Absurdes Theater Becker-Comeback spaltet Daviscup-Team
Hamburg - "Wenn Boris spielt, spiele ich eventuell nicht", sagte Haas, Nummer eins in Deutschland und Drittbester in der Welt, nach seiner Achtelfinal-Niederlage gegen Pete Sampras bei den US Open. Mit dem Daviscup-Kollegen Schüttler, so Haas, habe er sich bereits kurzgeschlossen: "Rainer vertritt die gleiche Meinung." Nicolas Kiefer hielt sich hingegen zurück: "Ich bin froh, dass ich Daviscup spielen darf und zum Team gehöre, mehr möchte ich dazu nicht sagen."
Teamchef Stich, der vor kurzem noch den Einsatz Beckers in der deutschen Mannschaft ausgeschlossen hatte, kann die Aufregung nicht nachvollziehen. "Es geht doch nicht darum, Spielern wie Tommy Haas und Rainer Schüttler mit dem Einsatz von Boris Becker das Wasser abzugraben oder ihnen die Schau zu stehlen", sagte der frühere Wimbledonsieger, "es geht ausschließlich darum, das deutsche Tennis für die Zuschauer und das Fernsehen positiv zu besetzen, davon würden auch Tommy, Rainer und Nicolas nur profitieren."
Hintergrund der Überlegungen, Boris Becker drei Jahre nach dessen endgültigen Rücktritt von der ATP-Tour einzusetzen, dürfte das geringe Interesse von Zuschauern und Medien an der Daviscup-Abstiegspartie gegen Venezuela sein. Der Kartenvorverkauf für die Begegnung vom 20. bis 22. September in der Karlsruher Europahalle verläuft äußerst schleppend. Ob das Fernsehen live berichtet, ist noch unklar.
Stich und Becker hatten bei der Live-Übertragung ihres Schaukampfs im August in Berlin eine dreimal höhere TV-Quote in der ARD als die Wimbledon-Berichterstattung wenige Wochen zuvor. "Wir wollen und müssen das Fernsehen wieder dazu bewegen, sich für Tennis zu interessieren", sagte Stich, der die für Mittwoch geplante Bekanntgabe des Kaders angesichts der Aufregung um die geplante Becker-Nominierung verschob.
Doch nicht nur Haas und Schüttler laufen gegen die Pläne des Teamchefs Sturm. "Diese Idee klingt eher nach einem Faschingsscherz", höhnte Schüttlers Trainer Dirk Hordorff, "dann können wir ja demnächst im Fed Cup die 'No Angels' nominieren. Wenn die in den Pausen noch singen, kommen auch mehr Zuschauer." Becker und Stich, so Hordorff, "sollen ihre Schaukämpfe machen und dort ihre Clownereien abziehen. Aber wie soll man die besten Spieler dazu bewegen, für Deutschland anzutreten, wenn man auf der anderen Seite den Daviscup zur Lachnummer macht?"
Ähnlich kritisch beurteilt DTB-Sportwart Rolf Schmid Stichs Pläne mit Becker. "Man sollte das Daviscup-Team nach rein sportlichen Gesichtspunkten aufstellen, und auf dieser Grundlage hat Becker nichts in der Mannschaft zu suchen", sagte Schmid, "Becker im Doppel wäre ein publikumswirksamer Gag, aber sportlich eine Farce."
Zudem, so Schmid, müsse man "unseren Gästen aus Venezuela signalisieren, dass wir die Partie ernst nehmen und sie nicht als Spaßveranstaltung betrachten". Aber das hat der Teamchef auch keinesfalls beabsichtigt. "Es ist doch völlig klar, dass wir mit oder ohne Becker ein Playoff-Spiel gegen Venezuela gewinnen müssen", sagte Stich, "darüber muss man doch nun wirklich nicht diskutieren."