15. Etappe: Bleibt alles anders - DER SPIEGEL
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15. Etappe Bleibt alles anders

Obwohl die Fahrt nach L'Alpe d`Huez spannend bis zum Schluss war, hat die Königsetappe keine Vorentscheidung bei der Tour de France gebracht. Aus deutscher Sicht könnte sich aber ein altbekanntes Duell anbahnen - mit besseren Aussichten als bisher.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie sich die Bilder doch gleichen. Ein US-Amerikaner und ein Deutscher liefern sich am Anstieg nach L'Alpe d'Huez ein verbissenes Duell - am Ende hat der Amerikaner knapp die Nase vorn und darf ins Gelbe Trikot schlüpfen. Für ein paar Momente schien die Tour de France wieder jenes Drama zu inszenieren, das sie in den vergangenen acht Jahren meistens bot. Statt Lance Armstrong gegen Jan Ullrich jetzt also Floyd Landis gegen Andreas Klöden - mit dem bewährten Ausgang.

Doch die Bilder täuschen: In diesem Jahr bleibt bei der Frankreich-Rundfahrt alles anders. Zumindest bis jetzt. Zwar hat Phonak-Fahrer Landis das Gelbe Trikot wie erwartet zurückerobert, aber von der beinahe unfassbaren Stärke eines Lance Armstrong bleibt er meilenweit entfernt. Gerade einmal zehn Sekunden Vorsprung konnte er auf den Spanier Oscar Pereiro vom Team Caisse dEspargne/Illes Baleares herausfahren, der sich einmal mehr als äußerst bergfest erwiesen hat. Bei der Tour im vergangenen Jahr holte sich Pereiro in den Pyrenäen einen Etappensieg und einen zweiten Platz.

Umso unverständlicher wirkt im Rückblick der Verlauf der 13. Etappe am Samstag, als Landis' Team dem Spanier fast eine halbe Stunde Vorsprung schenkte. War das tatsächlich ein geschickter Schachzug, um Kräfte vor den schweren Alpen-Etappen zu sparen, oder hatten sich die Fahrer in Grün und Gelb schlicht total verschätzt? Letzteres vermuten viele Experten wie etwa Tour-Legende Eddy Merckx - dessen Sohn Axel bei Phonak fährt. Nicht nur ihm scheint die Schweizer Mannschaft als schwächste Equipe unter jenen Teams, die noch um das Gelbe Trikot mitfahren. In der Mannschaftswertung liegen sie lediglich auf dem 10. Platz.

Davon allerdings war auf dem Weg hinauf nach L'Alpe d`Huez nichts zu sehen. Das wesentlich stärker eingeschätzte Team T-Mobile ließ Andreas Klöden auf den entscheidenden Metern wie schon in den Pyrenäen allein, lediglich der früh ausgerissene Eddy Mazzoleni wartete auf seinen Kapitän - wie auch Axel Merckx auf Floyd Landis. Schlimmer erging es noch CSC-Spitzenfahrer Carlos Sastre aus Spanien, der sich ohne jede Hilfe die 21 Spitzkehren hoch ins Ziel quälen musste - während sein Teamkollege Frank Schleck lieber vorne weg fuhr und die Etappe gewann.

Dabei hatte CSC-Teamchef Bjarne Riis, der die Tour 1996 gewann, am Tag vor der ersten Alpen-Etappe noch alle Bedenken weggelächelt. "Es war doch alles nur Taktik bisher", versicherte Riis, "wir werden morgen im Feld abwarten, was passiert und dann schnell reagieren." Entweder war seine Aussage nur ein Trick oder seine Fahrer haben ihn nicht verstanden. Erst legte Jens Voigt ein Höllentempo vor, um am Ende mit 13:52 Minuten auf Platz 64 durchgereicht zu werden, dann setzte Frank Schleck nach. In der Mannschaftswertung liegt CSC nun vorn, im Kampf um das Gelbe Trikot aber wäre an diesem Tag mehr möglich gewesen.

Noch aber ist für Sastre nichts verloren - ebenso wenig wie für die anderen sechs Fahrer an der Spitze der Gesamtwertung. Der Abstand zwischen Rang eins und sieben beträgt weniger als drei Minuten, so eng ging es bei der Tour schon lange nicht mehr zu. Ob Floyd Landis tatsächlich der Favorit auf den Gesamtsieg ist, wird sich wohl auf den nächsten beiden Etappen durch die Alpen zeigen.

Die Abschnitte von Bourg-D'Oisans nach La Toussuire und von insbesondere von Saint-Jean-de-Maurienne nach Morzine gelten im Fahrerfeld als erheblich anspruchsvoller im Vergleich zum mythenumrankten L'Alpe d`Huez. Kommt Landis als Spitzenreiter über die Berge, wird er sich den Sieg beim wichtigen Einzelzeitfahren am kommenden Samstag wohl nicht mehr nehmen lassen.

Doch wenn Landis als etwas besserer Zeitfahrer gilt, dann ist Andreas Klöden mit seinem niedrigen Gewicht von 62 Kilo bei 1,83 Meter Größe der ideale Bergfahrer. Wäre seine Vorbereitung nicht durch mehrere Verletzungen gestört worden, wäre Klöden schon jetzt möglicherweise weiter vorne platziert als auf dem sechsten Rang. Es war sicher nicht nur höflich gemeint, als Landis in L'Alpe d`Huez feststellte: "Jetzt ist Klöden mein ärgster Konkurrent."

Im besten Fall bleibt das Duell, das Klöden und Landis heute am Anstieg ausfuhren, doch keine Momentaufnahme. Dann tragen im Jahr eins nach Armstrong und Ullrich doch wieder ein Amerikaner und ein Deutscher den Kampf ums Gelbe Trikot aus. Es muss dabei kein schlechtes Zeichen sein, dass Armstrong gestern die Tour de France besuchte. Hauptsache, er steigt nicht mehr auf sein Rad.