Achilles' Ferse: Bitte um Beistand - DER SPIEGEL
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Achilles' Ferse Bitte um Beistand

In seinen besten Zeiten konnte Achilles-Leser Andy einen Marathon in 3:24 Stunden rennen. Doch mittlerweile hat er einige Pfunde mehr auf den Rippen und Angst, sich beim nächsten Lauf zu blamieren. Hilfesuchend wendet er sich an Wunderläufer Achim.
Papst Benedikt: Hilfe von ganz oben
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Foto: Claudio Onorati/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lieber Achim,

was ich jetzt brauche, ist ein bisschen Psycho-Doping oder zehn Kilo weniger auf den Rippen. Das war eigentlich auch mein Ziel, als ich an meinem 31. Geburtstag beschlossen habe, dass ich wieder einen Marathon laufen will.

Der ist leider schon nächsten Sonntag und je näher dieser Tag rückt, umso mulmiger wird mir. Eigentlich kenne ich das gar nicht von mir. Schließlich bin ich ein alter Hase im Ausdauergeschäft. Meinen ersten Marathon lief ich 1998 in Berlin. Es war unglaublich hart, ich war schlecht vorbereitet, nach 4:27 Stunden war ich im Ziel.

Meine Halbmarathonbestzeit, bei 94 Kilo Kampfgewicht, lag damals bei 1:46 Stunden. Die Kilos habe ich wieder drauf, dafür aber auch wesentlich mehr Kilometer in den Beinen. 2009 waren es über 1500 Kilometer zu Fuß, dazu kamen noch 500 Kilometer auf dem Rad. Nur mit dem Abnehmen will es nicht so richtig klappen. Früher war ich top in dieser Disziplin. Heute ist Gewicht zulegen mein Steckenpferd.

Marathon in 3:24 Stunden

2003, als Pseudo-Student, habe ich mich mal auf 78 Kilo runtertrainiert. Bei 100 Laufkilometern in einer Woche habe ich den Halbmarathon in 1:28 geschafft - und den Marathon in 3:24 Stunden. "Aber da wäre mehr gegangen", rede ich mir heute noch ein. Na ja, egal. Gibt ja auch Wichtigeres im Leben, sagt meine Frau. Hauptsache, du bist gesund, predigt sie immer. Liegt aber wohl daran, dass sie mit mir schon üble Zeiten durchgemacht hat.

2005: Hodenkrebs mit Chemo und den ganzen Behandlungen. Aber das ist ewig her. Da habe ich echt Glück und einen verdammt guten Arzt gehabt. Der findet es zwar nicht so prima, dass ich wieder Marathon laufe, aber nicht wegen der Chemo, sondern wegen meiner Knie. "Du hast einfach keine Läuferfigur", sagt der Doc und erinnert mich an mein Patellasehnenspitzensyndrom. Zum Glück ist das aber seit 2008 nicht mehr aufgetaucht. Das liegt wohl auch daran, dass ich nur noch rund 50 Kilometer pro Woche laufe - höchstens. Der Doc rät mir, ich solle lieber schwimmen und das Laufen meiner Frau überlassen. Sie hätte die richtige Figur dafür - ich weiß aber, dass sie nicht den nötigen Willen dazu hat. Sie ist zwar einmal einen Halbmarathon gelaufen, seitdem aber nie wieder an einer Startlinie gestanden. "Ich mag den Druck nicht", sagt sie.

Vom schlechten Gewissen geplagt

Druck. Da ist dieses böse Wort, das mir durch den Kopf geht. Ich habe Druck. Ich muss eine Zeit unter vier Stunden laufen, sonst fühle ich mich wie ein Dödel.

Vor drei Wochen bin ich einen Halbmarathon mit angezogener Handbremse gelaufen (Durchschnittspuls 164) und nach 1:43 Stunden locker ins Ziel gekommen. Seitdem habe ich Probleme: Der Rücken schmerzt. Entweder war es das Volleyballtraining oder das Tennis. Vom Laufen kann es jedenfalls nicht kommen. Seitdem pausiere ich. Und mit jedem Tag wächst mein schlechtes Gewissen. Das kann doch gar nicht gut gehen, denke ich mir. Steffny, Baumann, Greif, Haile, Tergat, Karraß und alle anderen Laufgurus predigen doch alle: "Auf den Plan  kommt es an. Ohne die langen Läufe geht es nicht."

Jetzt sitze ich hier, wenige Tage vor dem Marathon und schreibe dir, weil ich weiß, dass du mich verstehst. Ein Läufer, der am liebsten am Sonntag nicht starten würde, sich dann aber nie mehr auf der Straße, bei Freunden und Kollegen sehen lassen könnte.

Der Start ist am Sonntag um neun Uhr. Um spätestens 13 Uhr muss ich im Ziel sein, denn um halb vier hab ich die Gäste zum Geburtstagskuchen eingeladen. Dann feiern wir. Eines habe ich seit acht Wochen nicht mehr gehabt: Ein schönes, kaltes, vorzügliches, süffiges Bier.

Dein Andy