Sing cucu nu - DER SPIEGEL
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OLYMPIA-ERÖFFNUNG Sing cucu nu

Statt Wagner-Pathos und zackiger Marschmusik wie 1936 in Berlin soll das Eröffnungsritual in München 1972 perfekt Heiteres bieten: elektronische Popmusik und bayrische Goaßlschnalzer.
• aus DER SPIEGEL 35/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn am kommenden Samstagnachmittag um 15 Uhr Bundespräsident Gustav Heinemann in der Ehrenloge des Münchner Olympia-Stadions Platz genommen hat und das mehrstimmige Blöken aus acht Alphörnern samt elektronischem Nachhall verklungen ist -- dann darf, so der für die Eröffnungszeremonie verantwortliche TV-Regisseur Uly Wolters, »nix mehr in die Hosen gehen«.

Der Kameramann auf der Position E 4 A richtet seine Linse auf das Marathon-Tor, wo die erste Mannschaft, die griechische, ins Stadion kommt; in der Regie-Kanzel hoch droben macht Toningenieur Dietrich Zapf das erste Musikband startklar. Fernsehmann Wolters: »Das ist so ein Feingliedriger, fast ein Dirigent, aber ich weiß, daß es in ihm kocht.«

Kein Wunder, denn der Mann in der Kanzel soll darauf achten, daß seine Tonbänder und die einmarschierenden Athleten aus 123 Ländern synchron laufen. Und das ist schwierig: Noch nie haben sich derart viele Sportler und Funktionäre (Wolters: »So an die 13.872 Figuren«) zu Olympischen Spielen gemeldet wie dieses Mal in München, noch nie wurden so viele vorproduzierte elektronische Effekte eingesetzt -- Hymne wie Ausmarschmusik werden den Musikanten im Play-back-Verfahren zugespielt; live sind nur das Deutschlandlied und einige Fanfarenstöße zu vernehmen.

Und noch nie wurde mit soviel studiotechnischem Aufwand, mit soviel Akkuratesse versucht, das verstiegene Pathos des längst veralteten olympischen Zeremoniells akustisch und optisch abzuschleifen -- gemäß der Daume-Devise, diesmal solle Deutschland mit heiteren, bunten, aufgelockerten Spielen aufwarten. Anders als 1936 also, als Willi Daume auch schon dabei war als Spieler der deutschen Olympia-Basketballmannschaft.

Damals bündelten Flakscheinwerfer ihre Strahlkraft über dem Berliner Zement-Monumentalismus und über Sandsteinquadern. Zum erstenmal wurde olympisches Feuer aus Griechenland zu Fuß herbeigetragen. in Nirosta-Fackeln von Kanonenbauer Krupp, und Propagandachef Goebbels reimte: »Heilige Flamme, glüh, glüh und verlösche nie.«

Hitler zog den einzigen, ihm vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zugestandenen Satz -- den er überdies geringfügig veränderte -- bei der Eröffnung in die Länge: »Ich -- erkläre -- die -- Spiele -- von -- Berlin -- zur -- Feier -- der -- elften -- Olympiade -- neuer -- Zeitrechnung -- als -- eroffnet.« Im Stadion spielten Berliner Philharmoniker Wagners Huldigungsmarsch und Händels Halleluja ganz weihevoll, um die »Olympische Idee einzubrennen in Herzen und Sinnen« (so hieß es in einem zeitgenössischen Bericht).

Olympia 72 soll sich eher in die Sinne einsäuseln -- in alter Perfektion freilich, nunmehr durch und durch heiter: poppige Kleidung für die Ordner von Courèges aus Paris, Schuhplattler aus dem Oberland für die Eröffnungszeremonie, Stadion-Stimme aus dem Durbridge-Milieu (Darsteller Joachim Fuchsberger).

Und Kapellmeister Kurt Edelhagen vom Westdeutschen Rundfunk wie seine Arrangeure haben die Einmarschmelodien für die Spiele derart verfremdet, daß die Athleten womöglich »reintanzen wie die Känguruhs« -- so der olympische Zeremonienmeister Siegfried Perrey, der seit 1952 die deutsche Mannschaft betreut und diesmal die Eröffnungs- und Schlußfeier koordiniert.

Als Anfang Juli ein Haufen Stadion-Funktionäre, voran Stadion-Sprecher Fuchsberger, den Einmarsch proben wollte, gerieten sie bei den Edelhagen-Melodien derart aus dem Tritt, daß flugs zwei Schlagzeuger und ein Baßgeiger unter der Tribüne postiert werden mußten, um -- live und schrumm, schrumm -- »den Marschrhythmus zu akzentuieren«, (so Daumes künstlerischer Berater Arnold Petersen). TV-Regieführer Wolters: »Wenn der Einmarsch nicht eine Katastrophe werden soll, dann müssen die Kerle ganz schön klopfen und zupfen«

Denn Kölns Edelhagen, der schon seit anderthalb Jahren am musikalischen Einzug der Nationen arbeitet und zuerst ganz klassisch Themen wie Beethovens »Freude schöner Götterfunken« einarbeiten wollte, mußte sich bald Daumes »Generalidee« beugen, »ja keine Assoziationen zu 1936 herzustellen« (Edelhagen).

So werden die Mannschaften am Samstag nur populäre und verpoppte Volksweisen hören -- die US-Athleten etwa »When the samts go marching in«, die Italiener »Tiritomba« und die Deutschen (West) gleich drei verschiedene: »Hoch auf dem gelben Wagen ...«, »Auf, du junger Wandersmann« und »Horch, was kommt von draußen rein, hollari, hollaro ...«.

Für die Deutschen (Ost) hat der Kölner Kapellmeister eine »schicke Musik« mit Chor und Elektronik ganz neu komponiert, »damit wir da nicht danebentappen« (Edelhagen). Daß »alles ganz wertfrei bleibt«, hat Komponist Edelhagen auch bei Besuchern aus Südamerika, Asien und Afrika streng beachtet: »Wir hätten ja eine Melodie erwischen können, deren Text vielleicht heißt: Siegreich wollen wir gegen Uganda fahren.« Den fremden Völkern bietet er deshalb lieber reine Neukompositionen, untermalt »mit vielen Gaginstrumenten wie Bongos, Tumbas, Maultrommeln und Kuhglocken«.

Zeremonienmeister Perrey vermeinte beim Abhören der Einmarschmelodien »sogar Kuckucksuhren« vernommen zu haben. Edelhagen, der seine Musik als »tänzerisch animierend« einstuft und sie schon einen Tag nach der Olympia-Eröffnung als Langspielplatte auf den Markt werfen will, über Perreys Hörfrüchte: »Das weiß ich im Moment selber nicht, wo er das gehört haben könnte.«

Nach Edelhagens fast anderthalbstündiger Tanzeinlage wird, wenn 3200 Schulkinder den »Gruß der Jugend« darbringen, Carl-Orff-Musik hinzugeschaltet: der altenglische Kanon »Rot&« der mit der Feststellung »Sumer is icumen in« beginnt und mit der Aufforderung endet: »Sing cucu nu, sing cucu!«

Was das Reglement des IOC minuziös vorschreibt -- vorn der Fanfare bis zum Gelöbnis, von der Zwei-Minuten-Ansprache Daumes bis zur Drei-Minuten-Rede des IOC-Präsidenten Brundage -- konnten auch die Münchner nur ganz vorsichtig ändern, denn »wenn da Dinge drin waren, die dem IOC nicht schmeckten, flog das sofort raus« (so der künstlerische Leiter der Eröffnungs- und Schlußfeier Franz Baur-Pantoulier). Der durch Ausschreibung gefundene Komponist Herbert Rehbein modernisierte die Fanfare, und der in München lebende Amerikaner Alfred Goodman nahm der Olympischen Hymne durch Streichung der Chöre »den Aida-Festcharakter, den wir in Japan noch erlebten« (so Daume-Berater Petersen).

Kaum aber sind die Olympiafahne (getragen von deutschen Ruderern) und die Traditionsfahne (die nun vier Jahre in München bleibt) in der Arena und die Tauben draußen (Baur-Pantoulier: »Da hätt' i gern an Habicht, damit ich die verscheuchen könnt'«) -- da legen die Bayern wieder richtig los.

Im Stadion marschiert -- Dreingabe des letzten Olympia-Veranstalters Mexico City -- das »Ballet Folklórico Mexicano« mit den Mariachi Los Toritos »tanzenderweise« (Baur-Pantoulier) auf das einheimische Aufgebot einer »Vereinigten Bayerischen Trachtenkapelle« mit 36 »Goaßlschnalzern« (Baur-Pantoulier: »Das Peitschenknallen ist ein alter bayrischer Fuhrmannsbrauch«) und 80 Schuhplattlern zu, die vorwiegend »aus Bauern, Bademeistern und Postbeamten« (Baur-Pantoulier) besteht und auf die Melodie »Hack der Katz den Schwanz ab« platteln.

Derweil halten andere Oberbayern, 60 Berchtesgadener Böllerschützen, auf dem im Olympia-Gelände aufgeworfenen Schuttberg ihre 60 Pfund Schwarzpulver trocken und warten auf den per Funk übermittelten Einsatzbefehl von Baur-Pantoulier: »Oanazwanz'g, zwoarazwanzg' dreiazwanz'g wumm ...« Bei jedem »Wumm« feuern zwanzig Schützen gleichzeitig eine Salve ab. Baur-Pantoulier: »Ein Böller sieht aus wie eine Armbrust mit abgesägtem Lauf und ist eine reine Lärmmaschine.«

Möglicherweise noch lauter, aber jedenfalls »außerordentlich effektvoll« (Daume-Berater Petersen) wird der Wirbel beim Hereinbringen des Olympischen Feuers durch den Passauer Mittelstreckler Günter Zahn. Die rund ums Stadion im Fünf-Meter-Abstand aufgestellten Pauken setzen exakt beim Vorbeilaufen des Fackelträgers mit ihrem Trommeln ein -- »bis das ganze Stadion mit Feuerwerksmusik gefüllt ist«, so Petersen. Freilich »nicht im Händelschen Sinne, sondern so einfach: lideldi, lideldi ...«

Der Paukenwirbel wurde von dem Münchner Komponisten Wilhelm Killmayer (»Yolimba oder die Grenzen der Magie«) ersonnen, der auch die musikalische Untermalung beim Verlöschen des Olympia-Feuers, beim Auflassen des künstlichen Regenbogens und die Geräusche der Alphörner komponiert hat.

Nach dem Vortrag des »Olympischen Eids« (die offizielle Münchner Bezeichnung schwankt noch zwischen »Gelöbnis« und »Versprechen« durch die Weitspringerin und Hürdenläuferin Heidi Schüller (die englische und französische Übersetzung wird elektronisch darübermoduliert) darf Stadionsprecher Joachim »Blacky« Fuchsberger, der vorher nur die Mannschaften und die diversen Einlagen ansagen durfte, das Orakel des Gottes Apollon in die elektronisch vorbereitete Musik des polnischen Raumklang-Spezialisten Krzysztof Pendereckl hineinsprechen: »Haltet fest an dem alten Brauch ...«

Nun verlassen die Sportler das Stadion und kommen so geschlossen erst 14 Tage später wieder zur Schlußfeier zusammen, wo »noch einmal die fröhliche bayerische Folklore« (Olympia-Bulletin) zu sehen ist und sogar ein Pferdewagen mit echt Münchner Schäfflern -- laut Bulletin eine Tanzgruppe, wie sie schon im Mittelalter auftrat, »aus Dankbarkeit für die überstandene Pest«.

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