Achilles' Verse Der Frauenversteher
Frauenlauf in Berlin: Statt brutalem Rennfiebern wird entspannt
Foto: dapdNatürlich könnte ich den Europäischen Gerichtshof bemühen, wegen Diskriminierung. Aber: Will ich mich wirklich einklagen beim Berliner Frauenlauf ? Ach was. Lieber einen freiwilligen sozialen Tag einlegen und als einer von Dutzenden namenlosen Helden diesen Festtag des Femininen so unvergesslich machen wie den letzten Schuhkauf. Ich bin zum Medaille-Umhängen eingeteilt. Großartig. 17.000 mehr oder weniger laufende Frauen wollen emotional sensibel betreut sein. Traumjob einer Fachkraft für Randgruppen und Gefühle, also für mich.
Erste Erkenntnis: Die Urinals der Dixis sind trocken und die Fäkalbiotope auch sonst in erstklassigem Zustand. Die Frauen verstehen nicht nur den binären Farbcode an den Türen, sondern wissen sich auch sonst zu benehmen . Nicht diese Hetze wie bei den Jungs.
Laufen ist halt Nebensache, statt brutalem Rennfieber wird entspannt: Die einen rauchen auf der Picknickdecke im Tiergarten, die anderen drängeln sich am Crêpe-Stand, um die Glykogen-Speicher mit Nutella-Eierlikör zu füllen. Man zeigt sich die neuesten Bauernmalereien aus der Lausitzer Tätowier-Stube und horcht bei jedem Applaus auf, ob der schon wieder von den Sekten-Schwestern der Weight-Watcher kam, weil wieder eine die 100-Kilogramm-Marke unterboten hat. Dann kollektives Herumhopsen zu "I will survive". Verängstigt stehen die Gatten hinterm Zaun und fürchten sich. So ausgelassen kennen sie ihre Hilde gar nicht.
Die rosa Knubbel verteidigen ihr albernes Aluprügelschleifen
Mitfühlend wie Frauen sind, gibt es praktisch für jede einen eigenen Wettbewerb. "Walking" wird sogar von "Nordic Walking" unterschieden, auf Wunsch ohne Zeitnahme. Ein Skandal: Unzählige Damen werden immer noch in dem Glauben gehalten, Spazierengehen habe etwas mit Sport zu tun. Dabei gehört Gammelfleisch am Stiel einfach nur verboten.
Doch die rosa Knubbel mit den Stöckern verteidigen ihr albernes Aluprügelschleifen, als ginge es um eine Demonstration für Bewegungsfreiheit. Wer sagt ihnen endlich, dass Verpflegungshalfter, die mit Proviant bis zum Südpol vollgestopft sind, das genaue Gegenteil von Fettverbrennen bedeuten?
Immerhin: Über die Hälfte der Damen übt sich in sportlicher Betätigung und läuft, und zwar mit Stil. Bestzeiten spielen schon deswegen keine Rolle, weil kaum eine Athletin die sechs Knöpfe der Pulsuhr kapiert. Männer übrigens auch nicht. Während bei den Jungs pro Lauf mindestens einer mit Infarkt auf der Strecke bleibt, sagen die meisten Mädels im Ziel strahlend: "Ich hätt' noch schneller gekonnt."
Fürs Zielfoto muss das Rouge leuchten
Den Herzkasper ereilt eben nur, wer sich anstrengt. Männer also, die mit hochroten Birnen durchs Ziel taumeln, überall Speichelflecken, Rotzreste und Unerklärliches. Außerdem tragen sie deutlich mehr Haare auf dem Rücken.
Die Läuferin dagegen setzt andere Prioritäten: Fürs Zielfoto muss das Rouge leuchten, Schweiß darf allenfalls dezent glänzen, aber auf keinen Fall vom Lippgloss, Modefarbe Eisbein, ablenken. Vielleicht sollte man auf dem Ziel-Banner die Rabatt-Aktion eines Schuhhauses bewerben - das würde den Damen noch mal Beine machen.
Beim Medaillen-Umhängen erfährt der Laie dann auch endlich, warum Frauen wirklich langsamer sind. Sie tragen bis zu zwei Kilogramm mehr Gewicht mit sich herum, vorwiegend auf dem Kopf: Haarspangen, Klammern, Betonier-Spray und 24 Zöpfe, davon höchstens ein Drittel echt.
Männer fluchen im Ziel, kollabieren oder stieren mit grünem Gesicht ins Nichts; Frauen lachen und umarmen sich. Wäre ich Esoteriker, würde ich den Zielbereich eines Frauenlaufs als Heimat des guten Karmas betrachten. Endorphine werden offenbar vor allem im Schneckentempo ausgeschüttet. Ein Leben ohne Killer-Gen ist auf die Dauer zwar langweilig. Aber ein Ausflug in die geheimnisvolle Welt mal ganz interessant.