15. Etappe Jan Ullrich rettet Platz zwei
Courcevel - Jan Ullrich erlebte auf der zweiten Alpen-Etappe fast sein Waterloo und Lance Armstrong seine Kaiserkrönung. Der Toursieger von 1997 konnte auf der 15. Etappe auf dem Weg nach Courchevel seinen zweiten Platz im Gesamtklassement nur zwei Sekunden vor der spanischen Tour-Entdeckung Joseba Beloki retten. Der Träger des Gelben Trikots aus Texas dagegen beseitigte am Sonntag sämtliche Zweifel an seinen zweiten Toursieg in Folge. Im Schatten Armstrongs zog Marco Pantani eine große Show ab und unterstrich als Tagessieger nach 173,5 km in Courchevel seinen Ruf als bester Bergfahrer der Tour. Nach dem Etappensieg von Armstrongs Gnaden auf dem Mont Ventoux feierte der italienische Toursieger von 1998 damit den zweiten Tageserfolg in diesem Jahr.
Ullrich kam völlig erschöpft 3:23 Minuten nach Pantani ins Ziel. Der 26-jährige Telekom-Kapitän geht nach der für ihn enttäuschenden Tages-Tour über drei Alpen-Gipfel der höchsten Kategorien weiter auf Rang zwei, jetzt 7:26 Minuten hinter Armstrong, in den zweiten Ruhetag der Tour. Auf der Zielgeraden hatte ein auf die offizielle Strecke geschmuggelter Touristikfahrer im Gelben Trikot für Verwirrung gesorgt. Armstrong verlor auf Pantani 50 Sekunden.
"Ich bin froh, dass ich knapp den zweiten Platz retten konnte. Die nächstplatzierten Beloki und Moreau sind gute Zeitfahrer, und die nächsten Tage werden noch schwer. Es wird im Kampf um den zweiten Rang noch spannend - das ist noch lange nicht gelaufen", sagte Ullrich, der sich am vorletzten Anstieg zum Col de la Madeleine «noch sehr gut» gefühlt hatte. An der Schlusssteigung sei dann "nichts mehr gegangen", sagte Ullrich, den zu dieser Zeit auch sein letzter Mannschafts-Begleiter Giuseppe Guerini (Italien) verlassen hatte.
Am Vortag vor Pantanis Triumph im 2000 Meter hoch gelegenen Courchevel in Briancon hatte 13 Jahre nach Luis Herrera mit Santiago Botero wieder ein Kolumbianer, ebenfalls als Solist, triumphiert. Beide Strecken durch die Alpen konnten als "Königsetappen" bezeichnet werden, der 14. Tagesabschnitt am Samstag durch die enorme Distanz (249,5 Km), die Passage am Sonntag wegen der großen Schwierigkeiten und der Bergankunft in Courchevel. Am Dienstag folgt die dritte, letzte und leichteste Alpen-Etappe von Courchevel nach Morzine. Danach trennen Armstrong nur noch fünf Tage von seinem zweiten Triumph auf den Pariser Champs Elysees.
Nach dem geschenkten Sieg vom vergangenen Donnerstag wollte Pantani am Sonntag einen "richtigen" Erfolg. Wie am Samstag am Izoard attackierte der glatzköpfige Italiener auch auf der über 22 km langen Steigung ins Ziel nach Courchevel. 15 Km vor dem Ziel konnte er sich mit Armstrong, mit dem er schon am Mont Ventoux ein erfolgreiches Tandem gebildet hatte, von einer Spitzengruppe mit Ullrich absetzen. Der Franzose Richard Virenque konnte mitgehen, Ullrich fehlten die Mittel dazu.
Sechs Kilometer vor dem Ziel ließ Pantani auch Armstrong stehen und machte sich auf die erfolgreiche Verfolgung der Führenden, die aus einer Ausreißergruppe vom Galibier übrig geblieben waren. Im Ziel verwies der Italiener den Spanier Jose-Maria Jimenez mit 41 Sekunden Rückstand auf Rang zwei.
"Hier in der Nähe der italienischen Grenze vor den vielen Fans am Straßenrand hat mir der Sieg besonders Spaß gemacht. Danke an alle zu Hause, die immer an mich geglaubt haben. Armstrong ist superstark, es ist sehr schwer, ihm noch Zeit abzunehmen", sagte Pantani, der im Gesamtklassement auf Rang sechs (9:03 Minuten hinter Armstrong) vorrückte und nach fast zwölfmonatiger Renn-Abstinenz nur den Giro als Tour-Vorbereitung gefahren war.
Der vor der Tour hoch gehandelte Jimenez war am Sonntag auf einen Etappensieg aus, nachdem er aus dem Rennen um die ersten Plätze im Gesamtklassement längst ausgeschieden war. Der Spanier war aktivstes Mitglied einer ursprünglich sieben Fahrer starken Ausreißergruppe, die sich schon beim Aufstieg auf den Galibier, den mit 2645 Meter höchsten Punkt der Tour, gebildet hatte. Aber der kräftezehrende Ausflug von Jimenez war am Schlussanstieg nach Courchevel nicht von Erfolg gekrönt.