Achilles' Ferse Crashtest-Dummy auf HipHop
Crashtest-Dummy: "Tiefer kann ich nicht mehr sinken"
Foto: Shuji Kajiyama/ APDraußen ist es kalt und dunkel, doch in der Wohnung ist kein Platz mehr für mich und meine überschäumende Läufermotivation. Klare Sache, ich gehe Laufen. Erster Schritt: Auswahl der passenden Klamotten. Also gegen die Kälte und gegen Erkältungskrankheiten kommt als erstes die lange Funktionsunterwäsche an den Mann und darüber die Winterkombi. Damit es am Hals nicht kalt wird, schnell ein Halstuch um. Soweit so gut, der Kopf muss natürlich auch geschützt sein, also die "Idiotenmütze" mit dem Ritterhelm-Schnitt auf den Schädel. Dunkel ist es auch schon, daher flink das "Deppenlicht" an die Stirn geklemmt und die blinkenden "Erstklässler-Reflektoren" angelegt, fertig. Schuhe an die Füße, Handschuhe an und ab dafür. Meine Güte, sehe ich bescheuert aus! Es hilft nichts, ich muss los.
Kaum gestartet, ahne ich Unangenehmes, irgend etwas passt nicht. Egal, heute wird es ein geiler Lauf! Doch irgendwie beeinträchtigen die Lichtverhältnisse meine Hand-Augen-Koordination, und die Stopp-Uhr muss neu gestartet werden - kein Problem. Jetzt weiß ich, was nicht stimmt: Die Unterhose rutscht! So ein Mist, ich brauche einen Platz zum Neuordnen der Garderobe, doch ich stehe gerade bei Rot an einer stark befahrenen Straße. Zu allem Überfluss hat es wohl auch noch gekracht, und das Blaulicht des Rettungswagens lockt die Leute an. So dicht bevölkert war meine Strecke noch nie. Durchhalten, bald erreiche ich meinen geliebten Park.
Wie ein Lama speie ich alle zwei Meter ins Gebüsch
Es geht bergab, und mit jedem Schritt habe ich das Gefühl, die Hose hängt tiefer in den Kniekehlen. Ich komme mir vor wie ein total abgespackter Crashtest-Dummy auf HipHop. Endlich mein Park, keine Menschenmassen und ganz egal, ob die Jungs vom Fußballverein zu mir rüberspannen oder nicht, jetzt wird neu geordnet. Ah, herrlich! Alles sitzt perfekt.
Weiter geht's. Jetzt macht sich die fast abgeklungene Erkältung bemerkbar, wie ein Lama speie ich alle zwei Meter ins Gebüsch. Wenigstens brauche ich das "Deppenlicht" nicht - glaube ich zunächst. Doch Gegenlicht und unklare Untergrundbeschaffenheit zwingen mich dazu, das letzte Körnchen Selbstachtung durch meine Finger rieseln zu lassen. Es werde Licht! Dieses mistige LED-Lämpchen muss natürlich so taghell sein, dass aber auch jeder weiß: "Da rennt schon wieder so ein Idiot im Dunkeln im Park herum!" Na super, und das mir, der sich zeitlebens über zu viel Lichtgebrauch bei Dunkelheit beschwert hat. Tiefer kann ich nicht mehr sinken!
Jetzt nur noch etwa eineinhalb Kilometer Bergwertung, und dann ist es vollbracht. Wenn nur die doofen Autos nicht wären. Wie zum Hohn wirft so ein ungezogener Bengel auch noch seinen Sargnagel vor mir aus dem Fenster. Gefühlte fünf Minuten quäle ich mich japsend an dem immer noch rauchenden Ding vorbei.
Geschafft! Endlich wieder daheim. Völlig kaputt und blamiert beende ich den heutigen Übermotivationslauf. Nur noch kurz dehnen und die Zeit zusammenrechnen. Was ist denn das? Trotz Pleiten, Pech und Pannen bin ich etwas schneller als letztes Mal. Da schwillt die Brust wieder, und die Endorphine schwemmen all die Peinlichkeiten beiseite. Heute war ein saugeiler Lauf!