Achilles' Verse: Der Fluch des Osteo-Paten - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Der Fluch des Osteo-Paten

Bald wird es Frühling, doch für Achim Achilles ist es ewiger Winter. Laufpackeis sozusagen. Was ist passiert? Wir wollen nicht zu viel verraten. Es hat etwas mit dem Training für den Hamburg-Marathon zu tun.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist passiert. Es musste ja so kommen. Mein Läuferdasein hat keinen Sinn mehr. Hamburg-Marathon ade. Bestzeit ade. Lebensinhalt ade. Verstreut meine Asche auf der Reeperbahn. Lacht über mich, leidet mit mir. Der Pate hat mich kaltgestellt: der Osteo-Pate. Wäre ich da nur nie hingegangen. Ich hätte schon durchgehalten, irgendwie. Doch der Pate hat es verboten. Er hat Klemmbrett-Karraß angerufen und mich verpetzt. Mona hat meine Laufschuhe weggeschlossen.

Was soll ich tun mit all der ekligen Freizeit? Ich will Schweiß schmecken. Doch aus. Vorbei. Mona sagt, ich soll staubsaugen, das übe die Grundlagenausdauer. Eine Verletzung hat mich ereilt, gefällt, zerstört, mich, den fülligen Kenianer, Hoffnungsträger aller weißen bollerwadigen Moppelmänner Schönebergs, ich, ehemals laufendes Wahrzeichen für die aufquellende Wirkung von McDonald's, Muddis Pudding, Schneider Weiße und den verschlankenden Effekten regelmäßigen Lauftrainings. Mich, in der Form meines Lebens.

War ja klar. Alles war zu glatt gelaufen in den vergangenen Monaten. Ich hatte mein Programm penibel absolviert wie ein rumänisches Uhrwerk. Ich flog nur dahin, über Tartan, Asphalt und Schneereste unter den neidischen Blicken stampfender Walker. Dieses gelegentliche Ziepen in der Wade hatte ich ignoriert. Nur Training, das weh tut, nützt auch was. Eines Tages schwoll das Ziepen zum Ziehen. Keine Sorge, sagte ich mir, das passiert schon mal, wenn die Muskeln wachsen. Das Ziehen verließ die Wade, zog durch den Oberschenkel und nistete im Rücken, als eine Art Lodern. Nieren verkühlt, klare Sache. Wärm- und Bordeauxflasche würden helfen. Dann wurde es ein Reißen und zog im anderen Bein zurück bis ins Knie. Auf einmal fühlte sich auch der Fuß komisch an. Wenn es in den Ohren losging, würde ich anfangen, mir Gedanken zu machen.

"Du läufst nicht rund", sagte Klemmbrett-Karraß, was zumindest voraussetzt, dass ich das je getan habe. "Ooch, nix Schlimmes", flunkerte ich. Keine Schwäche zeigen. Tatsächlich lief ich nicht mehr, sondern stieß mich mühsam ab vom Boden, wie ein rheumatisches Känguru, gekrümmte Schande der stolzen Bewegung aufrechter Kämpfer. Egal, dachte ich. Man kann eine ganze Weile so laufen, wenn man einfach nicht dran denkt, jedenfalls nicht in den schmerzfreien Zehntelsekunden zwischen den Bodenberührungen, bevor der glühende Stahl wieder in den Körper fährt. Qualität kommt eben doch von Qual. Eines Tages krepiert man halt an einem Magendurchbruch wegen eines Pfundes Paracetamol im Leib, mit Beimischungen von Diclofenac und all dem anderen beißenden Krempel. Aber erst nach dem Tempotraining. Helden sterben unter der Dusche und nicht beim Einlaufen.

Mona sagte, ich müsse zum Arzt gehen. Es sei peinlich, wie ich mich morgens am Treppengeländer abseilen würde. Zum Glück sah sie nicht, wie ich die ersten Schritte auf der Straße versuchte. Ich tupfte nur auf mit den Füßen, es zog wie Hölle. Ich rief Klemmbrett-Karraß an. "Du Trottel", sagte er ruhig. "Hättest du gleich beim ersten Schmerz ruhiger gemacht, dann gäb's jetzt kein Problem." Hättehätteblabla. Hinterher bin ich auch immer schlauer. "Und jetzt?", fragte ich kleinlaut. "Rainer", sagte der Coach. Es klang wie "Notschlachten".

Rainer ist Osteopath. Fummler von Beruf. Wenn es im Fuß zieht, drückt er an den Rippen herum. Und umgekehrt. Manchmal hilft es. Rainer guckte mich mitleidig an, so, als sollte ich lieber schon mal Maßnehmen lassen beim Bestatter Grieneisen. Rainer piekte in meine zarte Flanke, eine der wenigen Stellen, wo es noch nicht wehtat – bis eben Rainers Finger hineinbohrten. Ich jaulte. Rainer nickte. "Niere", sagte er. Na und, ich bin Läufer, kein Spitzenkoch. "Von der Wade", sagte Rainer, "gereizt." Und ich erst.

Rainer begann einen kleinen Vortrag über den Musculus gastrocnemius, der sehr eng mit dem Musculus soleus zusammenarbeitet. Die gemeinsame Sehne beider Muskeln (Achillessehne) verläuft zum hinteren Vorsprung des Fußes, der einen Hebel bildet und dadurch sehr viel Kraft auf das Sprunggelenk übertragen kann. Der Gastrocnemius beugt zum einen das Knie, zum anderen ist er mit dem Soleus verantwortlich für die Plantarflexion, die Streckung des Sprunggelenks beim Gehen, Laufen und Springen.

Alles hat sich da entzündet, sagt Rainer und drückt und zerrt am Bein. Er ächzt. Ich erst. Dann die alles entscheidende Frage: "Wie lange?" Rainer guckt besorgt. "Drei Wochen", sagt er. "Völlig unmöglich", sage ich, "in vier Wochen ist Marathon in Hamburg." Rainer fragt: "Willst du es los sein?" Ich bewege den Kopf so, dass man es für ein Nicken halten könnte, aber in Wirklichkeit ist es mir völlig egal. Hamburg unter vier Stunden, das will ich, zur Not im Handstand. "Vielleicht zwei Wochen", sagt Rainer, "wenn du maximale Ruhe hältst." Zwei Wochen – Hoffnungsschimmer. Aber was zum Teufel ist "Ruhe"?

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