Tour-Zeitfahren: Klödens letzte Chance - DER SPIEGEL
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Tour-Zeitfahren Klödens letzte Chance

Das Zeitfahren am Samstag ist die letzte Möglichkeit für T-Mobile-Kapitän Andreas Klöden, vom vierten Platz in der Gesamtwertung noch weit nach vorne zu fahren. Dafür müsste er eine überragende Vorstellung hinlegen. SPIEGEL ONLINE hat seine Chancen analysiert.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ganz in sich gekehrt, ganz konzentriert, fernab vom Rest der Welt saß Andreas Klöden am Freitagmorgen vor dem Start der 18. Tour-Etappe auf dem Beifahrersitz eines T-Mobile-Begleitwagen - während um ihn herum der übliche Wahnsinn tobte, der zwangsläufig ausbricht, wenn das größte Radspektakel der Welt in den engen Straßen eines Bergstädtchens wie Morzine Station macht.

Dicht an dicht parken die Teamfahrzeuge, Fotografen, Reporter und wichtige Gäste drängen sich um die Mannschaften, von den nur wenige Meter entfernten Absperrungen brüllen Autogrammjäger nach ihren Helden, im Hintergrund tönt der Sprecher, der jeden Fahrer beim Einschreiben anpreist, als sei er ein Boxer, der gleich um die Weltmeisterschaft kämpfen wird.

Inmitten dieses Gebrodels saß also Andreas Klöden und besah sich in aller Ruhe das Streckenprofil der kommenden Etappe. Dann studierte er die vor ihm liegenden 197 Kilometer auf der Karte, griff danach zum Streckenprofil, dann wieder zur Karte. Für den Beobachter wirkte es so, als suche der T-Mobile-Kapitän die eine Stelle, an der noch etwas gehen könnte, an der man versuchen könnte, den anderen davonzufahren, wichtige Zeit gutzumachen auf das Spitzentrio Oscar Pereiro, Carlos Sastre, Floyd Landis. Etwas zu wagen wie Landis, der seine waghalsige Flucht am Vortag genau geplant hatte.

Doch bot der Weg aus den Gipfeln der Alpen hinab in die pfannkuchenflache Ebene des Burgunds kaum eine Möglichkeit, die Konkurrenz zu verunsichern und sich abzusetzen. Allenfalls der Col du Briand, der sich den Fahrern nach 130 Kilometern mit einem fast fünf Kilometer langen Anstieg von sechs Prozent in den Weg stellte, hätte für einen beherzten Antritt zum Gipfel getaugt.

Am Ende aber passierte - nichts. Die 18. Etappe verlief im Hinblick auf den Kampf um das Gelbe Trikot eintönig. Will Klöden die Tour de France noch gewinnen oder zumindest in Paris auf das Podium klettern, dann bleibt dafür nur das Zeitfahren, das am Samstag über 57 Kilometer von Le Creusot nach Montceau-les-Mines führt. Dort muss er 2:29 Minuten auf dem Mann in Gelb, Pereiro, aufholen. Sein Rückstand auf Sastre und Landis beträgt 2:17 beziehungsweise 1:59 Minuten. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Klöden noch ins Gelbe Trikot fahren kann.

Möglichkeit 1: Er fährt am Samstag das Rennen seines Lebens - wovon sein Trainer Thomas Schediwie überzeugt ist: "Andreas wird ein überragendes Zeitfahren abliefern." Ein Blick in die Tourhistorie zeigt: Lance Armstrong raste 2000 die 58,5 Kilometer von Freiburg nach Mülhausen mit einem Durchschnittstempo von fast 54 Stundenkilometern. Dies müsste Klöden am Samstag glücken, denn bei solchen Geschwindigkeiten käme keiner hinterher. Das Problem: Unter den schnellsten 20 Tour-Zeitfahrern der Geschichte findet sich zwar gleich dreimal der Name Jan Ullrich, aber nie Andreas Klöden. Der ist ein guter, aber kein überragender Zeitfahrer. Beim ersten Zeitfahren dieser Tour nach Rennes nahm ihm Landis sogar 42 Sekunden ab.

Möglichkeit 2: Sastre, Pereiro oder/und Landis brechen beim Kampf gegen die Uhr ein. Das ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen angesichts der zurückliegenden beinharten Alpenetappen und der Hitzefahrt am Freitag nach Macon. Nach der letzten Bergankunft in Morzine wackelte Oscar Pereiro derart schwachbeinig zu den Interviews, als würde er jeden Moment umfallen. Floyd Landis sah nach seinem Husarenritt im Übertragungswagen des französischen Fernsehens aus, als würde er gleich tot vom Stuhl kippen. Das Problem: Andreas Klöden sah nicht viel besser aus. Außerdem haben Landis und Pereiro ihren "jour sans", ihren Fehltag, schon genommen. Und wenn es den Begriff zäh noch nicht gäbe, so müsste er für Carlos Sastre erfunden werden. Die hügelige und anspruchsvolle Strecke sollte allen vieren gleichermaßen liegen.

Möglichkeit 3: Klöden, Sastre, Pereiro und Landis rücken beim Zeitfahren so dicht zusammen, dass auf der letzten Etappe der Ehrenkodex aufgekündigt wird, gemäß dem auf dem Weg zum Champs-Elysée niemand mehr attackiert. Das wäre aber wohl nur dann der Fall, wenn es am Ende um ganz wenige Sekunden geht und der Schlusssprint eine Entscheidung herbeiführen könnte. Das Problem: Klöden kann fast alles - aber für einen grandiosen Antritt auf der Zielgeraden ist er nicht bekannt. Die anderen drei allerdings auch nicht.

Diese Konstellation ist ohnehin sehr unwahrscheinlich, wenn auch bei dieser seltsamen Tour nicht völlig ausgeschlossen. Beispiele gibt es kaum: 1989 fing zwar der US-Amerikaner Greg LeMond am letzten Tag noch Lokalmatador Laurent Fignon ab - damals hatten die Veranstalter jedoch ein Zeitfahren fürs Finale in Paris angesetzt. Angesichts der nationalen Schmach wurde seitdem auf ein derartiges Wagnis verzichtet.

Fazit: Wie man es auch dreht und wendet: Bei dieser Tour de France scheint alles möglich, ein Gesamtsieg von Andreas Klöden aber nicht. Mit viel Glück und einem perfekten Zeitfahren könnte er es aber noch aufs Podium schaffen.