Abfahrer Stephan Eberharter: König ohne Krone - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Abfahrer Stephan Eberharter König ohne Krone

Top-Favorit Stephan Eberharter aus Österreich hat in der olympischen Königsdisziplin nur Bronze gewonnen. Der überragende Skifahrer dieser Saison verpasste damit die Gelegenheit, endgültig aus dem riesigen Schatten seines Landsmanns Hermann Maier zu fahren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Snow Basin - Auf der Pressekonferenz der Medaillengewinner im olympischen Abfahrtslauf saß Stephan Eberharter dort, wo ihn die Ski-Welt erwartet hatte: in der Mitte des Podiums. Doch der Sitzordnung lag ein Protokollfehler zu Grunde. Eine Dolmetscherin hatte auf dem für den dominierenden Skifahrer dieser Saison vorgesehenen Sitz rechts außen Platz genommen. Eberharter war in der Snow Basin Ski Area nur die Bronzemedaille geblieben.

Fünf Abfahrten, die Klassiker in Kitzbühel, Wengen, Gröden und Val d'Isere sowie die olympische Generalprobe vor einer Woche in St. Moritz, hatte Eberharter in diesem Winter gewonnen, sich den Weltcup in dieser Disziplin vorzeitig gesichert. Olympia sollte die Krönung für den 32-Jährigen sein, der nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Österreichs Ski-König Hermann Maier zu dessen Thronfolger avancierte. Im Ziel ließen Austrias Schlachtenbummler aber einen anderen der Ihren hochleben.

Gigantischer Strobl


Die Sonne am strahlend blauen Himmel über den Wasatch Mountains stand im Zenit, als Fritz Strobl den Höhepunkt seiner Karriere erlebte. Der 29-jährige Polizist aus Linz fuhr 22 Hundertstelsekunden schneller als der Norweger Lasse Kjus, der mit sechs Hundertstelsekunden Vorsprung Eberharter sogar die Silbermedaille wegschnappte.

"Ich habe nicht auf Eberharter geschaut", sagte Olympiasieger Strobl, "ich versuche nie jemanden zu schlagen, sondern nur gut zu fahren." Das gelang ihm exzellent und reichte zum Triumph. Als Einziger absolvierte Strobl, der seinen beiden bisher größten Siege beim berüchtigten Hahnenkamm-Rennen feierte, die Abfahrt ohne Fehler. "Er war gigantisch", würdigte Markus Wasmaier Strobls Leistung in drei Worten.

Eberharter setzt jetzt auf Super-G und Riesenslalom


Eberharters Gold-Chancen in den nächsten Rennen schätzt Deutschlands letzter alpiner Olympiasieger als gering ein: "Nach dieser Niederlage wird er es schwer haben. So viel Druck hat bei Olympia noch nie gut getan." Austrias Presse war es einerlei. "Es ist doch egal, wer gewinnt. Hauptsache, es ist ein Österreicher", meinte ein Journalist der "Neuen Kronen-Zeitung" lakonisch. Der geschlagene Favorit kommentierte sachlich: "Ich war darauf vorbereitet, dass ich vielleicht nicht gewinne. Es wäre großartig gewesen, aber Bronze ist auch ein guter Start. Noch habe ich zwei Chancen."

Die erste aber hat Eberharter verpasst, um nach seiner jüngsten Siegesserie endgültig aus dem Schatten von Hermann Maier herauszufahren, der 1998 in Nagano zweimal Olympia-Gold gewann. Elfmal in seiner Karriere belegte Eberharter Platz zwei hinter dem "Herminator", womit er sich, obwohl er 1991 Doppelweltmeister war, den Ruf des ewigen Zweiten einhandelte. Als er Maier bei der WM 2001 in St. Anton endlich einmal besiegte und die Goldmedaille im Super-G vor Augen hatte, fuhr der US-Amerikaner Daron Rahlves sensationell Bestzeit und wurde Weltmeister vor Eberharter. Maier verhehlte seine Schadenfreude nicht.

Eine Reaktion von Hermann Maier auf den Ausgang der olympischen Abfahrt von Salt Lake City liegt nicht vor. Der Rekonvaleszent mache derzeit Urlaub in der Karibik, berichteten die österreichischen Journalisten. "Seine Freundin ist gerade nachgekommen. Der Hermann hat jetzt Besseres zu tun als sich Skirennen anzugucken."