FUSSBALL Signale aus dem Hinterzimmer
Ein Mächtiger des Weltfußballs zu sein: Das ist es, wonach Gerhard Mayer-Vorfelder, 69, strebt. Doch die wirklich Mächtigen tagen woanders. Das wurde dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am vorvergangenen Donnerstag auf dem Zürcher Sonnenberg erneut bewusst.
Im Konferenzraum hinter verschlossener Tür zettelten Mitglieder des Exekutivkomitees in der Zentrale des Weltverbandes Fifa eine kleine Palastrevolution gegen den Präsidenten Joseph Blatter an. Sie setzten durch, dass ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wird, der nun das undurchsichtige Finanzgebaren der Fifa zu prüfen hat.
Mayer-Vorfelder indes konferierte in einem anderen Zimmer - als Mitglied der »Organisationskommission für den Fifa-Weltpokal Korea/Japan 2002«. Von den Scharmützeln um die Führungsposition blieb er ausgesperrt.
Bei der großen Politik im Fußball bleibt ausgerechnet der DFB, mitgliederstärkster Sportfachverband der Welt, seit Jahren außen vor. Wie die Nationalmannschaft etwa bei der letzten Europameisterschaft purzelten auch Deutschlands Funktionäre in hohem Bogen aus der Spitzengruppe. Seit 1998, als Mayer-Vorfelder, damals noch DFB-Vize, gegen den Verbandschef Maltas überraschend die Wahl für den Posten in der Fifa-Exekutive verlor, sind die Deutschen in der Regierung des Weltverbandes nicht mehr vertreten.
Dabei gebe es nur dort »Informationen über Entscheidungs- und Meinungsbildungsprozesse aus erster Hand«, bedauert
DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Doch allenfalls in Nischengremien wie der »Kommission der Nationalverbände« finden sich DFB-Emissäre. »Die Reputation der Deutschen«, sagt ein Insider aus der Fifa-Zentrale, »ist dahin.«
Das soll sich jetzt ändern. Ende April will Mayer-Vorfelder nach knapp vier Jahren wieder in die Fifa-Exekutive aufrücken. Gesandt werden müsste er von der Europäischen Fußball-Union (Uefa), dazu stellt er sich deren 51 Mitgliedsverbänden zur Wahl. Ob dem Badener auf seine alten Tage ein derartiger Karrieresprung noch einmal gelingt, ist allerdings fraglich.
Denn es scheint, als hätte sich der DFB im verzweifelten Ringen um mehr Einfluss verspekuliert. Im vorigen Oktober hatte Mayer-Vorfelder dem Fifa-Chef einen Brief überreicht. Blatter könne bei seiner angestrebten Wiederwahl im Mai 2002 auf die Unterstützung des DFB bauen, hieß es in dem Schreiben.
Das öffentliche Bekenntnis hat sich als diplomatischer Fauxpas erwiesen. Inzwischen bringt die Verbrüderung mit Blatter den DFB heftig in die Bredouille. Im Herbst meinte man noch »Signale aus dem Uefa-Bereich« empfangen zu haben, wonach »Blatter auch von den Europäern unterstützt wird«, erinnert sich Mayer-Vorfelders DFB-Mitstreiter Schmidt. Das war jedoch eine Fehleinschätzung.
Nun wird deutlich, dass die Opposition gegen Blatter vornehmlich von den großen Verbänden Europas angeführt wird, Spanien ausgenommen. Ob diese Anti-Blatter-Fraktion nun Mayer-Vorfelder für den Pakt mit dem Fifa-Boss noch mit Stimmen belohnt, erscheint zweifelhaft. Beim Uefa-Kongress am 25. April in Stockholm hat es der deutsche Kandidat mit vier Mitbewerbern zu tun, die zudem über eine starke Lobby verfügen: mit dem Norweger Per Ravn Omdal, dem Italiener Franco Carraro, dem Malteser Joseph Mifsud - und dem französischen Fußball-Heros Michel Platini.
Zudem wirkt Mayer-Vorfelder angreifbar. Der taktische Fehler vom Oktober ist nicht das einzige Problem des vor einem Jahr gewählten DFB-Chefs. Nach manchen Affären sorgt sich »MV« um seine Repu-
tation. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« ortete bei ihm »ein Glaubwürdigkeitsdefizit«.
Das Gerede nimmt kein Ende. Erst prangerte eine Wanderausstellung von Fußballfans Stammtischparolen des Stuttgarter Funktionärs an ("Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und stattdessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks spielen?") - die Macher unterstellten ihm eine rechtsextreme Gesinnung.
Dann sorgte die Nachricht für Aufregung, der langjährige Präsident des VfB Stuttgart habe den DFB beauftragt, seinem früheren Club 116 574 Euro zu überweisen - von dem Geld hatte sich »MV« einen antiken Schrank und ein paar Bilder für sein Büro gegönnt.
Schließlich wurde bekannt, dass er als ehrenamtlicher Vereinschef des hoch verschuldeten Bundesligisten ein Jahr lang eine Aufwandsentschädigung von monatlich 12 782 Euro sowie ein Darlehen über 153 388 Euro erhalten und durch Verrechnung getilgt hat, was »MV« nicht bestreitet. Und seit Februar ermittelt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Allein für das Jahr 2000, so die internen Berechnungen der Ermittler, soll der Fußball-Funktionär dem Fiskus 31 225,06 Euro Umsatzsteuer vorenthalten haben.
An den Vorwürfen der Steuerhinterziehung sei nichts dran, sagt Mayer-Vorfelder. Das Verfahren gegen ihn werde bald eingestellt, wurde berichtet. Von der Staatsanwaltschaft ist indes zu hören: »Wir ermitteln weiter.«
So ist offenbar die eine schillernde Figur der Sportpolitik eine unheilvolle Allianz mit der anderen eingegangen. Auch Blatter büßte wegen mancher Debatten über Stilfragen und angebliche Verfehlungen Kredit als Führungskraft des Fußballs ein.
Dabei folgte das Bündnis vom Herbst letzten Jahres eigentlich kühler Berechnung. Der DFB erhoffte sich von der deutlichen Parteinahme für Blatter handfeste Vorteile: Geld und Macht.
So ist Deutschlands Organisationskomitee für die Weltmeisterschaft 2006 auf die Gewogenheit des Fifa-Chefs angewiesen. Als die Deutschen den Zuschlag für das Spektakel erhielten, wussten sie nicht, wie groß die Unterstützung des Weltverbandes ausfallen würde. Sie erbaten einen Zuschuss von 200 Millionen Dollar - so viel wie Japan und Südkorea für die WM 2002 zusammen erhielten. Schließlich darf der DFB auf Fifa-Anweisung nur sechs nationale Sponsoren akquirieren; vor vier Jahren konnte Ausrichter Frankreich noch 45 Firmen als WM-Partner ins Boot holen.
Erst jetzt, nach neuerlichen Verhandlungen mit der Fifa-Verwaltung und der verbandseigenen Fifa Marketing AG, signalisierten die Geldgeber aus Zürich ihr Einlenken. In Kürze soll die Höhe des Zuschusses in den Organisationsvertrag eingesetzt werden - der DFB erwartet eine »befriedigende Lösung«.
Beim Feilschen um die Millionen hat sich offenbar die Hinterzimmer-Diplomatie ausgezahlt. Als zwischenzeitlich Mitglieder der Fifa-Finanzkommission Zweifel geäußert hatten, ob der reiche DFB überhaupt pekuniäre Hilfe für die WM brauche, traf sich Organisationschef Franz Beckenbauer mit seinem Duzfreund Blatter persönlich.
Nun spricht Generalsekretär Schmidt mit Rücksicht auf die verprellten Europa-Funktionäre beinahe entschuldigend von der »speziellen Lage« der Deutschen als WM-Ausrichter. Dass der DFB da den Fifa-Boss unterstütze, müsse doch »jeder verstehen«.
Der Schulterschluss mit dem Schweizer hatte wohl noch einen anderen Grund: Beckenbauer selbst, glauben dessen Mitstreiter zu wissen, strebe die Blatter-Nachfolge nach einer weiteren Amtsperiode des Schweizers an - 2006, pünktlich zur deutschen WM-Sause. »Der Franz«, sagt ein enger Vertrauter, »will das hundertprozentig.« Und kein anderer als Freund Sepp könnte bis dahin die Steigbügel halten.
Dem Regenten Blatter können die Nöte der Deutschen nur recht sein. Es gibt nicht mehr viele, die ihn derart hofieren - und wenn es dem Machterhalt dient, koaliert der Fifa-Chef selbst mit den Gegnern von gestern. Denn bis zur Entscheidung über die WM-Vergabe im Sommer 2000 warb er noch um
Stimmen für Deutschland-Gegenspieler Südafrika.
Jetzt braucht der ehemalige Mittelstürmer des FC Visp offenbar neue Verbündete. Es ist die Zeit für Gefälligkeiten. Erst kürzlich ließ der Fifa-Chef eine weitere Rate der 100 Millionen Schweizer Franken aus dem so genannten Goal Project an weniger bemittelte Fußballnationen ausschütten. Für Blatter ist es Entwicklungshilfe, für seine Gegner ist es Wahlkampf.
Doch die turbulente Exekutivsitzung auf dem Sonnenberg zeigt: Niemals zuvor seit seinem Amtsantritt im Juni 1998 stand Blatter derart unter Druck. Knapp zweieinhalb Monate vor dem Kongress in Seoul, bei dem der neue Fifa-Präsident gewählt wird, formieren sich die Kontrahenten. Der Kameruner Issa Hayatou, 51, Präsident der afrikanischen Föderation, fühlt sich inzwischen stark genug, gegen Blatter anzutreten.
Zuletzt konnten auch lautstarke Proteste der wenigen verbliebenen Blatter-Claqueure den Untersuchungsausschuss zur Prüfung der Finanzen nicht verhindern. Ihr letzter Winkelzug scheiterte. Am Tag vor der entscheidenden Debatte kursierte ein schriftlicher Kompromissvorschlag: Für Blatter war ein Platz als Beisitzer in der von ihm so genannten Buchprüfungskommission vorgesehen.
Damit war, wie ein Teilnehmer sagt, »der Eklat unausweichlich«. Nun dürfen die Kontrolleure durchleuchten, wie viel Geld die Fifa durch den Konkurs der Marketingunternehmen ISMM und ISL tatsächlich verloren hat. Blatter sprach öffentlich bisher von rund 35 Millionen Euro. Branchenkenner indes raunen, dass der Crash des langjährigen Vermarktungspartners die Non-Profit-Organisation Fifa »mindestens 120 Millionen Euro gekostet« habe.
Der Chef wirkt angeschlagen. Noch kann er auf die Mehrheit vor allem der kleinen, sportlich eher unbedeutenden Verbände hoffen. Doch die Untersuchung, die bis Ende April abgeschlossen sein soll, könnte Blatter bis zum Kongress den letzten Rückhalt in der von ihm stets beschworenen Fifa-Familie kosten.
Denn viele Fragen sind offen, und ständig kommen neue hinzu. So tauchten erneut Korruptionsvorwürfe um den Fifa-Chef auf. Zwei somalische Fußballfunktionäre behaupteten, bei Blatters Wahl in Paris seien Stimmen gekauft worden. Der Schweizer bestritt die Anschuldigungen.
Ungemach dräut auch bei der Abwicklung von ISMM und ISL. Der Streit zwischen der Fifa und den mehr als 600 Gläubigern der bankrotten Unternehmen eskaliert. Die Fifa hatte die Marketingrechte für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 der Konkursmasse entzogen. Das fechten die Gläubiger jetzt mit diversen Rechtsgutachten an. Konkursverwalter Thomas Bauer von Ernst & Young in Basel drängt auf »eine Lösung bis zum Beginn der WM« Ende Mai.
Und noch immer hält die Fifa ein Schreckens-Szenario in Atem: eine mögliche Zerschlagung des Kirch-Konzerns. Die wirtschaftlichen Folgen wären nicht abzusehen - der Münchner Medien-Tycoon besitzt sämtliche Fernsehrechte an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006.
Noch ist nicht klar, ob der angeknockte Fußball-Boss rechtzeitig zum Gegenschlag ausholt. Denn vor dem Showdown in Seoul könnte Blatter einen außerordentlichen Fifa-Kongress einberufen, um dort Gefolgsleute auf seine Wiederwahl einzuschwören.
Das Recht dazu hat der kleine Walliser mit dem runden Gesicht - bereits jetzt habe ihn, wie er kurz nach der Exekutivsitzung mit aufgeregter Stimme kundtat, mehr als jeder vierte der 204 Fifa-Verbände dazu aufgefordert.
Dass der gewiefte Taktiker noch genügend Zeit hätte, eine Mehrheit hinter sich zu scharen, halten Insider für sicher: »Solche Wahlen«, sagt ein Rechtehändler, »entscheiden sich sowieso erst in der letzten Nacht.« FELIX KURZ, MICHAEL WULZINGER
* Anlässlich des Fußball-Länderspiels Ungarn gegen Deutschlandam 15. August 2001 in Budapest; Mitte: Michel Platini,Vizepräsident des französischen Verbandes.* Hundert Tage vor WM-Beginn.* Beim 1:5 gegen England am 1. September 2001 in München.