Achilles' Verse Bin ich jetzt an der Reihe?
Massenspektakel Marathon: Irgendwann kommt das Stechen
Foto: A3999 Malte Christians/ dpaLetzte Woche war wieder so ein Moment. Gerade losgewetzt, gar nicht schnell. Und nach fünf Minuten wieder dieses Stechen irgendwo unterm linken Schlüsselbein. Nicht unerträglich, der Schmerz, aber auch nicht normal. Was sitzt da? Organe doch wohl nicht? Eine wichtige Ader vielleicht? Bestimmt nur eine Verspannung. Oder bin ich jetzt an der Reihe?
Erst in diesem Juni hat ein Laufkumpan den Alptraum erlebt: Triathlon, Mitteldistanz, sehr ordentliche Zeit, unter fünf Stunden. Er war schon 90 Minuten im Ziel, da lag er plötzlich in der Wechselzone und röchelte nur noch schwach. Zum Glück waren die Sanis sofort da und der Hubschrauber auch. Keine Risikogruppe, null Übergewicht, nie geraucht, moderater Alkoholverbrauch, nicht mal allzu viel Stress. Erst Mitte 40. Aber ein manifester Vorderwandinfarkt, die dicke Bertha unter den Herzkaspern. Ein paar Minuten länger ohne Hilfe, und er wäre nie wieder aufgestanden. Nicht auszudenken, wenn sein Herz auf der Heimfahrt herumgezickt hätte, bei Tempo 130, rechts den Laster, links die Leitplanke.
Ich muss immer mal wieder an den armen Kerl denken, der vergangenes Jahr beim Berliner Halbmarathon kurz vorm Ziel auf dem Mittelstreifen lag, alle Viere von sich gestreckt. Man musste kein Mediziner sein um zu ahnen, wie es um ihn stand . Die Sanitäter pumpten verzweifelt, wir rannten im Schlusswahn vorbei, kaum fähig zu erfassen, was da gerade geschah. Bis heute bleibt die Frage: Wie können wir Sportskameraden angemessen reagieren? Wo ist die Grenze zwischen pietätvollem Stehenbleiben und dummem Im-Weg-Rumstehen? Wo verläuft die feine Linie zwischen Anteilnahme und Gaffen?
Und jetzt Norman Stadler, der Triathlet, der Hawaii gewann und jedes Rad zu Mus trat mit seiner Beinkraft: Vor ein paar Wochen wurde sein Brustkorb aufgesägt, die Herzklappe neu modelliert. Die Pumpe tut's zwar wieder, aber niemals mehr im Ironman-Betrieb. Wenig später erklärte Stadler seinen Abschied vom Leistungssport . Einfach so, aus dem Training heraus, verschwindet plötzlich ein Lebensinhalt, der 20 Jahre lang jeden Tag, jeden Biss, jeden Atemzug diktiert hat.
Wir Ausdauerheinis halten uns ja für wahnsinnig gesund. Herz und Kreislauf in Bombenform, davon gehen wir immer gern aus. Kann aber auch gut sein, dass genau in diesem Moment das Herz unruhig zuckt, dass ein Klumpen Schleim sich an der Wand einer Hauptverkehrsader festsaugt, dass uns heute Abend beim Training auf einmal schwindelig wird, was wir aber tapfer wegschieben.
Es gibt keine Garantie für lebenslange Laufleistung. Es kann jeden treffen, immer und überraschend, egal, ob Kettenraucher oder Ultra. Und was lernen wir daraus? Jeder Lauf kann der letzte sein. Also genießen wir das Privileg, uns austoben zu dürfen, jeder in seinem eigenen Modus. Und denken an die, die gern würden, aber nicht mehr können.