Achilles' Ferse: Laufen auf dem Achterdeck - DER SPIEGEL
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Achilles' Ferse Laufen auf dem Achterdeck

Flucht in die Sonne: Achilles-Leser Luftbumb hat den Winter hinter sich gelassen und tourt auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Welt. Die Laufschuhe hat er trotzdem eingepackt - jetzt muss er nur noch die perfekte Strecke finden.
Kreuzfahrtschiff auf See: Laufstrecke von rund 90 Metern
Kreuzfahrtschiff auf See: Laufstrecke von rund 90 Metern

Kreuzfahrtschiff auf See: Laufstrecke von rund 90 Metern

Foto: A2609 epa efe Pullmantur HO/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erschwerte Bedingungen: Kalorienbomben en masse, auf das Verführerischste angerichtet an atemberaubend anzuschauenden Buffets. Leckere Cocktails (der Whisky Sour war genial!), viel Sonne zum Wampe bräunen und kaum Auslauf. Ein Kreuzfahrtschiff ist also - man merkt es auf den ersten Blick - für Läufer die Hölle. Aber es gibt Rettung: Der Schiffsplan weist auf dem Achterdeck ganz oben eine "Joggingstrecke" aus.

Ein Blick auf die über der Leibesmitte zum Platzen gespannten Hemdknöpfe reicht, es gibt kein Zurück: Klamotten und Schuhe an, mindestens eine Stunde ist Pflicht. Laufband ist todlangweilig, es bleibt also nur das Achterdeck. Voller Tatendrang habe ich das Terrain erkundet. Wohlwollend geschätzt ein 90-Meter-Rundkurs - na super, muss man nur aufpassen, dass einem beim Laufen nicht schwindlig wird vom vielen Kreiseln. Die Göttergattin grinst und denkt sich ihren Teil. Aber was soll's, Musik auf die Ohren und los geht's.

Den Bewegungsfluss hemmt allerdings erst mal ein braungebranntes Pärchen, das am Rand der Strecke zwei Liegen längsseits stellt und es sich darauf gemütlich macht. Na ja, zum Laufen reicht der Platz noch locker. "Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich hier jetzt ein paarmal vorbeikomme", sage ich. "Nö, Nö, machen Sie nur", antworten die beiden freundlich. Meinen ironischen Unterton müssen sie wohl überhört haben. Ich nehme mir vor, länger zu laufen als es die beiden in der Sonne aushalten.

Die Sonnenanbeter haben es ab Runde 40 aufgegeben, mich zu registrieren

Einmal ums Achterdeck dauert etwa 25 Sekunden. Auf der einen Längsseite des Schiffs liegt der Atlantik, auf der anderen Madeiras Hauptstadt Funchal, malerisch an den Hang geschmiegt. Auf der kurzen Seite kann ich wählen zwischen Meerblick und einem eingezäunten Basketballfeld, auf dem zwei Jungs spielen. Ich versuche die Runden mitzuzählen, gebe aber schnell auf. Eintönig wird's aber nicht. Ständig sind Hand in Hand spazierende Paare zu überholen. Einmal kündige ich mich mit einem lauten "Klingeling" an. Tue ich nie wieder. Die gute Frau wäre vor Schreck fast ins Meer gesprungen. Die Sonnenanbeter auf den Liegen längs der Reeling haben es ungefähr ab Runde 40 aufgegeben, mich zu registrieren. Ihnen ist inzwischen klar, dass da einer gehörig einen an der Waffel hat und zwanghaft im Kreis rumrennen muss. Das Publikum hat aber auch sein Gutes. Immer schön Tempo halten, unverkrampfter Gesichtsausdruck und schöön läääächeln, jaaaa.

Eine gute halbe Stunde ist um. Von unten, vom Pool-Deck, guckt immer so ein junges Ding hoch, wenn ich vorbeilaufe. Schon wieder erschwerte Bedingungen: Jetzt muss ich an dieser Stelle nicht nur das Tempo verschärfen, sondern dabei auch noch die Wampe einziehen. Langsam zeigt auch die Temperatur ihre Wirkung. Über 25 Grad bin ich um diese Jahreszeit nicht wirklich gewöhnt. Wahrscheinlich habe ich eine knallrote Birne und der Käpt'n dieses Kahns überlegt sich gerade, ob er mich über Nacht als Positionslicht anstellen soll.

Habe ich letzte Runde vergessen, den Bauch einzuziehen?

Das Pärchen liegt noch wie angeschraubt auf der Liege, also geht's weiter mit dem Rundendrehen. Ganz hinten im Heck ist ein Deck tiefer die "Ocean Bar" (wunderbarer Mai Tai!) mit ihren nach hinten hinausragenden Sitzgelegenheiten. Ein älterer Herr schaut von unten herauf, Zigarre in der Hand, Brandy auf dem Tischchen (Cardenal Mendoza, was für ein Stöffchen!). Mit jeder Runde schaut er seltsamer. Hey, was ist los, noch nie einen Jogger gesehen?

Das junge Ding vom Pool-Deck hat zusammengepackt. Verdammt, habe ich letzte Runde vergessen, den Bauch einzuziehen? Aber es gibt einen Lichtblick - die Sonnenanbeter an der Reeling haben aufgegeben und verziehen sich ein Deck tiefer an die Poolbar (oh, dieser wunderbare Margerita!). Noch drei Runden à 90 Meter, die Stunde ist voll, rund zehn Kilometer - geschätzt - sind geschafft.

Nachtrag: Zwei Tage später habe ich übrigens dann doch das Laufband ausprobiert und wiederum zwei Tage später bin ich zum Laufen vom Schiff runter und bin in Las Palmas etwa vier Kilometer die Hafenpromenade rauf- und wieder runtergerannt. Und soll ich Euch was sagen? Das war am schönsten von allem. Gleich nach dem Whisky Sour.

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