Schweben auf dem Stahlross - DER SPIEGEL
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GALOPPSPORT Schweben auf dem Stahlross

Deutsche Rennpferde genießen einen besseren Ruf als deutsche Rennreiter. In Köln wurde deshalb die erste Jockey-Schule eröffnet.
• aus DER SPIEGEL 16/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der junge Mann auf dem schwarzen Pferd hat die Statur eines Champions. Raoul Dygas ist 168 Zentimeter groß und wiegt 53 Kilo. »Wunderbar«, sagt Trainer Manfred Hofer, »mit den Körpermaßen kann er exzellent im Sattel stehen.« Der Coach reckt den rechten Daumen in die Höhe. »Solche Typen brauchen wir.«

Dygas, 20, stammt aus dem niedersächsischen Langwedel, er hat kurze Haare und trägt eine Baseballkappe auf dem Kopf. Er spielt gern Fußball, und seinen CD-Player bestückt er überwiegend mit Popmusik. Was ihn aber beträchtlich unterscheidet von den Altersgenossen, ist sein Berufsziel: Raoul Dygas will Jockey werden.

Und seine Chancen stehen gut, weil es in der Branche chronisch an Nachwuchs mangelt. Denn während deutsche Rennpferde durch Siege wie beim Long Island Handicap in New York oder beim Derby im englischen Epsom weltweit Schlagzeilen machen, kommen knapp 60 Prozent aller lizenzierten Jockeys, die für deutsche Ställe arbeiten, aus dem Ausland - die meisten sind Osteuropäer. Oft müssen für die hiesigen Rennen sogar Reiter, etwa aus Irland, für einen Tag eingeflogen werden, damit überhaupt alle Pferde starten können.

Um diesen Missstand zu beenden, hat jetzt Deutschlands erste Jockey-Schule den Betrieb aufgenommen. Auf der Galopprennbahn in Köln-Weidenpesch werden Stallburschen in einwöchigen Seminaren mit Kursen in Theorie ("Wie benehme ich mich im Führring") und Praxis ("Arbeitsgalopp mit Sitzkorrektur") zum Rennreiter ausgebildet. Für dieses Jahr sind zehn Lehrgänge geplant; den ersten absolvierte Dygas zusammen mit fünf jungen Kollegen.

Einer der Mitstreiter ist Andreas Göritz, 19. Er hat das Abitur abgebrochen und vergangenen September eine dreijährige Lehre zum Pferdewirt begonnen. Sie gilt als Voraussetzung für eine Karriere als Jockey. Bundesweit lassen sich zurzeit 55 Azubis in 33 Rennställen den Umgang mit den Vierbeinern erklären.

»Wie man ein Rennen reitet«, klagt Ralf Suerland, »lernen sie dort aber nicht.« Vielmehr, meint der ehemalige Derby-Sieger, werden sie »als billige Arbeitskräfte missbraucht«. Deshalb rieten Suerland und sein früherer Jockey-Konkurrent Hofer voriges Jahr dem Direktorium für Vollblutzucht und Rennen, eine Galoppreitschule zu gründen. Der Verband stimmte zu und genehmigte die notwendigen Gelder. »Unser Ziel ist es«, sagt Suerland, »mehr einheimische Reiter hervorzubringen, die international konkurrenzfähig sind.«

Andere Nationen machen vor, wie das geht. In Italien, Frankreich und England haben Jockey-Schulen bereits Tradition. Zu den renommiertesten gehören das Trainingszentrum des »Ippodromo San Rossore« in Pisa und das Internat von Chantilly nördlich von Paris. Als Manfred Hofer den Lehrplan ausarbeitete, orientierte er sich am Unterricht dieser Kaderschmieden.

Herzstück der Kölner Akademie ist ein elektrisches Stahlross. Das Gerät, auf dem die Absolventen täglich zwei Stunden üben, kann einen Galopp bei Tempo 60 simulieren und signalisiert dem Reiter per Pfeifton, wenn er die Peitsche falsch einsetzt.

Gerade sitzt Pascal Jonathan Werning, 20, auf der Maschine. Dem Dortmunder fällt es schwer, die mustergültige Position im Sattel einzunehmen. Eigentlich soll er »über dem Pferd schweben«, sagt Ausbilder Andreas Helfenbein, doch der Schüler hockt auf dem Apparat wie auf einem Donnerbalken. Und Probleme mit der Peitsche hat er auch: Werning schlägt zu hart und trifft den Rumpf zu tief. »Du darfst die Schulter nicht verdrehen«, korrigiert der Lehrmeister. »Auf dem Bock«, sagt er, »lernt man in einer Woche, wozu man sonst mehr als 60 Läufe braucht.«

Der korrekte Gebrauch von Zügel und Gerte macht jedoch noch keinen preisgekrönten Berufsreiter. Jeden Tag joggen die Jockey-Schüler fünf Kilometer oder trimmen sich auf dem Step-Master. Denn ein Pferd über 2400 Meter, also gut zweieinhalb Minuten, zu dirigieren, kostet viel Kraft. Profijockeys gehen regelmäßig ins Fitness-Studio, boxen oder fahren Rad. Ihr Körperfettanteil liegt, ähnlich wie bei Skispringern und Leichtathleten, zwischen 8 und 11 Prozent; untrainierte Zeitgenossen bringen es im Schnitt auf 15 bis 23 Prozent.

Rennreiter sollten maximal 55 Kilo wiegen. Sporttherapeut Rüdiger Franz macht den sechs Teilnehmern, die zusammen 324 Kilo auf die Waage bringen, denn auch wenig Hoffnung auf ein genussreiches Leben: Wer mittags fünf Stangen Spargel, zwei Kartoffeln und ein Glas Wasser zu sich nehme, »hat prima gegessen«. Sein ultimativer Rat lautet: »Das Frühstücksbrötchen in vier Teile schneiden, damit es nach mehr aussieht.«

Das Einkommen der Jockeys - im Durchschnitt verdienen sie 120 000 Euro pro Jahr - ist entsprechend hart verdient. Vor dem Rennen müssen sie überschüssiges Gewicht abkochen - mit langen Saunagängen oder Waldläufen im Thermoanzug.

Die Mühsal erträgt nicht jeder. Der Engländer Fred Archer, mit 2748 Siegen einer der besten Rennreiter aller Zeiten, gab den Kampf gegen die Pfunde am 8. November 1886 verloren - die Pistole, mit der er sich erschossen hat, ist im National Horseracing Museum in Newmarket zu besichtigen. MAIK GROßEKATHÖFER

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