Aberkannte Siege Deutsche Reiter hoffen auf Gnadengold
Athen - "Dies könnte eine Geste der Fairness sein. Wir überprüfen derzeit, ob die Möglichkeit besteht, zweimal Gold zu verteilen", sagte der schwedische FEI-Generalsekretär Bo Helander heute Vormittag. Der Weltverband müsste dazu einen Antrag an die IOC-Exekutive stellen. Frankreich bliebe trotz der Initiative zugunsten der Deutschen Olympiasieger, dahinter würden Großbritannien und die USA auf den Medaillenrängen folgen. Im Einzel würde der Brite Leslie Law Gold behalten. In die offizielle Wertung würden die zusätzlichen deutschen Medaillen für das Team und die Einzelsiegerin Bettina Hoy jedoch nicht eingehen, es wäre quasi eine Art olympisches Ehrengold.
Über die Chancen der Deutschen auf dem Gnadenweg kann man nur spekulieren. Bereits am Sonntag hatte es ein Treffen der spanischen FEI-Präsidentin Dona Pilar de Borbon mit IOC-Präsident Jacques Rogge gegeben. Über den Inhalt des Gesprächs ist nichts bekannt geworden. Am gleichen Tag hatte auch Bundesinnenminister Otto Schily mit Rogge über den Fall der Vielseitigkeitsreiter gesprochen. Dabei habe sich Rogge "sehr zurückgehalten" geäußert. Schily sprach sich heute für ein "salomonisches Urteil" aus.
Bei der Vergabe von olympischen Medaillen gilt für das IOC die Regel, dass die alleinige Grundlage die von einem internationalen Verband vorgelegte Ergebnisliste ist. Die FEI hat heute jedoch die korrigierten Resultate übermittelt, wonach Frankreich und Law Olympiasieger sind. Daraufhin strich das IOC die deutschen Goldmedaillen.
Den Fall einer zusätzlichen Medaillenvergabe hatte es 2002 bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City gegeben. Zunächst war Gold an das russische Eiskunstlauf-Paar Jelena Bereschnaja und Anton Sikarulidse gegangen. Aufgrund von nachträglich erwiesener Manipulation durch eine französische Preisrichterin, die von einem russischen Geschäftsmann bestochen worden sein soll, revidierte der Internationale Eislaufverband ISU die Ergebnisliste und setzte die Kanadier Jamie Sale und David Pelletier mit auf den ersten Platz. Das IOC gab am Ende nachträglich auch dem nordamerikanischen Paar eine Goldmedaille, die in die offizielle Wertung einging.
Am Wochenende hatte der Oberste Sportgerichtshof CAS gefordert, der deutschen Equipe und Hoy die Goldmedaillen wieder abzuerkennen. Die FEI hatte mit Unverständnis auf das Urteil reagiert. Der Protest der Briten, Franzosen und US-Amerikaner hatte sich gegen die Entscheidung der Berufungskommission der FEI gerichtet, die einen Beschluss der Ground Jury nach dem Einzelwettkampf am Mittwochabend widerrufen hatte.
Die Ground Jury hatte Hoy nachträglich mit 14 Strafpunkten wegen Zeitüberschreitung belegt, weil die Reiterin zweimal die Startlinie überritten hatte. Durch die Bestrafung waren Hoy und das deutsche Team aus den Medaillenrängen gefallen. Diese Entscheidung hätte die Berufungskommission nicht widerrufen dürfen, begründete der CAS sein Urteil. Denn Entscheidungen der Jury, die die Zeitnahme betreffen, sind laut FEI-Satzung grundsätzlich nicht anfechtbar.
Helander kündigte inzwischen an, dass die Regeln geändert werden sollen. "Wir werden Artikel 163, in dem es um die Trennung von Fakten und die Interpretation von Regeln geht, ein weiteres Mal überarbeiten", sagt er. "Die Regeln müssen im entscheidenden Fall von juristischen Laien unter großem Zeitdruck angewendet werden können", betonte Helander. Der Funktionär wiederholte noch einmal seine Kritik am Sportgerichtshof: "Meines Erachtens haben sich die Richter zu sehr mit den Prozeduren befasst. Unserer Meinung nach ging es jedoch um Tatsachen und nicht um die Auslegung von Regeln."