NATIONALMANNSCHAFT Schlimmer geht's immer
Das Schlimmste ist dem Kanzler erspart geblieben. Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag vergangener Woche in Rotterdam vom Platz schlich, weil sie von Portugals Ersatzleuten bei der Europameisterschaft mit 0:3 vorgeführt worden war, beriet Gerhard Schröder mit Andrea Fischer, Walter Riester und Hans Eichel über die Krankenkassenbeiträge für Arbeitslose: Er erlebte das Debakel nur in den Schlüsselszenen nach.
Vielleicht hat er deshalb dem ausscheidenden Oldtimer Lothar Matthäus einen so aufmunternden Brief geschrieben. Wer wüsste besser als er, dass der Erfolg viele Väter hat, der Misserfolg aber »ein Waisenkind« ist? »Mir stinkt es«, sagt Schröder, dass nach dieser »in der Tat desolaten Leistung« alle nur auf einzelnen Spielern rumprügelten, statt die Misere des Deutschen Fußballs insgesamt anzuprangern. Was dem sozialen Aufsteiger Gerhard Schröder aber ebenfalls stinkt, ohne Neid, wie er versichert, steht nicht in dem Brief: »Dass unsere jungen Leute zu satt sind. Die kriegen zu früh zu viel.«
Im Morgengrauen hatten sie sich vorigen Mittwoch davongestohlen, bleich, verkatert und geächtet. Vor ihre Gesichter scho-
ben sie Zeitungen und Taschen, grad so, als müssten sie wegen nationaler Schamverletzung vor Gericht. Schließlich, man weiß es jetzt, hatten die Fußball-Millionäre nicht nur Schmach auf ihr Vaterland gehäuft. Sie hatten danach auch noch gelacht, gezecht und Lieder gesungen, fröhliche.
»Die Nationalelf der Schande«, hetzte »Bild«. Und vor dem Hotel hielten erbitterte Fans ein Transparent hoch: »Wir sind Deutsche und ihr nicht.«
Immerhin hat noch keiner die Todesstrafe gefordert, nicht mal Sicherheitsverwahrung oder die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Und ein Gesetz, das solch erbärmliche Fußballspiele verbieten würde, gibt es auch nicht. »Leider«, sagt Innenminister Otto Schily verächtlich, der die »trostlose Vorstellung« der Elf mit dem Adler in Rotterdam miterlebte.
»Absoluter Tiefpunkt des Deutschen Fußballs«, jault es seither durch die Bundesrepublik, und auch die schadenfrohe Presse der europäischen Nachbarn höhnt, schlechter könne es nicht werden.
Da sollte niemand zu sicher sein. Denn schlimmer geht''s immer beim DFB. Hatten wir nicht schon 1994 bei der WM in den USA mit der Niederlage gegen Bulgarien die Talsohle erreicht? Und waren wir nicht 1998 in Frankreich am unteren Ende der Fahnenstange angekommen, als Berti Vogts gehen musste? Und Ribbeck kam?
Am vergangenen Wochenende saßen in Frankfurt die belämmerten Führungsleute des DFB zusammen, um die Absagen zu sortieren, die ihre hektische Suche nach einem Ribbeck-Nachfolger erbracht hatte. Christoph Daum darf nicht, Jupp Heynckes kann nicht, Ottmar Hitzfeld mag nicht, Otto Rehhagel will nicht. Aus Berlin meldete sich spöttisch der Bundeskanzler als Aushilfe. »Ich habe es mir wirklich überlegt. Ich mache es im Nebenberuf - Bundestrainer. Aber nur am Wochenende.« Dann vielleicht doch lieber Paul Breitner? Oder Boris Becker? Oder noch mal Berti Vogts?
Die DFB-Oberen meisterten die Situation auf vertraute Weise. Der Chef Egidius Braun, 75, begehrte süßlich, nicht schuld zu sein, wie immer. Sein designierter Nachfolger Gerhard Mayer-Vorfelder - der in 25 Management-Jahren beim Bundesliga-Club VfB Stuttgart 18 Trainer gefunden und wieder verloren hat - führte mit seinem Wunschtrainer und Ex-Angestellten Christoph Daum schon Gespräche, als Ribbeck und seine Truppe noch die Chance zum Weiterkommen hatten.
Und Mayer-Vorfelders interner Gegenspieler Franz Beckenbauer, DFB-Vizepräsident auch er, zudem der Einzige, auf den alle hören würden, sprudelte nur so über von unbedachten Vorschlägen: Jürgen Röber von Hertha BSC? Volker Finke aus Freiburg? Louis van Gaal, neulich noch FC Barcelona? Franz: »Jeder kann es, wenn er es macht.«
Am Ende drohte - im Gefolge des Italieners Giovanni Trapattoni - gar der verdiente EM-Verlierer Matthäus. Mit einem Interview in der »Welt« bewies er, dass er verlässlich resistent ist gegen neue Einsichten. Neuaufbau des deutschen Teams? Matthäus: »Das Wichtigste ist für mich: Wenn man zur Nationalmannschaft fährt, muss man stolz sein, dabei sein zu dürfen.«
Stolz worauf? Wer die Arbeitsverweigerer vom Platz schleichen sah, bekam eine Ahnung davon, dass die meisten dieser reichen Tröpfe überhaupt nicht begriffen, was ihnen gerade widerfuhr.
Sie hatten mit dreister Dämlichkeit emotionale Turbulenzen in Deutschland ausgelöst, die sie nicht verstanden. Und schon gar nicht waren sie ihnen gewachsen. Die Nationalelf nahmen sie nie ernst. Deutschland war für sie nur ein Verein, der schlecht zahlte und einen lachhaften Trainer hatte.
Oliver Bierhoff, der Kapitän, der in Italien spielt, hat seine Homepage im Internet schwarz-rot-gold grundiert. Man kann sicher sein, dass der smarte Profi seinen Patriotismus als nützlich fürs Geschäft betrachtet. Aber ein Jugendtraum erfüllte sich mit seiner Nominierung auch. Für ihn bleibt die Nationalelf »das Aushängeschild des deutschen Fußballs«.
Den meisten seiner Kollegen war erst im Trainingslager auf Mallorca - als sie gegen den lokalen Club Real ein Testspiel bestritten, das in Deutschland siebeneinhalb Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockte - gedämmert, dass der Nationen-Wettbewerb den Fans zu Hause womöglich mehr bedeuten könnte als bloße Freizeitgestaltung.
Dennoch traf sie die Intensität des öffentlichen Wutgeheuls ähnlich unvorbereitet, wie 36 Jahre vorher die »Helden von Bern«, Sepp Herbergers Überraschungsweltmeister, vom Jubel ihrer Landsleute überwältigt wurden. Damals wurde aus dem Fußballsieg der Elf um Fritz Walter eine Art emotionale Selbstanerkennung der Republik. Neun Jahre nach der totalen Kapitulation der Nazis fanden die Deutschen, ermutigt durch einen Fußball-
triumph über die Traummannschaft aus Ungarn: »Wir sind wieder wer.«
Nun fragen die Deutschen: »Waren wir nicht mal was?«
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung und der frivolen Ankündigung des Teamchefs der WM-Mannschaft von 1990, Franz Beckenbauer, die vereinten Deutschen seien nun über Jahre nicht zu besiegen ("Es tut mir Leid für den Rest der Welt"), blickt die Nation konsterniert, erschrocken und belustigt auf ihre armseligen Kicker. Die spielen für uns?
»Unser Sport ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft mit allem Guten und Schlechten«, hatte Joseph Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbands (Fifa), im Januar dem DFB zum 100. Geburtstag zu bedenken gegeben.
Das durfte nicht wahr sein! Das Bild, das im Spiegel von Rotterdam auftauchte, mochte die europäischen Nachbarn erleichtern und belustigen. Den Deutschen konnte es nicht gefallen, so sehr sie sich auch anstrengten, es leicht zu nehmen.
Es war einfach zu wahr, um schön zu sein. Dabei hätten wir uns doch längst daran gewöhnt haben sollen, dass »made in Germany« nicht mehr von vornherein ein Markenzeichen ist, das Gegner und Konkurrenten ganz automatisch zu bibbernden Verlierern macht.
Wir haben als neue Volksaktionäre mitgekriegt, wie die Telekom international immer zu spät kommt, wie die Manager der Deutschen und der Dresdner Bank ihre Mega-Fusion zu einem formidablen Flop machten, dass die Welt sogar lieber in einem französischen Zug Tempo macht statt im ICE, dem Meisterstück deutscher Ingenieurskunst.
Warum sollen sich Fußballer, die versagt haben, mehr schämen als CDU-Politiker für ihre schwarzen Kassen und Sozialdemokraten für einen weggelaufenen Vorsitzenden? Nur weil sie dann auch noch auf der Terrasse für 1400 Mark Bier und Schampus tranken und den Anton aus Tirol besangen bis in die Morgenstunden?
Die unbequeme Wahrheit für die Deutschen ist: Das waren auch »unsere Jungs« in Rotterdam. Da stand eine Generation auf dem Platz, wie sie in Büros und Fabrikhallen des Landes jeden Morgen antritt. Auch hier fahnden Abteilungsleiter nach Sekundärtugenden, die mal als stramm deutsch galten, weltweit. Und die an ihren Schreibtischen und Werkbänken schauen nach oben und suchen, meist vergebens, nach Chefs, die ihnen vormachen, wie die Ärmel aufgekrempelt werden, die vor Ideen sprühen, wie aus allen Globalisierungsgewinner werden könnten.
Fußball lebt heutzutage von der Faszination, gesellschaftliche Vorgänge in TV-Bilder umzusetzen. Deshalb war die Wirkung der Bilder so verheerend. »Ein Volk, eine Nation ist eine Schicksalsgemeinschaft«, hat Egidius Braun einmal gesagt, der Präsident des DFB, der nur 600 Meter vor der holländischen und 400 Meter von der belgischen Grenze entfernt wohnt. Und im Fußball schlagen sich nach seiner Beobachtung die gleichen »typisch deutschen Eigenschaften« nieder, die auch in der Wirtschaft als »Gütesiegel« gelten: Zuverlässigkeit und Ehrgeiz, Hartnäckigkeit und Fleiß.
Dass sich die Heldensage von der unbezwingbaren teutonischen Kampfmaschine, die Mär von Willenskraft und physischer Stärke, die jeden Gegner in die Knie zwingt, endgültig als Satire entpuppte, überraschte nicht mal an Deutschlands Stammtischen. Dass aber auch der Mythos von den deutschen Tugenden brutal zerstört wurde, der nicht nachlassende Glaube, »ein Spiel zu wenden, wenn es nicht gut läuft«, wie es Ottmar Hitzfeld einmal ausdrückte - dieser Schock saß tief.
Über Kampf zum Spiel? Turniermannschaft? Fußballgötter? Vorbei: Drei Spiele. Kein Sieg. Ein Tor. »Auf Wiedersehen«, höhnten die Portugiesen auf den Rängen. Die deutschen Tugenden führten fortan die Türken vor.
Na und? Ist es nicht wunderbar, dass »die Panzer« in ausländischen Gazetten endlich mal »weinen«, statt zu walzen? Ist die »durchtriebene Faulheit« ("FAZ") der jungen Deutschen nicht geradezu ein Geschenk an die Welt? Versöhnliches Europäertum?
Als wären die ängstlich stolpernden Geradeausläufer des EM-Teams, die Zieges und Kirstens, die Babbels und Linkes, tatsächlich wünschenswerte Gegenentwürfe zu den pflichteifrigen Malochern von einst. Keine Spur von Spaßgesellschaft, kein Hauch von lustvoller Verneinung. Deutschlands Fußball-Bubis können einfach ihren Beruf nicht.
Vor Beginn der Europameisterschaft hatten viele vermutet, dass uns der Fußball, aufgedrängt durch das Fernsehen, zwar mehr beschäftigt denn je, aber nicht mehr wirklich aufregt. Doch nach dem Spiel in Rotterdam redeten die einen, wenn sie sich über die Verlierer empörten, hitzig über Deutschland. Und die anderen vom Fußball. Am Ende klang es so schrill, als gingen zwei deutsche Selbstbild-Parteien einander an die Gurgel.
Seit der Publizist Norbert Seitz 1987 in seinem Buch »Bananenrepublik und Gurkentruppe« eine »nahtlose Übereinstimmung zwischen Fußball und Politik« behauptet hatte, fühlen sich offenbar die Kanzler selbst verpflichtet, entsprechende »Doppelpässe« verbal vorzubereiten. Für Seitz ist klar, dass in Rotterdam das »System Kohl« - das ewige »Weiter so Deutschland. Entscheidend ist, was hinten rauskommt« - noch einmal verloren hat. Doch sei der »Modernisierer« Schröder als Sieger bei den Leuten deshalb noch keineswegs akzeptiert.
Die gedanklichen Analogien zwischen Fußball und Politik wirken bei Kohl und Schröder weniger aufgesetzt als bei ihren Vorgängern, weil beide Kanzler in ihrer Jugend selbst Fußball gespielt haben. Beide bekennen sich zu Berti Vogts'' Satz von 1996, dass die Mannschaft der Star sei. Nur haben sie sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine gute Mannschaft funktioniert und was sie symbolisiert.
Schon 1986 bei der WM in Mexiko, als Helmut Kohl erbarmungslos das deutsche Team Mann für Mann an seine breite Männerbrust zog, hatte er seine Vorstellungen formuliert: »Grob gesagt, gibt diese Mannschaft schon etwas wieder vom Nationalcharakter unseres Volkes. Sie hat gekämpft, nie aufgegeben und war immer mit vollem Einsatz dabei.« Bis heute ist Herbergers Fußball-Auffassung vom »Chef«, der das Sagen hat, und den »Männern«, die für ihn laufen müssen, die politische Führungsvorstellung Kohls geblieben.
Wenn hingegen Gerhard Schröder einstimmt in Berti Vogts'' Loblied auf die Mannschaft von 1996, die der Star war, dann vergisst er nicht hinzuzufügen: »Vor allem war es doch Matthias Sammer, dem es gelang, das Team mit seiner Begeisterung und Leidenschaft zu Höchstleistungen zu treiben.« Sammer sei einer gewesen, »der das Spiel lesen, der Situationen blitzschnell erfassen konnte, ein Spieler, bei dem Talent, Intuition, Disziplin zusammen- kamen«. Kurz: Sammer war in den Augen Schröders wie Schröder - »ein Modernisierungsprogramm in Person«.
Als symbolische Verkörperung der Schröderschen Vision auf dem Rasen steht Matthias Sammer dem deutschen Fußball-Bund nicht mehr zur Verfügung: Er ist Trainer bei Borussia Dortmund. Ersatzweise böte sich für die Nationalmannschaft nur einer an - Franz Beckenbauer.
Der Kaiser - medientüchtig, erfolgsverwöhnt, pragmatisch und ehrgeizig wie der Kanzler persönlich - dürfte Schröders Modernisierungsvorstellungen am trefflichsten verwirklichen. Gewänne er - der 1974 die Weltmeisterschaft als Spieler holte und 1990 als Trainer - nun auch noch die WM 2006 als Manager für Deutschland, hätte die Fußball-Nation ihr neues Wunder.
Schau''n mer mal. Kommende Woche, am 6. Juli, wird die Entscheidung der Fifa darüber fallen, wer in sechs Jahren die WM veranstalten darf, für die in Deutschlands Großstädten schon die Stadien umgebaut werden. Beckenbauer hat die Bewerbung zu seiner persönlichen Sache gemacht.
Nun ist er nervös. Weil der DFB ursprünglich darauf eingerichtet war, dass über die Vergabe dieser Weltmeisterschaft schon im März entschieden werden sollte, hatte er nicht nur rechtzeitig ein formvollendetes Bewerbungs-Dossier abgegeben. Auch die Gespräche mit den 24 Wahlmännern der Fifa waren termingerecht abgeschlossen, als ginge es darum, auf den Punkt bombige Laktatwerte vorzuweisen.
Dann wurde die Entscheidung auf Juli vertagt, und plötzlich drohen neue, für die Deutschen unerfreuliche Deals. Brasilien zum Beispiel soll auf seine Kandidatur zu Gunsten Südafrikas verzichten wollen, um mit den Stimmen Afrikas vier Jahre später zum Zug zu kommen. Kann man da was machen? »Man muss schauen, dass die anderen nicht mehr Land gewinnen«, sagt Mayer-Vorfelder in den Nebel einer Roth-Händle hinein. »Dauerbetreuung« der Wahlmänner bleibt angesagt.
Der Choleriker Beckenbauer kriegt noch immer Wutanfälle, wenn er an die beschauliche DFB-Zentrale an der Otto-Fleck-Schneise denkt, an der die Zeit spurlos vorbeizulaufen scheint. Die Verwaltung von über sechs Millionen Mitgliedern produziert »Zentimeter dicken Staubs«, stöhnte er, als er 1998 zum Deutschen Fußball-Bund zurückkehrte. Damals war er sicher, dass internationale Wettkämpfe bald nur noch von den Spitzenclubs bestritten würden. »Europa wächst zusammen«, sagte er. »Die Nationalmannschaft wird es eines Tages nicht mehr geben.«
Nicht erst die Reaktionen auf die Europameisterschaft 2000 dürften ihn eines Besseren belehrt haben. Gerade weil die Welt medial und Europa bürokratisch immer enger zusammenwachsen, entsteht ein neuer Bedarf an emotionaler Heimat. Die jungen Deutschen, die mit schwarz-rotgold bemalten Gesichtern auf den Rängen von Rotterdam »Deutschland« anfeuerten, führten keine Feldzüge.
Sie sind Wettkämpfer, keine Krieger. Wie beim Schlagerfestival wollten sie, dass »unser« Land gut abschneidet. Fußball und Musik sind die globalen Sprachen der Medienwelt. Und jeder will in seiner Muttersprache mitreden, auch »wir«, die Deutschen.
Doch das Lothar-Matthäus-Gedächtnis-Ensemble, das in Holland und Belgien den Rückpass übte, hatte für diese Erwartungen kein Gespür. Da stand jeder für nichts als seine ganz persönliche physische, emotionale und kreative Beschränktheit. »Wir waren weit davon entfernt, eine Mannschaft zu sein«, bekannte Torwart Oliver Kahn. »Jeder von uns hat irgendwie versucht, sich aus der Affäre zu ziehen. Nach dem Motto: Hoffentlich mache ich keine Fehler. Es war kein Glaube da. Niemand von uns war dem Druck gewachsen.«
Ist es womöglich das, worin sich die Fernsehgemeinde wieder erkannte? Dass die Fans es hassten, bei ihren Idolen mitansehen zu müssen, wie weit sich die Wirklichkeit entfernt hat von den Vorstellungen, die wir von uns haben und die andere uns anhängen? Erschrecken die Individualisten unter den Zuschauern angesichts der offenkundigen sozialen Unfähigkeit der Kosten-Nutzen-Renner im deutschen Team?
Für einen Neuanfang gibt es keine Neuanfänger. Woher auch eine andere Mannschaft nehmen, wo doch fast alle die Ansicht Mehmet Scholls teilen. In einem Moment, als er sich gerade mal nicht sprachlos schämte, stellte der Münchner erschrocken fest, dass man doch im Großen und Ganzen die 22 besten deutschen Kicker dabeigehabt habe. Das heißt nichts anderes, als dass die Konzeptlosigkeit auf dem Rasen eine direkte Folge der Konzeptlosigkeit des gesamten Systems ist - vom kleinen Schülertrainer bis hin zum Bundesliga-Manager.
Bis eine wirklich neue Mannschaft entstehen kann, eine Mannschaft, die eine ganz neue Fußballphilosophie leben kann, wird es Jahre dauern. Niemand hat heute eine Vorstellung, wie die einmal aussehen könnte.
Wie schwer es im kurzfristigen Geschäftsbetrieb Fußball ist, Konzeptionen und Talenten Zeit zur Entwicklung zu lassen, zeigt das Beispiel des Berliners Sebastian Deisler, der für eine der wenigen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft steht. Um nicht vorzeitig verschlissen zu werden, hatte er sich für Hertha BSC statt für Bayern München entschieden. Doch dann spielten die Berliner um internationale Startplätze mit, und alle Fachkräfte wurden über die Maßen strapaziert. Häufig rebellierten Deislers Sehnen und Muskeln in der letzten Saison. Bei der Europameisterschaft reichte die Kraft immer nur für eine Halbzeit.
Jetzt soll in Internaten der Bundesligaclubs jene Elite gezüchtet werden, die früher auf den Bolzplätzen herumtingelte. Doch wo soll die Ausbildung herkommen, wenn sich im aktuellen Trainerstab des DFB, außer Uli Stielike, keiner finden lässt, der auch nur im entferntesten Erfolg vorweisen kann? Was helfen Eliteschulen, wenn niemand weiß, wie der Unterricht aussehen soll?
Ribbecks Vorgänger Berti Vogts hatte noch unermüdlich Konzepte geschrieben. Er hatte die französischen Fußballschulen studiert, die Auswirkung von Soße beim Mittagessen auf die Leistungsfähigkeit bei Flutlichtspielen analysiert, und die Bedeutung eines lauteren Charakters als Grundvoraussetzung eines jeden Kickers überstrapaziert.
Vor zwei Jahren habe er mit neuen Spielern ein einheitliches System für alle DFB-Teams angehen wollen, sagt Vogts heute, und dabei sei ihm klar geworden, dass keiner habe folgen wollen. Da scheint es nur konsequent, dass er abgelöst wurde von dem telegenen Jungsenior Erich Ribbeck, der sich über Jahre durchgeschlagen hatte mit dem schlichten Motto »Konzepte sind Kokolores«.
Und ebenso schlüssig ist, dass der letzte Trainer, der den morbiden, antiquierten und amateurhaften Riesenverband in eine neue Richtung drängen konnte, keineswegs von den Funktionären selbst gewollt wurde - »Bild« hatte Franz Beckenbauer dem DFB geradezu aufgezwungen.
Jetzt sucht der DFB wieder. Und sogleich entpuppt sich der prinzipielle und konzeptionelle Neuanfang als persönlicher Schaukampf um die Macht. Wer wäre dafür besser gerüstet als Mayer-Vorfelder, der wie die Personifikation des ganzen, 100 Jahre alten DFB wirkt? In 32 Jahren strammer Verbandstätigkeit ist »MV« zum Prototyp jenes Funktionärs geworden, der dafür sorgt, dass es weiter so geht.
In der deutschen Politik längst als Relikt der Vergangenheit ausgemustert, fühlt sich der vom amtierenden Vorsitzenden Braun persönlich Designierte noch frisch genug, die Zukunft des deutschen Fußballs im bewährten Sinne gestalten zu wollen.
Im Mannschaftshotel Kasteel Vaalsbroek annektierte der Schwabe die volle Befehlsgewalt. Kaum hatte Beckenbauer den Italiener Trapattoni für das oberste deutsche Traineramt ins Spiel gebracht, degradierte MV den Fußballkaiser und DFB-Vize zu seinem Pressesprecher: Welche Entscheidung auch immer Egidius Brauns Thronfolger zu fällen beliebt, der Franz solle sie »nach draußen vertreten«.
Die Macht zum Handeln, das hat er in der Politik verinnerlicht, sichert sich Mayer-Vorfelder kurzerhand, indem er handstreichartig Fakten schafft. Als Fußballexperten wie Günter Netzer noch glaubten, für die Trainerbestallung als Mitglied eines Beraterstabs des Präsidenten Braun zuständig zu sein, als Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß aus dem Urlaub noch Geduld anmahnte, bis sich »die drei, vier großen Bundesligaclubs zusammensetzen würden«, da saß MV schon neben seinem Wunschcoach.
Dass das Zusammentreffen im DFB-Quartier mit dem Aspiranten Daum zu Stande kam, bevor die Mannschaft ausgeschieden und ihr verzagter Teamchef überhaupt zurückgetreten war, störte ihn nicht weiter. Er könnte »dem Herrn Ribbeck nicht mehr in die Augen schauen«, würde er »hinter seinem Rücken« mit Nachfolgekandidaten verhandeln, hatte der Verbandsemissär kurz zuvor noch mitgeteilt.
So war es auch schon vor zwei Jahren gewesen. Noch bevor Ribbeck-Vorgänger Vogts entnervt aufgab, hatte dessen »väterlicher Freund« sich auf dem Stellenmarkt erkundigt: Präsident Braun sondierte die Interessenlage bei Franz Beckenbauer und Otto Rehhagel.
So war es immer, so machen es alle, und so geht es auch weiter.
Eine radikale Verjüngung der Auswahl zu riskieren, um das Image zu pflegen und den Nachwuchs zu fördern, wird, wie nach der Vogts-Demission, nicht einmal erwogen. Die Gefahr, an der Qualifikation zum nächsten Turnier zu scheitern, erscheint den Verantwortlichen schon aus wirtschaftlichen Gründen als zu groß. Dagegen, will ein Fernsehmann erfahren haben, würde sich der Medienmakler Leo Kirch zu wehren wissen, der die TV-Rechte an der wegen der Zeitverschiebung ohnehin schwer vermarktbaren Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan erwarb - was Kirch-Manager indes bestreiten.
Für den frommen Kartoffelhändler Egidius Braun, seit acht Jahren an der Spitze des weltgrößten Sportfachverbands, ist Geld ein unkeusches Thema. Der Mann, der sonntags mittags um eins im Aachener Kloster der Augustinerinnen die Orgel bedient, versteht sich als »Bollwerk« gegen den »Manchester-Kapitalismus«.
Braun will den DFB »in Solidarität zusammenhalten«. Die so genannte Einheit aus Amateuren und Profis, die er »nie aus der Gesamtverantwortung für den Fußball entlassen« mag, erfüllt auch einen praktischen Zweck für das eigene Ego. Man habe nämlich, bekannte Egidius Braun, »ein ganz anderes Ansehen, wenn wir als eine Gemeinschaft von 6,2 Millionen Menschen auftreten«. Und zwar nicht nur als Verband. Auch als Verbandschef, sozusagen als ihr gütiger Gutsherr.
Das wird beim Polit-Profi Mayer-Vorfelder nicht anders sein. Dessen Rolle bei der Europameisterschaft beleuchtete erneut das fußballdeutsche Demokratieverständnis. Völlig unverblümt setzte er die Öffentlichkeit von dem Beschluss in Kenntnis, wonach alle Entscheidungen, deren Tragweite über die Amtszeit des scheidenden DFB-Chefs hinausreichen, nun er zu treffen habe. Dabei muss Mayer-Vorfelder im April 2001 zum
Präsidenten erst noch gewählt werden. Dass der DFB unter ihm zum »Goethe-Institut des Fußballs« werden könnte, wie er zu befürchten vorgibt, ist nicht denkbar. Zwar hat er bisher die Geldgeschäfte mit den Proficlubs, den Sponsoren und den TV-Anstalten so erledigt, dass auch ein paar Alibi-Märker für wohltätige Zwecke übrig blieben. Aber die Interessen der Bundesligaclubs, die sich beim Geldverdienen immer wieder von Amateuren wie Braun gehindert sahen, waren ihm wichtiger.
Mayer-Vorfelder verschaffte ihnen Freiräume, verhinderte jedoch, dass sie sich vom Verband ganz lossagten. Schnell hatte der gewiefte Taktiker erkannt, dass die Interessen der Clubs je nach Erfolg, Bedeutung und Umsatzvolumen wechseln - eine einheitliche Linie muss da auf lange Sicht nicht gefürchtet werden.
Am 30. September soll nun den Ligaclubs offiziell mehr Eigenverantwortung zugestanden werden. Doch bereits jetzt zeigt sich, wie ausgehöhlt die neue Macht ist. Schon bei der Bestallung Ribbecks hätten die Clubs mitreden können. Doch damals glaubten sie noch, die Nationalelf habe sich überlebt und wehrten sich wider besseres Wissen nicht, weil ihnen ein schwacher Bundestrainer besser fürs egoistische Interesse erschien. Jetzt geben sich alle bekehrt, doch im gleichen Atemzug erklärt Leverkusens Manager Reiner Calmund, ihm sei das Vereinshemd nun mal näher als der Verbandsrock.
So stolpern sie alle gemeinsam für Deutschland durch die globalisierte Fußballwelt, in der aus dem Sport von elf Freunden längst »eine eigenständige Industrie« geworden ist, wie der Weltverbandspräsident Blatter bei der Geburtstagsfeier des DFB stolz anmerkte, um dann gleich die niedliche Forderung anzuhängen, ihn gerade deshalb »als Spiel zu bewahren«.
Nicht nur für den Dortmunder Club-Manager Michael Meier passt es »einfach nicht zusammen«, wenn diejenigen, die sich für das »Milliardengeschäft« WM 2006 engagieren, gleichzeitig gegen die Kommerzialisierung wettern.
Doch wo ist noch Platz für Spielereien, wenn die Top-Kräfte mit einer halben Million pro Monat entlohnt werden, wenn die Club-Etats förmlich explodiert sind wie etwa bei Hertha BSC von 12 Millionen (1997) auf nun über 100 Millionen Mark? Und ist es nicht grotesk, wenn Manager wie Münchens Hoeneß lapidar feststellen, künftig müsse man wohl auch mal 25 Millionen Mark für einen neuen Star auf den Tisch legen? Der Weltrekord liegt immerhin schon bei 91 Millionen (Christian Vieri von Lazio Rom zu Inter Mailand).
Da mögen sie noch so viele Talente in Internaten züchten - solange für weniger Geld im Ausland gestandene Spieler zu kriegen sind, haben die Billigheimer in Deutschland weiter Konjunktur.
Als der jetzige Bundesliga-Aufsteiger Energie Cottbus neun neue Profis verpflichtete, darunter nur zwei deutsche, fegte Manager Klaus Stabach alle Bedenken, die Identifikation der Anhänger aus dem Spreewald mit der Mannschaft könne verloren gehen, als »Quatsch« beiseite. Im letzten Jahr hätten oft neun Ausländer für Energie geschuftet: »Und die wurden von den Fans gefeiert.«
In der Bundesliga hat sich die Ausländer-Quote seit dem Bosman-Urteil 1995 fast verdreifacht (siehe Grafik Seite 35). Bei Schalke, dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart werden die Profikader längst von Importen dominiert.
Es herrscht aber nicht nur ein Verdrängungswettbewerb in der Masse. Obwohl bei der Europameisterschaft nur noch fünf Bundesliga-Profis ins Viertelfinale gelangte, mussten die Deutschen in den heimischen Vereinen zunehmend zurücktreten. Immer häufiger sind die Gastarbeiter die Stars, die Deutschen rackern ihnen zu. Wenn sie dann aber im Nationalteam versammelt sind, ist keiner da, der Hierarchie und Linie vorgeben kann.
Die Lage wirkt auch deshalb so aussichtslos, weil das Elend der Nationalelf für die Clubs erst einmal folgenlos bleibt: In der kommenden Saison, das steht schon jetzt fest, klettert der Umsatz der Liga um fast 40 Prozent - auf 1,8 Milliarden Mark.
Das liegt vor allem an den Preisen für die TV-Rechte, die weiter steigen, da die Ware Bundesliga durch die ausländischen Stars attraktiv bleibt. Nach dem neuen Vertrag erhält jeder Club mindestens 15 Millionen Mark Fernsehgelder pro Saison - vor sechs Jahren war dies noch der durchschnittliche Etat der 18 Bundesligavereine.
So kam es, dass bei all der »ran«-Schmeißerei an das Fernseh-Showgeschäft offenbar niemand bemerkte, wie der deutsche Fußball in die Jahre geriet. Die Kreativität eines Günter Netzer, die Eleganz eines Franz Beckenbauer, die schlichte Solidität eines Uwe Seeler, die Rackerei eines Lothar Matthäus, die Leichtfüßigkeit eines Thomas Häßler, der Raum greifende Schwung Jürgen Klinsmanns - unterschiedlichste Wesenszüge, unterschiedlichste Fußballer wurden nach Belieben für ganze Epochen als typisch deutsch genommen.
Nun bleiben Jancker, Deisler, Ballack, diese drei. Und Matthäus ist der Größte unter ihnen.
Vielleicht wirkte deshalb der Reinfall von Rotterdam wie ein Schock: Er lässt nicht einmal Ausreden zu. Kein Schiedsrichter ist Schuld, kein schlechtes Wetter, kein feindseliges Publikum - nur der Deutsche Fußball selbst.
MATTHIAS GEYER, JÖRG KRAMER,
JÜRGEN LEINEMANN, HEINER SCHIMMÖLLER
* Links: beim Empfang in München (im ersten Wagen Kapitän FritzWalter (l.) und Trainer Sepp Herberger); unten: beim3:2-Siegtreffer im Finale gegen Ungarn in Bern.* Mehmet Scholl, Michael Ballack, Oliver Kahn, Jens Nowotny,Dietmar Hamann nach dem ersten Treffer der Portugiesen inRotterdam.* Links: bei der Siegerehrung zur Europameisterschaft 1996 imLondoner Wembley-Stadion, mit DFB-Präsident Egidius Braun (l.);rechts: mit Fifa-Präsident Joseph Blatter am 21. Oktober 1999.* Giovane Elber, Paulo Sergio, Samuel Kuffour, Roque SantaCruz, Hasan Salihamidzic.