Achilles' Verse: Das Renn-Wildschwein wird rasiert - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Das Renn-Wildschwein wird rasiert

In Modefragen verfügt Laufkünstler Achim Achilles über einen erlesenen Geschmack - behauptet er. Doch sein neuester Erwerb, eine Jacke in Pink, ruft Entsetzen hervor. Seine Frau attestiert ihm eine Midlife-Crisis. Und die Kollegen stellen tierische Vergleiche an.
Wildschein: Zum Aussehen wie Achim fehlt nur noch die Rasur
Wildschein: Zum Aussehen wie Achim fehlt nur noch die Rasur

Wildschein: Zum Aussehen wie Achim fehlt nur noch die Rasur

Foto: dapd
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Neil-Young-Stimmung im Grunewald. Kurze Tage, wallende Nebel, Kühle kriecht die Waden empor. Läuferhärte ist gefragt. Der Leib will Sofa, die Seele endlich Erfolg, nach einer maximal bescheidenen Saison, die nicht mal ein Heimspiel beim Berlin-Marathon  zuließ. Herbsttage eines Hobby-Läufers. Jetzt nur nicht der Trainingsfaulheit hingeben. Die Sieger 2011 werden exakt in diesen Tagen geboren.

Heute habe ich's aber leider nicht zum Laufen geschafft. Denn vor das Training hat der große Lauf-Manitu eine harte mentale Übung gelegt: Neue Socken kaufen - und nichts anderes. Normalerweise endet der Besuch im Lauffachgeschäft ja wie beim schwedischen Möbelteilehaus: Man will einen Beutel Teelichter erwerben und müht sich zwei Stunden später, die Kinderzimmereinrichtung "Knäckwörst", den Esstisch "Kozan" und die Eichenschrankwand "Giröng" auf den eigens erworbenen Dachgepäckträger "Mona" zu zurren. Aber heute werde ich tapfer bleiben. Nur Socken. Keine Schuhe, keine Jacke, keine Kompressionsunterhose - und sei sie noch so leistungsfördernd.

"Hier, 20 Euro", sagt Mona und wedelt mit einem mickrigen Blauen. Nicht üppig angesichts der derzeitigen Sockenpreise. "Bitte noch 'nen Zehner", bettele ich. Mona schüttelt den Kopf. "Damit kaufst du nur wieder Unsinn." Na und? Wenn es mir doch Freude bereitet. Zum Glück hatte ich die Kreditkarte am Körper versteckt, sicherheitshalber unter der Zunge, weil ich eine Leibesvisitation durch Mona fürchtete.

Ehrliches Interesse an einem Hammer von Athleten

Im Ausdauertempel ist besonders zur besten Arbeitszeit oft die Hölle los. Heute war es aber ruhig. Fachverkäuferin Samantha steuerte direkt auf mich zu und lächelte wie ein Sommersonnenaufgang. Das war nicht nur professionelle Freundlichkeit. Da flackerte mehr in ihren Augen - ehrliches Interesse an einem Hammerathleten, der in diesem Jahr fast einen halben Ironman  gefinisht hätte und beim Berlin-Marathon starten wollte. Ich zog den Bauch ein.

Samantha stand auf sehr dünnen Beinen und trug ein T-Shirt von der Challenge in Roth. Wahrscheinlich hatte sie als Streckenposten gearbeitet. "Gute Veranstaltung?", fragte ich mit dem selbstgewissen Ton des gestandenen Eisenmannes, der in Roth schon zu Zeiten von Dirk Aschmoneit gestartet war. Samantha sollte gleich mal wissen, mit wem sie es zu tun hatte. "Lief nicht so", antwortete sie, "nur knapp unter elf Stunden". Ups. Sie hatte tatsächlich mitgemacht. Und zwar in einer Zeit, die ich nicht mal schaffen würde, wenn ich die drei Disziplinen einzeln absolvieren würde. Ich nickte möglichst unbeeindruckt.

"Was kann ich für dich tun?", fragte die magere Frau. "Ooch, nur Socken", sagte ich. Samantha führte mich zum Strumpfregal und begann ein Referat über Gewebemischung und Atmungsverhalten. Alles optimal natürlich. Socke müsste man sein.

Ein wenig abwesend starrte ich auf den Ständer mit den neuen Laufjacken. Ich versuchte, es niederzukämpfen, aber dieses seltsame Gefühl stieg unweigerlich in mir hoch. Ich gestehe: Gelegentlich leide ich an unkontrollierter Geschmacksverirrung.

"Midlife-Crisis", attestierte Mona

Ich konnte den Blick einfach nicht von dieser Laufjacke in anmutigem Pink lassen . Monas Lieblingsfarbe. Sie würde mir den Spontankauf bestimmt verzeihen. Und ich hätte endlich mal was in Nicht-Schwarz. "Haaallo", rief Samantha, "hörst du mir überhaupt zu?" Ich antwortete nicht. Magisch zog mich diese Jacke an. Wir waren füreinander geschaffen. Es war Liebe.

Mona schrie, als sie mich mit meinem neuen Schatz in der Haustür sah. So viel Euphorie hatte ich gar nicht erwartet. "Hat dich irgendjemand auf der Straße gesehen?", fragte meine Gattin entgeistert. Na klar, hoffentlich alle, dachte ich. Vor jedem Schaufenster hatte ich mich gedreht und gewendet und meine frühlingshaft frische Erscheinung genossen. "Midlife-Crisis", attestierte Mona und wollte mich zum Umtausch bewegen. Niemals. Schon morgen wird mich diese Frau anwinseln, ob sie nicht auch mal meine Jacke tragen darf.

Beim Lauftreff waren die Sportsfreunde allerdings auch nicht gnädiger. "Wie ein frisch rasiertes Wildschwein", wieherte Coach Karraß. Blödmann. Kaum aus der Ost-Elaste befreit, schon große Klappe an der völlig falschen Stelle. Ich brachte mein kleines Schnuffeljäckchen zurück ins Auto. War eh' zu warm. Eines Tages wird mich das Banausenpack noch bewundern für meinen erlesenen Geschmack.