Eröffnungsfeier: Cool Britannia - DER SPIEGEL
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Eröffnung der Olympischen Spiele: Die große Show des Danny Boyle

Foto: Mark Baker/ AP

Eröffnungsfeier Cool Britannia

So lässig war noch nie eine Eröffnungsfeier bei Olympischen Spielen: Die Queen springt aus dem Hubschrauber, und David Bowie empfängt die Mannschaften. Auch wenn Regisseur Danny Boyle manchmal ein paar Ideen zu viel hatte - die Spiele hatten an diesem Abend einen guten Start.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwann mitten in der Eröffnungsshow waren auch die letzten Zweifel beseitigt, ob diese Spiele von London wirklich zu guten Spielen werden könnten. Da waren im Olympiastadion gerade die gesammelten Schurken der angelsächsischen Literatur vom Harry-Potter-Bösewicht Lord Voldemort an der Spitze bis zur grausamen Cruella de Vil aus "101 Dalmatinern" vertrieben worden. Hinweg mit den Angstmachern.

Nichts, was Alpträume verursachen könnte, vom Verkehrschaos bis zur Terrorangst, soll die Londoner in den kommenden zwei Wochen plagen. Der Zauber guter Eröffnungsfeiern liegt eben darin, all das, was vorher kritisiert und bemeckert wurde, plötzlich winzig und klein erscheint. Angesichts der größten Show der Welt.

Als nichts weniger war diese Feier angekündigt worden. Vielleicht war es nach fast vier Stunden Dauer dann doch nicht die größte Show auf Erden geworden, die Filmregisseur Danny Boyle da auf die Beine gestellt hatte. Aber es war in jedem Fall die lässigste Eröffnungsfeier, die die Olympischen Spiele je gesehen haben. Cool Britannia.

Das Feuer brennt mitten im Stadion, mitten im Leben

Die Queen springt in einem Einspielfilmchen quasi als Bond-Girl aus einem Helikopter, Fahrräder fliegen durch die Luft, als Soundtrack des Abends dienen New Order, Blur und U2, David Beckham jagt im Schnellboot über die Themse, die Arctic Monkeys spielen fröhlich einen Beatles-Song, und das olympische Feuer wird einfach mitten im Stadion entzündet - und zwar von keiner Sportlegende, sondern von sieben Nachwuchssportlern. Quasi von der Jugend der Welt.

London ist die Bühne für eine solche Show, und zuweilen erliegt Boyle der Versuchung, zu viel daraus zu machen. England hat so viel zu bieten, hat einen solchen Fundus an Geschichte, an Literatur und Musik. Der Filmregisseur wollte der Welt dies alles präsentieren, hat annähernd nichts weggelassen, von Shakespeare bis Harry Potter, von James Bond bis Jane Austen, von Mister Bean bis Mick Jagger.

Dazu noch die gesamte britische Historie im Schnelldurchlauf, angefangen mit dem Land-Idyll, inklusive echter Ziegen, Gänse und Schafe und gipfelnd in der Industrialisierung - Boyle lässt einen gewaltigen olympischen Ring schmieden. Tolkien grüßt aus der Ferne. Ach, ja, Joanne K. Rowling war auch noch für eine halbe Minute da, und Sir Simon Rattle und Ban Ki Moon. Jede Sekunde eine neue Idee, niemand im Stadion, aber auch nicht vor dem Fernseher, konnte all dies aufnehmen. Eine Überforderung der Sinne.

Rogge findet in seiner Rede den Ton

So bleiben eher Momente dieses insgesamt großen und stimmungsvollen Abends haften. Die Engländer, die zu David Bowies "Heroes" ins Stadion einmarschieren, der schwer kranke Muhammad Ali, der die olympische Fahne noch einmal berührt, die kluge wie kurze Rede des scheidenden IOC-Vorsitzenden Jacques Rogge, der die Seele der Engländer streichelt. "Die olympische Bewegung kommt nach Hause", sagt er, an "den Geburtsort des Sports". Das wollen die Briten hören. Auch deswegen, weil Rogge recht hat.

Großbritannien ist das richtige Land für Olympische Spiele, und London ist die richtige Stadt dafür. Hier wird in den kommenden Tagen das vielleicht letzte Fest für Sportromantiker ausgerichtet: Fußball in Wembley, Tennis in Wimbledon. Das sind Kathedralen des Sports. Begleitet von einem Publikum, das berühmt ist für sein Interesse, seine Fachkunde und seine Fairness.

Und all dies in einer Stadt, die es mal eben fertig bringt, drei Legenden des Jahrhunderts an einem solchen Eröffnungsabend beieinander zu versammeln. Die Queen, Ali, Paul McCartney, alle in ihrem Bereich die Größten. Man stelle sich nur mal ansatzweise so einen Abend vor in Leipzig oder Hamburg, den beiden deutschen Städten, die sich um diese Spiele beworben hatten. Mit Verlaub.

In der olympischen Familie mag es Korruption geben, da sind die unersättlichen Olympia-Sponsorenfirmen, die alles unterpflügen, da ist das Postengeschacher der Funktionäre, da sind die Dopingfälle, die diese Spiele unter Garantie wieder begleiten werden. Alles wahr, alles schlimm.

Aber dann schaut man in das gigantische Feuerwerk, das den Londoner Nachthimmel erleuchtet, man guckt in die gelösten Gesichter der Athleten, ob aus Israel, Palästina oder, ja, auch aus Nordkorea. Man sieht die Sportler aus Mikronesien, aus Nauru und aus Afghanistan, die sich unter größtem Aufwand und mit geringsten Aussichten nach London aufgemacht haben. Das schlägt alles.

Olympia ist und bleibt das größte Sportereignis der Welt. Es ist möglicherweise sogar das größte globale Fest, das man sich überhaupt vorstellen kann. Und es hat gerade erst begonnen.