tegernsee: Mauern ist dekadent
FC-Bayern-Trainer Cajkovski
»Verlieren kann passieren...
München-1860-Torwart Radenkovic
..aber wir immer spielen gutes Fußball«