100. Berliner Sechstagerennen: Räder, Rummel, Erdbeerbowle - DER SPIEGEL
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Sechstagerennen: Hundert Jahre Tradition

Foto: Hannibal Hanschke/ dpa

100. Berliner Sechstagerennen Räder, Rummel, Erdbeerbowle

Ein Besuch beim 100. Sechstagerennen ist wie eine Zeitreise - zurück in ein Berlin zwischen Sportpalastwalzer, Schmalzstullen und Bill Haley. Der sportliche Wert der Veranstaltung ist fraglich, aber jeden Abend ist das Spektakel ausverkauft. Das Thema Doping? Ertränkt im Bierglas.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer sich dieser Tage in das Velodrom im Berliner Bezirk Pankow begibt, verabschiedet sich aus dem 21. Jahrhundert. Er tritt eine Zeitreise in die Vergangenheit an. Das Publikum pfeift beim Sportpalast-Walzer mit, die Showband singt "Gimme Gimme Gimme" von "Abba" und "Rock around the Clock" von Bill Haley, es wird Schultheiss-Bier und Erdbeerbowle getrunken, dazu gibts Buletten und Schmalzstullen - das Berliner Sechstagerennen, das in diesem Jahr seine 100. Auflage erlebt und noch bis Dienstagabend läuft, ist vollständig resistent gegen den Zeitgeist. Ein Abend beim Sechstagerennen 2011 wäre 1981 im gemütlichen Westberlin vermutlich genauso verlaufen.

Spektakel oder Sportereignis, Rummel oder Rennen - so richtig trennscharf ist das nicht auszumachen, wenn die ehemalige DDR-Band "City" "Was wollen wir trinken?" anstimmt und das Westberliner Relikt Frank Zander die Massen zum Schunkeln bringt. Das Bierglas in der Hand, und jeder weiß, welcher Spruch jetzt kommt: "Ein Zander muss schwimmen." Den Witz hat der Sänger schon vor 30 Jahren gebracht, und er bringt ihn immer wieder. Das nennt man wohl Tradition.

Showblöcke und Sport wechseln sich an einem Sechstage-Abend ab, fließen ineinander. Die Cheerleader sind im Dauereinsatz, die Siegerehrungen nehmen Vertreter eines Autohauses und eines Getränkeherstellers reichlich ungelenk vor. Dann geht es ohne Pause mit dem Steherrennen weiter, bei dem die Radfahrer hinter dem vor ihnen fahrenden Motorrad herstrampeln müssen, Bierdunst und Abgase liegen in der Luft. Die Stimme des Hallensprechers überschlägt sich, um das Gedröhn der Steher-Motorräder noch zu übertönen. All das wirkt so rührend altmodisch, dass man sich nur wundern kann, dass es so was überhaupt noch gibt.

Tradition geht auf West und Ost zurück

Sechstagerennen gibt es in Deutschland derzeit sonst nur noch in Bremen. Veranstalter in anderen Städten wie Dortmund oder München haben kapituliert, weil sie die Budgets nicht mehr stemmen konnten. Die Hauptstadt hat dagegen den Vorteil, dass sie auf Sechstagetradition im Westen und im Osten gleichermaßen zurückgreifen kann. Während die Radsporthelden von einst, wie die Belgier Patrick Sercu oder Eddie Merckx, im Westen in der Deutschlandhalle ihre Runden drehten, zogen in Ostberlin in der Werner-Seelenbinder-Halle die Stars der Friedensfahrt das Publikum an. Die meisten Zuschauer, die heute ins Velodrom strömen, haben diese Zeiten noch mitgemacht. Die Sechstagerennen-Zielgruppe ist das 50-plus-Publikum.

Heinz Seesing passt da gut ins Bild. Der Organisator der Veranstaltung ist mittlerweile 73 Jahre alt, jahrzehntelang hat er die Rennen in Bremen gemanagt, seit 1997 ist er in Berlin verantwortlich und hat es geschafft, die Veranstaltung bis mindestens 2017 in der Stadt zu sichern. Jeder Abend ist ausverkauft, mehr als 70.000 Besucher strömen während der sechs Tage ins Velodrom.

"Der Sport steht hier uneingeschränkt im Mittelpunkt", sagt Seesings, und wenn der aktuelle deutsche Sechs-Tage-König Robert Bartko über die Holzbahn rast und dabei eine Geschwindigkeit von fast 70 Kilometer erreicht, dann ist das tatsächlich eine sportliche Spitzenleistung. Bartko ist eines der Zugpferde in Berlin, auch die Bahnweltmeister Leigh Howard und Cameron Meyer sind Hochkaräter ihrer Branche.

Die Große Jagd, Höhepunkt jedes Sechstage-Abends, verlangt ein Höchstmaß an Steuerungsfähigkeit, wenn die Duos sich in fliegender Fahrt abwechseln, wenn sich die Fahrer wie an der Perlenschnur auf der Bahn aufreihen und das Sprintgerangel vor den Schlussrunden einsetzt. Dann gilt es, Stürze zu vermeiden, sich in maximalem Tempo oben vom Scheitelpunkt der Zielkurve herunterfallen zu lassen auf die Gerade, das demonstriert oberste Fahrkunst.

Jan Ullrich sollte Ehrengast sein

Die Fans bejubeln den Tour-de-France-Edelfan Didi Senft, der wie eh und je in seinem Teufelskostüm am Rand der Bahn seine Faxen macht. Doping ist hier ganz weit weg, obwohl sich bereits die Fahrer in den zwanziger Jahren mit Kokain, Strychnin und Koffein versorgten, um die sechs Tage zu überstehen. Damals waren die Sportler allerdings auch fast rund um die Uhr im Sattel. Die Zeiten sind vorbei, heute kommt ein Profi aber immer noch locker auf fast tausend Kilometer, wenn man zusammenrechnet, was ein Athlet an den sechs Tagen zu strampeln hat.

Die Probleme des Radsports, die Negativschlagzeilen über all die Stars, die in den vergangenen Jahren aufgeflogen sind, werden sechs Abende lang in Erdbeerbowle und Bier ertränkt. Als Ehrengast zum 100. Berliner Sechstagerennen war Jan Ullrich eingeladen. Der einstige Tour-de-France-Held, aufgrund von Dopingvorwürfen längst isoliert, hatte allerdings keine Zeit.