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TENNIS Sehr persönlich

Zu den sechs Profi-Schiedsrichtern im Tennis-Zirkus zählt auch der Deutsche Rudolf Berger. *
• aus DER SPIEGEL 6/1988
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Der Mann, so schien es, stand unmittelbar vor einem Kollaps. Er verdrehte die Augen, zuckte immer schneller mit den Pupillen - rechts, links, rechts, links.

Doch der Eindruck täuschte. Rudolf Berger, 36, war durchaus wohlauf, wie er versicherte. Was er da mache, erläuterte er, sei, »so komisch das auch klingen mag«, für ihn Konditionstraining.

Berger ist Tennis-Schiedsrichter, einer von sechs auf der Welt, die diesen Job hauptberuflich betreiben.

Wie die Spieler, die sich zum Aufwärmen gegenseitig die Bälle zuschlagen, versucht auch Berger, schon vor Spielbeginn seinen »Rhythmus zu finden«. Denn die meisten Fehlentscheidungen, so weiß er, unterlaufen Schieds- und Linienrichtern am Anfang eines Matches.

Daß der Deutsche »wirklich gut gucken« kann, ist ihm schon des öfteren ausdrücklich bestätigt worden. Vor einigen großen Turnieren, etwa dem Masters in New York, werden die Schiedsrichter von Augenärzten eingehend auf ihre Sehtauglichkeit geprüft. Aber das bewahrt Berger und Kollegen auch nicht davor, von den Stars in nahezu jedem Spiel als »du Blinder, du« abqualifiziert zu werden.

Eigentlich ist Rudolf Berger Regierungsamtmann beim Deutschen Patentamt in München. Im Juli 1987 hat er sich beurlauben lassen, zunächst für ein Jahr. Wenn seine Frau, »natürlich auch die Vorgesetzten«, einverstanden sind, will er »noch ein Jahr dranhängen«.

Seine ersten Erfahrungen als Schiedsrichter machte Berger in der Tennis-Bundesliga. Da sei, so erinnert er sich, praktisch jeder willkommen gewesen: »Die waren froh, wenn sie einen Dummen fanden.« Schließlich amtierte er auch bei internationalen Turnieren, nahm dafür unbezahlten Urlaub und zahlte die Anreisen selbst.

Die sechs Berufs-Spielleiter, ausgestattet mit Einjahresverträgen, sind dem »Men''s International Professional Tennis Council«, der Administration des Profitennis, unterstellt.

Für eine Wochengage von jeweils 500 Dollar (plus Unterkunft, Reisekosten und Spesen), soviel wie etwa Tennisrüpel John McEnroe für eine »verbale Obszönität« Strafe zahlt, leiten sie 32 Wochen im Jahr die wichtigsten Spiele, lassen sich als »Arschloch«, »Schlappschwanz« oder »Schwuler« beschimpfen und betrachten ihren Job gleichwohl als »ganz tolle Sache«, wie der Australier Richard Ings, 22.

Keiner von ihnen hat jemals mit Tennisspielen Geld verdient, in der Weltrangliste wurden sie nie geführt. Als Schiedsrichter freilich sind sie erfahren: Ings »arbeitete bereits als 15jähriger an den Linien«, der Amerikaner Richard Kaufman, 37, der sich als »Pionier« empfindet, leitete vor mehr als einem Jahrzehnt sein erstes Match im Profitennis. Gerald Armstrong, 32, vormals Fußball-Torwart beim Londoner Profiklub Fulham FC, debütierte in Wimbledon, weil »für einen der Nebenplätze Schiedsrichter gesucht wurden und das für mich die einzige Möglichkeit war, ohne Karte reinzukommen«.

Etwa 300 Spiele leiten die Berufsschiedsrichter im Jahr. Sie »leben und erleben Tennis satt«, so Berger. Spiele, die ihnen »zu entgleiten drohten« (Ings), sehen sie sich möglichst gemeinsam auf Video an, diskutieren ihre Fehler und unterbreiten Vorschläge über Regelkorrekturen. Die Gilde der Profi-Schiedsrichter, außer Berger, Kaufman, Armstrong, Ings noch der Brasilianer Paulo Pereira, 40, und der Franzose Bruno Rebeuh, 26, versteht sich als die Elite der Branche.

»Es wäre ideal«, so Berger, »wenn wir unsere Erfahrungen an die Kollegen weitergeben könnten, die ihr Amt nebenberuflich ausüben und deshalb nicht so viel Zeit darin investieren können.«

Auch wenn etwa ein Kevin Curren abfällig von den »besserwisserischen Oberlehrertypen« spricht, die »uns Spieler zu perfekten Menschen erziehen wollen": Ohne die Freizeit-Schiedsrichter läuft die Chose nicht. In diesem Jahr werden bei den Männern insgesamt weltweit nahezu 100 Grand-Prix-Turniere ausgetragen, da mangelt es zwangsläufig an erfahrenen Spielleitern. Deshalb soll das Kontingent an Berufsschiedsrichtern erweitert werden.

Aber auch Profis wie der Engländer Armstrong sind längst zu der Erkenntnis gelangt: »Es wird uns nie gelingen, es jedem recht zu machen.« Je härter die Spieler die Bälle schlagen - bei Boris Becker sollen schon 302 Stundenkilometer gemessen worden sein -, desto wahrscheinlicher sind Fehlentscheidungen und Frust.

»Ich spiele seit Jahren nicht aus Spaß, sondern um Geld«, hielt etwa ein zorniger Jimmy Connors nach einer umstrittenen Entscheidung dem Schiedsrichter vor.

Für Cracks wie Connors, McEnroe, auch Lendl gehören die Wutausbrüche auf dem Center Court zur psychologischen Kriegführung. Nicht nur der Gegner soll eingeschüchtert werden, sondern auch der Spielleiter, und das glückt bisweilen. Instinktiv wird sich ein Schiedsrichter bemühen, jenen Star zu besänftigen, der aufmüpfig ist - nicht selten auf Kosten eines Spielers, der auch Fehlentscheidungen widerspruchslos hinnimmt.

»Bei uns können die soviel schreien und lamentieren, wie sie wollen«, behauptet zwar Richard Kaufman. aber auch Kaufman machte durchaus keinen gelassenen Eindruck, als, beim Endruck, als, »World Team Cup« im Mai vorigen Jahres in Düsseldorf, McEnroe nach einem heftigen Disput mit ihm schließlich den Schläger einpackte und das Match vorzeitig beendete. Bei derselben Veranstaltung hatte McEnroe auch Berger beschimpft.

»Dich bringe ich um«, drohte der Österreicher Horst Skoff einmal dem Deutschen. Der hatte »irgendwie Verständnis«. So etwas sage »sich leicht aus der Erregung heraus«.

»In den ersten Schiedsrichter-Jahren«, erinnert sich Gerald Armstrong, »habe ich das alles sehr persönlich genommen.« Manchmal, so Berger, »tun die Beleidigungen ein wenig weh«, doch »so was schüttele ich ganz schnell ab. Sonst wäre ich nach drei Monaten in diesem Geschäft meschugge«. _(Im Mai 1987 beim »World Team Cup« in ) _(Düsseldorf. )

Im Mai 1987 beim »World Team Cup« in Düsseldorf.

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