Achilles' Verse: Biowaffe in Laufschuhen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Biowaffe in Laufschuhen

Die Haager Landkriegsordnung von 1907 ist in bewaffneten Konflikten eine wichtige Sache. So wird etwa der Einsatz von Gift untersagt. Achim Achilles verstößt regelmäßig gegen das Vertragswerk. Er will es zwar nicht, kann aber leider nicht anders.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Läufer, die sehen auch nach 150 Minuten Tempolauf noch so aus, als seien sie soeben aus einem Riefenstahl-Werbefoto eines führenden amerikanischen Herstellers eng anliegender Sportwäsche gesprungen: kein Schweiß, kein Dreck, die Frisur formbeständig betoniert, die Schuhe frisch aus dem Karton. Klemmbrett-Karraß ist so einer. Sein Drei-Wetter-Taft-Look am Ende jeden Trainings ist ein einziger Vorwurf für Normalläufer wie mich. Ich warte auf den Tag, an dem mich ein Rettungshubschrauber kilometerweit verfolgt, um auf der ersten Lichtung niederzugehen. Sanitäter springen heraus, bringen mich mit einem technisch einwandfreien Tackling zu Boden und schnallen mich auf eine Trage. "So erbärmlich, wie Sie aussehen, sollten Sie nicht weiterlaufen", sagt der, der mir gerade die Infusion gelegt hat.

Das mag daran liegen, dass ich über den Körper einer Pornodarstellerin verfüge. Ich bestehe im Prinzip nur aus Öffnungen. Und an jeder pladdert irgendetwas Merkwürdiges heraus, sobald ich die ersten 30 Meter gelaufen bin. Die hyperaktiven Schweißdrüsen lassen sich im Winter ja wenigstens noch durch Kälteschocks zur Ruhe bringen. Schwieriger wird es bei der Nase. Die tut nämlich das gleiche wie ich: laufen. Nur schneller. Auch wenn ich nicht erkältet bin. Sie schaltet sofort auf Abstoßmodus, wenn mein Puls über 80 schnellt. Taschentücher sind keine Lösung. Wohin mit den Dingern nach dem ersten Gebrauch? Also ein neues. Dann müsste ich aber ein Wägelchen Taschentücher hinter mir herziehen. Bin ich Huskie von Beruf?

Also zwingt mich mein Riechorgan seit Jahren, einen neuen Sport zu erlernen: einhändiges Abschnäuzen in vollem Galopp. Die schnäuzerischen Trainingserfolge bleiben noch weit hinter meinen läuferischen zurück. Denn die Nasenbewohner sind tückische Gesellen. Laufend ändern sie Größe, Konsistenz und Form. Die Farbe sowieso. Die eher festen Freunde muss man mit einem beherzten harten "Pffft" ausstoßen, also kurze Dauer, hoher Druck, was durch Zuhalten des anderen Nasenlochs erleichtert wird. Bauern nehmen den Daumen, Stilisten den kleinen Finger, Idioten die ganze Hand, um sich in selbige zu schnoddern. Sämig-längliche Kandidaten, die sich wie Tausendfüßler an den Schleimhäuten festkrallen, sind dagegen nur mit einem ausdauernden "Gmmmnnpff" zu lösen.

Wendet man die falsche Schnäuzart an, passiert ein Unheil: Der Naseninhalt bleibt auf halber Strecke - eine mehr oder weniger klebrige Masse verteilt sich zwischen Nase, Fingern, Ärmeln Schultern und in schlimmsten Fall in nachfolgenden Sportskameraden. Lustige Hängebrücken entstehen, die immer länger werden, je mehr man versucht, sie abzuschütteln. Am Ende hilft nur der Ärmel. Wichtig: nur kurz wischen. Sonst Großflächenverkeimung. Drafi Deutscher hat völlig Recht, wenn er singt: "Schnäuze nur, wenn der Regen kommt, damdam, damdam."

Natürlich regnet es nicht. Und im Ziel auf dem Parkplatz starren mich alle an, vor allem auf meine Schulter, meinen Ärmel, meine Nase, den Quadratmeter drum herum und meinen Hintermann. Die Doofen glotzen nur, die Netteren sagen: "Ääh, du hat das was ..." und deuten auf irgendeine Stelle in meinem Gesicht, "sieht aus wie Vogelscheiße." Wenn es die nur wäre. Dann könnte man die Schuld an einen Piepmatz delegieren. "Huch", sage ich also, total überrascht, "wo kommt das denn her?"

Ist diese Peinlichkeit zu steigern? Aber sicher. Denn was sich in der Nase abspielt, ist nur ein Vorgeschmack dessen, was sich in der Kehle zusammenbraut. Da verstecken sich die großen lang gewachsenen Geschwister der Nasenbewohner, jünger vielleicht, aber allemal zäher. Einer von ihnen hätte mich neulich fast das Leben gekostet.

Als ich auf der langen Geraden des Kronprinzessinnenwegs außer Hörweite jedes Mitmenschen wieder jenes prallvolle Gefühl in der Kehle verspürte, setzte ich zu einem maskulinen "Horrrchrriikkk" an und feuerte das Projektil über die Schulter. Sollte es für ewig auf dem Asphalt kleben und mit Füßen getreten werden.

Leider setzte exakt in dieser Sekunde ein Rennradler an, mich zu überholen. Meine feuchte Kehlenkeule streifte ihn offenbar nur, was aber genügte, ihn zur Vollbremsung zu bewegen. "Du hast wohl einen an der Waffel", fauchte er. "T'schuldigung", gurgelte ich, denn so ganz frei war der Hals immer noch nicht. Er guckte mich skeptisch an. Ich zog die Nase hoch. "Pass auf, das nächste Mal", sagte er und klickte eilig in seine Pedalen und nahm Reißaus. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich noch weitere Biowaffen bei mir habe.

Mehr lesen über