Achilles' Verse: Besessen vom Projekt 239 - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Besessen vom Projekt 239

Drüber oder drunter? Für Achim Achilles dreht sich alles nur um seine Marathon-Zeit. Der Wunderläufer will bei seinem nächsten Lauf auf jeden Fall die magische Vier-Stunden-Marke knacken. Seine Frau spricht von Obsession, doch Achim weiß: Eine gute Zeit steht ewig.
Marathon-Läufer in Berlin (Archivbild): "Das sind doch nur Zahlen"
Marathon-Läufer in Berlin (Archivbild): "Das sind doch nur Zahlen"

Marathon-Läufer in Berlin (Archivbild): "Das sind doch nur Zahlen"

Foto: Robert Schlesinger/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Chefin spinnt. Ich sei obsessiv, sagt Mona. Pah! Nur weil ich einmal im Leben einen Marathon unter vier Stunden laufen will. Dieses Ziel spricht nicht für einen Dachschaden, sondern für gesundes Leistungsbewusstsein. "Für den Lauf der Welt ist es völlig egal, ob du 239 oder 241 Minuten brauchst", sagt die Gattin. Was interessiert mich denn der Lauf der Welt? Es geht um mich, meinen kleinen Kosmos, um das Selbstwertgefühl meiner restlichen Lebensjahre.

Was nützt mir ein Altersklassenrekord von sechseinhalb Stunden in M80? Oder Platz eins auf der deutschen Läufer-Rangliste, Kategorie Schuhgröße 46,5?  Unter vier Stunden, das ist der Maßstab für einen mittelalten, mittelfitten und mitteltalentierten Mittelklasse-Athleten, und zwar jetzt, im besten Infarktalter kurz vor 50. Was verbessert denn mein Ansehen beim Lauftreff? Ein Aston Martin? "Da kommt wieder diese 4:08-Stunden-Gurke in seiner Angeberkarre angebraust", werden die Hyänen raunen. Habe ich dagegen eine 3:44 auf dem Marathon-Konto, kann ich im Trabant vorfahren, und sie werden vor Ehrfurcht vergehen.

Die "3" vorn, das ist die magische Marke. Selbst dieser übergewichtige Nichtsnutz Lehmann hat letztes Jahr eine 3:52 hingelegt. Seither tänzelt er jedes Mal wie ein Dressurpferd, wenn er mich sieht. Er muss überhaupt nichts sagen. Ich weiß genau, was er meint. Und er weiß, wie ich leide. Wäre das Leben eine Wursttheke, läge Lehmann bei den feinen Sachen, bei der getrüffelten Kalbslebernen. Alle, die über vier Stunden brauchen, drängeln sich dagegen in der Tupperdose mit den Resten für die Hundewurst.

Selbst Knödel Joschka Fischer lief einst unter vier Stunden

"Das sind doch nur Zahlen", sagt Mona. Preise für Schuhe sind auch Zahlen. Oder Waagenstände. Oder die Anfangszeit vom Kino. Aber das sind eben nicht "nur" Zahlen, sondern knallharte Fakten. Kein gefühltes Dudeldum, sondern objektiv gemessene und vergleichbare Größen, auf die sich die Menschheit als Maßeinheit verständigt hat. Und vier Stunden sind nun mal die Marke beim Marathon. So wie die Fünf-Prozent-Hürde für die FDP. Dass das Wetter nicht dolle war oder sich der Kandidat ausgerechnet heute nicht so fühlte, wird nicht als Kriterium gelten gelassen. Drüber oder drunter? Drin oder draußen? Drei oder Vier. Ratz oder fatz. Vergangenes Jahr hätte ich es locker geschafft. Topform, Niesel, alles optimal. Aber in der Woche vorher kam dieser verdammte Virus.  Was soll man antworten, wenn man nach seiner Bestzeit gefragt wird? "3:52 Stunden, wenn der Virus nicht gewesen wäre." Ich hätte schon wollen dürfen, nur hab ich's nicht tun können.

"Obsession, von lateinisch obsidere, bedeutet besessen sein, umgangssprachlich auch für eine Leidenschaft verwendet, etwa ein intensiv betriebenes Hobby. Dabei handelt es sich um eine unangenehme bis quälende Zwangshandlung", zitiert Mona die Fachliteratur. Stimmt alles. Na und? 3:59 Stunden, das ist Magie, das ist die Mauer, die ich einmal, ein einziges Mal überwinden muss. Selbst Joschka Fischer hat es geschafft. Eine Saison etwas ernster gelaufen, dreimal angetreten, und - tschakka. Das ist Effizienz. Politisch kaum was gerissen, schon lange wieder rund wie ein Knödel: Aber 3:41 Stunden steht ewig.

"Du musst einfach mal loslassen", sagt Mona. Von wegen. Sie ist es doch, die mich auf dem Sterbebett rasch noch mal daran erinnern wird, dass ich ja vieles hinbekommen hätte im Leben und mich deswegen doch bitte nicht so über die 4:06 Stunden grämen sollte. Am 25. September ist es wieder soweit - der Tag der Tage. Die Vollendung des Projektes 239. Diesmal klappt es garantiert. Es sei denn, da kommt wieder was dazwischen.

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