Achilles' Verse: Blamage beim Bambini-Lauf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Blamage beim Bambini-Lauf

Mit großen Hoffnungen schickte Achim Achilles seinen Nachwuchs an den Start eines Laufwettbewerbs. Doch der Filius enttäuscht unseren Wunderläufer. Er ließ sich weder mit Cola dopen, noch wählte er die richtige Taktik. Und dann wurde er auch noch von Mädchen überholt.
Kinderlauf: Der pure Stress für die Erwachsenen
Kinderlauf: Der pure Stress für die Erwachsenen

Kinderlauf: Der pure Stress für die Erwachsenen

Foto: Ursula Düren/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir sind eine unverkrampfte Familie. Vor Prüfungen sind wir die Ruhe selbst - jedenfalls nehmen wir uns das immer vor. Heute ist Bambini-Lauf, Hansens erster Auftritt vor den Scouts der Sportartikelhersteller, die die Talente unter Millionen-Vertrag nehmen. Seit Tagen überlege ich, ob Hans vielleicht barfuß starten soll wie die kenianischen Kinder. Das senkt das Schmerzempfinden und erhöht die Dankbarkeit.

Außerdem werden die Agenten meinen Naturburschen wohlwollend beäugen, zwischen all den überausgerüsteten Marvins und Shakiras. Einziges Problem: Der Bengel will nicht barfuß, eigentlich gar nicht laufen. Alptraum: Alle Kinder rennen los. Nur der Vertreter meines Genpools bleibt maulig vor dem Kreidestrich stehen. Höchstens der Agent von der FDP würde ihn verpflichten wollen.

"Wettrennen macht Spaß", erkläre ich. "Und wenn ich hinfalle?", fragt Hans. "Dann stehst Du auf und rennst weiter." Was für eine Story: Tränen, blutendes Knie, zerfetzte Klamotten, aber Sieg im Fotofinish vor einem Zahnarztbengel, der die Arme schon siegessicher empor gerissen hat - Hollywood wird anrufen.

Wo stecken nur die Herren mit den Verträgen? Auf den Dixi-Klos nicht, die hat Hans einzeln inspiziert. Mein Sohn trägt ein "Ärzte"-T-Shirt, die adipösen Zehlendorfer Marvins dagegen wurden in Kompressionswäsche gegossen. Ich hatte überlegt, unseren Sohn zu dopen, ganz legal natürlich: Multivitamin-Tablette, in Cola aufgelöst, für den Carbo-Koffein-B12-Schub.

Mental schlägt Material

Während Hans sehnsüchtige Blicke aufs Gebüsch wirft, erkläre ich die Taktik. "Nicht zu schnell losrennen. Dann bist Du sofort aus der Puste, musst gehen und verlierst den Anschluss an die Spitze." Hans gähnt. "Anschluss zur Spitze", das war das Zauberwort. In Siegen denken. "Und zum Schluss richtig spurten, dann überholst Du alle anderen und gewinnst."

Hans guckt skeptisch: "Aber ich bin nicht der Schnellste". Immer diese Selbstkritik. Das hat er von seiner Mutter. "Aber Du musst Dich so fühlen", sage ich. Er wehrt sich, als ich seine Millionen-Schenkel mit Latschenkieferöl massieren will. Wir hätten doch die Wundertreter von Usain Bolt anschaffen sollen. Egal. Mental schlägt Material.

Hans trottet an den Start. Sehen so Sieger aus? Ich bahne mir den Weg durch Dutzende konkurrierender Kameras. Den Speicherplatz könnt ihr euch sparen. Hier gewinnt nur einer. Hans plaudert weit hinter der Startlinie mit einem Moppelmädchen. Au weia. Völlig falscher Umgang. Ich springe und winke und rufe. Aber mein Sohn hört mich nicht. Doch. Jetzt. Er guckt. Leider genau in dem Moment, da der Startschuss knallt. Alle rennen los, nur Hans winkt. Wirklich, ein nettes Kind. "Los", brülle ich: "Hol Sie Dir." Vorwurfsvolle Blicke.

Hans hält sich etwas zu eisern an die Schon-Taktik. Die letzten 200 Meter wetze ich neben unserem zukünftigen Medaillenhelden. "Los, Schlussspurt", brülle ich, während dicke Marzahnerinnen an ihm vorbeiziehen. Immerhin wird Hans nicht Letzter. Ein toller Erfolg. Man darf Nachwuchshoffnungen nicht verheizen. Beim nächsten Mal machen wir alle platt.