Abrechnung Kunstturner Wecker reist ab
Sydney - Olympia und Sydney ade! Mit großen Schmerzen in der Schulter und traurigen Augen hat sich Reck-Olympiasieger Andreas Wecker am Dienstag von seinem Traum verabschiedet, den er sich mit seiner vierten Olympia-Teilnahme seit 1988 nach monatelanger Quälerei erfüllt hatte. Nach dem Training entschied sich der 30-jährige "Dauerbrenner" aus Berlin für den Verzicht auf das tags darauf stattfindende Sechskampf-Finale, das er als 30. in der Mannschafts-Qualifikation trotz einer Schulterverletzung erreicht hatte. Die Gerätfinals am Wochenende wird er schon im heimischen Klein-Ziethen mit seiner schwangeren Freundin verbringen.
Es war ein Abschied im Zorn. Nicht nur, weil die von ihm geführte Riege als Zehnte das Ziel Mannschafts-Finale der besten sechs weit verfehlt hatte, und weil er trotz hohen Engagements kein Gerätfinale erreicht hatte: Am Barren langte es nicht, an dem er eigens für den Endkampf eine Weltpremiere avisiert hatte, und auch am Reck nicht, an dem er 1996 in Atlanta brilliert und triumphiert hatte. Das war der Höhepunkt seiner Karriere, in deren Verlauf er seit 1988 fünf Medaillen (1-2-2) gewann. Bei Weltmeisterschaften kassierte der Welt- und Europameister am Reck seit 1989 zehn Mal Edelmetall (l-6-3), bei den kontinentalen Titelkämpfen sechs (2-3-1). Dazu kamen 13 deutsche Meisterschaften.
Den Abschied von der Bühne, die für ihn die Welt und das Leben bedeutete, hatte er sich festlicher und fröhlicher erhofft. Aber die Schulter spielte nicht mehr mit. An der rechten Schulterpfanne wurde nach einer Computertomographie ein Einriss in der Ummantelung festgestellt. Für die Heilung mit entzündungshemmenden Mitteln war es zwei Tage vor dem Sechskampf-Finale zu spät: "Barren und Reck waren schon problematisch, aber an den Ringen hatte ich Angst, dass irgendetwas reißt. Ich konnte den Bizeps nicht mehr anspannen, da war null Druck", beschrieb er sein letztes Risiko beladenes Training.
"Ich wollte es unbedingt packen, aber es ging wirklich nicht", war der sonst so kesse Wecker betrübt. Da hatte er nach seiner Auszeit von April 1997 bis November 1998 physisch und psychisch alles getan, um wieder ein Turner der Weltklasse zu werden. Den dornigen Weg nahm er freiwillig auf sich - mit Entbehrungen körperlicher und seelischer Natur. Nur eines vor Augen: Noch einmal den Kick von Atlanta zu erleben, wo er mit Gold ausgezeichnet wurde.
Wecker war nie ein einfacher Turner, arbeitete sportlich wie persönlich immer am Limit, eckte häufig an, vergrätzte so Freunde, Sponsoren, Funktionäre und Kollegen. Zuletzt am Sonntag, als er sich nach dem verbalen Angriff des deutschen Sechskampf-Meisters Sergej Pfeifer wegen eines nicht genügenden Einsatzes im Mannschafts- Wettkampf provoziert fühlte und sich mit dem "Stinkefinger" verabschiedete. Es könne ja wohl nicht sein, "dass mir ein international kaum erfahrener Youngster mangelnde Leistungsbereitschaft vorwirft", rechtfertigte Wecker anschließend seine unüberlegte Handlung. Seither war er allein, isoliert von der Mannschaft und den Turn-Oberen, weil er auch die wegen mangelnden professionellen Einsatzes in die Kritik einbezog.
An den Funktionären ließ Wecker ebenfalls kein gutes Haar und zeichnete ein düsteres Bild für die Zukunft des deutschen Kunstturnens gezeichnet und harte Kritik an den Funktionären des Deutschen Turner-Bundes geübt. "Die Nationalriege hat abgewirtschaftet, und unser Sportdirektor Wolfgang Willam hat das gemacht, was er immer gemacht hat - nichts", monierte der 30 Jahre alte Berliner am Dienstag.