Schönheit unter Verschluss - DER SPIEGEL
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LEICHTATHLETIK Schönheit unter Verschluss

Die 100-Meter-Läuferin Sina Schielke nähert sich der Weltklasse. Ihr Vermarkter hat schon große Pläne - aber erst muss sie bei den Europameisterschaften eine Medaille gewinnen.
• aus DER SPIEGEL 27/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zur Autogrammstunde erscheint die junge Frau mit streng zusammengebundenem Haar, ihren schlanken Oberkörper verhüllt sie, trotz großer Hitze, mit einer dicken Trainingsjacke. Nur die gebräunten Beine präsentiert Sina Schielke, 21, entblößt.

Doch das ist offenkundig schon zu viel.

Als die 100-Meter-Läuferin die mobile PR-Bühne im Dortmunder Stadion »Rote Erde« betritt, verhindert nur der Einsatz mehrerer Ordner, dass die 200 Fans das Podium stürmen. Der aufwallenden Gemütslage ihrer zumeist männlichen Verehrer entspricht ein Zuruf aus den hinteren Reihen: »Sina, wir wollen dein Piercing sehen.«

Mit Eruptionen dieser Art pflegen deutsche Leichtathletik-Fans derzeit eine Sportlerin zu feiern, die der ansonsten eher stillen Zunft wieder mal ein bisschen Glanz verleiht. Dass Sina Schielke, dank Nabelring und Rückentätowierung, der Blickfang auf der Laufbahn ist, daran hatte sich die Blondine schon gewöhnt: »Ich kenne das nicht anders.«

Doch Anfang Juni beim Leichtathletik-Meeting in Dortmund zeigte die Sprinterin, dass sie noch mehr zu bieten hat als eine fesche Optik. In 11,16 Sekunden spurtete sie die 100-Meter-Distanz. Um acht Hundertstel verbesserte die Junioren-Weltmeisterin damit ihre Bestzeit und besiegte obendrein die Amerikanerin Kelli White, immerhin Dritte über 200 Meter bei den Weltmeisterschaften 2001 in Edmonton.

Seitdem ist es fast so, als stünde die zuletzt an Ereignisarmut leidende olympische Kernsportart vor einem neuen Fräuleinwunder. »Schön schnell«, so jubelte selbst das ansonsten eher zurückhaltende Fachmagazin »Leichtathletik«. Der Kölner »Express« erhob die Studentin aus Herdecke gar zum »Glamour-Girl« und zeigte sie knutschend mit ihrem Freund.

Allein das Objekt der schwärmerischen Betrachtungen blieb auf dem Teppich. »Bin ich Weltrekord gelaufen?«, fragte Schielke, irritiert von der allgemeinen Euphorie. Denn noch bis vor kurzem betrachtete die Fachwelt die Westfälin mit weniger Wohlwollen - sie galt als ewiges Talent. Dass Sina Schielke vor knapp zwei Jahren die Olympischen Spiele in Sydney absagte, um lieber bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Chile anzutreten, legten ihr Kritiker als Angst vor großen Aufgaben aus. Als die einstige Handballerin dann vergangenes Jahr bei den Deutschen Meisterschaften nur Rang drei belegte, wurde sie schon mit der Tennisspielerin Anna Kurnikowa verglichen: schön - aber erfolglos.

Wenn am kommenden Wochenende in Wattenscheid abermals die nationalen Titel vergeben werden, will Sina Schielke zum nächsten Karrieresprung ansetzen. Sie hat sich besser als je zuvor auf einen Wettkampf vorbereiten können. Ein chronisches Rückenleiden, das sie zuletzt oft zurückgeworfen hatte, ließ sie im Mai vom Arzt der Fußball-Nationalmannschaft, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, behandeln - seitdem kann die Wirtschaftsstudentin beschwerdefrei trainieren.

Aus Vermarktungssicht kommt Sina Schielke für die deutsche Frauen-Leichtathletik wie gerufen. Bis auf die Weitspringerin Heike Drechsler waren es zuletzt fast nur kolossale Vertreterinnen des Kugelstoßens oder des Diskuswurfs, die verlässlich für Medaillensegen sorgten. Die Athletin der LG Olympia Dortmund schickt sich dagegen an, alte Traditionen fortzusetzen.

Denn lang ist die Liste attraktiver deutscher Frauen im Sprint. Schon in den sechziger Jahren wurde die elegante Hannoveranerin Jutta Heine, Olympia-Zweite 1960 in Rom, als »Marlene Dietrich der Aschenbahn« gefeiert. Anfang der Siebziger lief sich »Gold-Heide« Rosendahl in die Herzen des Publikums. Die langbeinige Neubrandenburgerin Katrin Krabbe avancierte in der Nach-Wendezeit zum Sexsymbol.

An die sportlichen Erfolge ihrer Vorgängerinnen wird die zierliche Schielke kaum anknüpfen können, angesichts der muskelbepackten Konkurrenz vor allem aus den Vereinigten Staaten. Doch in drei Jahren will sie die 100 Meter wenigstens »unter elf Sekunden« laufen. Das wäre in Zeiten intensiver Dopingkontrollen immerhin Weltklasse.

Über ihr Auskommen muss sich die Läuferin aber auch ohne einen Olympiasieg kaum Sorgen machen. In der New Yorker Filiale ihres Ausrüsters »Puma« hängt bereits ein Poster von ihr, und kürzlich wählten die Leser des Online-Dienstes der »Bild«-Zeitung Schielke zur zweiterotischsten Frau in Deutschland. Vor ihr rangierte nur das Topmodel Heidi Klum.

Weniger umtoste Kolleginnen reagieren bereits genervt auf die Strahlkraft der Aufsteigerin. Kürzlich mokierte sich die Kugelstoß-Olympiasiegerin Astrid Kumbernuss in der »Welt am Sonntag« darüber, dass Sina Schielke mit ihren Leistungen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen doch »kaum ins Finale« gelangen würde.

Derlei Sticheleien lassen Schielke indes kalt. Für sie sei ein 100-Meter-Lauf jedenfalls kein »Schönheits-Contest«. Außerdem habe sie es in Sachen Eigenwerbung ja noch nicht mal bis zum Äußersten getrieben. Mit »erotischen Dingern«, wie sie die zahlreichen Angebote für Nacktfotos umschreibt, habe sie nämlich »nichts am Hut«.

Dem branchenüblichen Trend, durchschnittliche sportliche Leistung mit überdurchschnittlicher Selbstentblößung zu kompensieren, will Sina Schielke nicht folgen - womit sie ganz auf der Linie ihres Managers Werner Köster liegt, der sie seit fast drei Jahren betreut.

Der ehemalige Journalist plant langfristig und orientiert sich bei der Vermarktung Schielkes an den Prämissen, die ihm schon bei seiner langjährigen Klientin Franziska van Almsick wichtig waren. Als die Berlinerin nach ihren ersten Erfolgen mit einer Kar-

riere auf dem Laufsteg liebäugelte, riet ihr Köster davon ab. Im Schwimmbecken sei sie Spitze, sagte er ihr. Bei einer Modenschau wäre sie nur ein »Model mit zu breiten Schultern«. Van Almsick verzichtete und wurde trotzdem vielfache Millionärin.

Auf dem Konferenztisch seiner Agentur in der Hamburger City breitet Köster seine neueste heiße Ware aus. Es sind Fotos von Sina Schielke. Ein Bild zeigt sie lächelnd im bauchfreien Top. Auf einem anderen posiert sie in blütenweißem Kleid auf dem Förderturm der Zeche Zollern im Dortmunder Industriemuseum.

Köster hält die Bilder unter Verschluss. Er hat sie nur machen lassen, um vorbereitet zu sein.

Denn dieses Jahr könnte der Beginn der großen PR-Offensive um die schnellste Frau in Deutschland sein. Im August finden in München die Europameisterschaften statt, mit der 4 x 100-Meter-Staffel zählt sie zu den Goldmedaillen-Anwärtern.

Schielke befindet sich schon jetzt in einer guten Position. Ihr Manager hat ihr einen Platz im Botschafterteam für die EM verschafft. Sie steht dort zusammen mit so prominenten Kollegen wie Heike Drechsler und Lars Riedel. Der Hochsprung-Weltmeister Martin Buß, nur ein Beispiel, hat es in diesen Zirkel nicht geschafft. GERHARD PFEIL

* Als Siegerin im 200-Meter-Lauf bei den DeutschenMeisterschaften im Juli 1962 in Hamburg.

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