Achilles' Ferse Schlüssel zum Erfolg
Vermisster Schlüssel: Die Dusche ist drinnen und ich bin draußen
Foto: Z1021 Peter Endig/ dpaDie Laufsau-Restfamilie ist ausgegangen. Gattin, Sohn eins und Sohn zwei besuchen irgendeine Zwei-Kinder-im-gleichen-Alter-Familie, die Mamas trinken Latte Macchiato und gackern, die Kinder schlagen sich mit Playmobil den Schädel ein.
Ich habe sturmfrei. Statt die Kumpels zum Bier einzuladen und Pizza in mich hineinzustopfen, schlüpfe ich in drei Lagen Kunstfaser und sprinte los. Richtung Wald, Feld und Wiese, hinaus in die freie Natur, hinunter an einen großen schwäbischen Strom, auf dem die Lastenkähne majestätisch ziehen. Sonst nix besonderes. Auf dem Rückweg: ein Reh, ein Dachs, ein Hund mit angehängtem Walker.
Die klassische, tägliche Runde umfasst acht Kilometer, eine schöne dreiviertel Stunde zu laufen. Ich bin rechtschaffen warm, nicht erschöpft. Jetzt freue ich mich auf eine Dusche. Aber die Dusche ist drinnen und ich bin draußen und meine Jackentasche ist leer. Auch alle anderen Taschen. Die Hosentasche, die Jackentasche, die Innentaschen, die Brust-, die Rücken- und sogar die Gesäßtasche. So ein Ärger. Ich hatte den Schlüssel, als ich die Runde begann, ganz sicher, in der linken Jackentasche. Oder nicht?
So ist das mit den alltäglichen Handgriffen. Die laufen so unbewusst ab, dass man sich nachher nicht mehr daran erinnern kann. Aber heute hatte ich ihn sicher eingesteckt, den Hausschlüssel. Wäre ja auch ziemlich blöd, ohne Schlüssel aus dem Haus zu gehen.
Leere Blase, leere Tasche
Aber der Schlüssel ist weg, die Jackentasche offen und in mir keimt ein furchtbarer Verdacht. Der Schlüssel liegt irgendwo im Wald, an einer der vier Stellen, an denen ich meine Blase erleichterte. Ein Mann in meinem Alter soll viel trinken, sagt mein Urologe, und das tue ich auch, und dann muss ich dauernd pinkeln.
Oder vielleicht noch schlimmer: Der Schlüssel liegt irgendwo auf dem Feldweg, gut sichtbar. Der nächste Spaziergänger mit Kampfhund findet ihn. Ganz zufällig ist er nebenberuflich Einbrecher und Massenmörder, ein Geschenk des Himmels für den guten Mann, der seit Weihnachten schon niemanden mehr ausrauben oder abmurksen konnte.
Heute Nacht noch wird er bei uns ganz leise, huschhusch, durch die Vordertüre schleichen, das Klavier, das teure Sofa und meine allerliebste Espressomaschine stibitzen und zu guter Letzt noch Familie Laufsau lynchen. Keine Zeugen, Sie verstehen? Das muss ich verhindern.
Hausstrecke, Runde zwei. Aber diesmal im Walking-Tempo, das Haupt geneigt, es wackelt hin und her, von links nach rechts, von rechts nach links, ich bin ein Schlüsselscanner. "Was suchet Sie dänn?" Ein Hund mit alter Dame beäugt mich neugierig. "Ich suche meinen Hausschlüssel", antworte ich und sie fragt: "Hän sie den verlore?"
"Nein, ich mache das täglich", erwidere ich, "ich werfe meine Schlüssel mutwillig in den Wald und laufe dann zurück, um ihn wieder zu holen." Nach zwanzig Sekunden macht es Klick, das erkenne ich an ihrem Blick, und sie stapft beleidigt davon.
Doppeltes Vergnügen
Der Schlüssel ist nicht auffindbar. Die zweite Version dergleichen Runde dauert eineinhalb Stunden. Macht zusammen zweieinviertel Stunden für sechzehn Kilometer. Ein Schnitt von 8:26 Minuten pro Kilometer. Laufsau, du warst schon mal schneller!
Inzwischen ist die Gattin wieder zuhause und lässt mich rein. Wo ich gewesen sei? Die Kinder säßen schon hungrig beim Abendbrot und warteten auf den Papa. "Ich habe den Schlüssel beim Laufen verloren und musste ihn suchen gehen", klage ich. Aber nun sei er endgültig weg und damit wir heute Nacht nicht alle einer Familientragödie zum Opfer fielen, müsse ich nun sofort den Schlüsseldienst kommen lassen und das Schloss ersetzen. Die Gattin lacht mich aus. Der Schlüssel? Der hing am Briefkasten, als sie gekommen sei, sie habe sich schon gewundert.
Ja, so ist das mit den kleinen Alltagshandgriffen. Da sieht man vor dem Loslaufen noch kurz die Post durch und vergisst es ganz.
Immerhin bin ich heute sechzehn Kilometer gelaufen. Das stand so allerdings nicht im Trainingsplan.