Achilles' Verse Der gläserne Läufer
Läufer bei der Analyse: Verdammte Wahrheit
Foto: dapdMittags mitten in Hannover. Einsamkeit. Um mich herum pulsierende Großstadt in Gestalt eines älteren Herrn mit Tagesfreizeit, der Doppelkorn frühstückt. Leichtes Zittern. Hinter mir ist soeben die Tür des Grauens ins Schloss gefallen. Weit über zwei Stunden bei Dr. Matthias Marquardt - die härteste Einheit meines Läuferlebens. "Wissen woran ich bin" steht auf dem Schild vorn in der Praxis, gegenüber hängt eine Deutschlandkarte mit unzähligen Nadeln; eine pro Patient, der sich hierher gewagt hat, um das Brutalste zu erfahren, was es in einem Läuferleben geben kann: die Realität. Verdammte Wahrheit - eigentlich wollte ich dich gar nicht wissen.
"MM" ist gnadenlos. Er hat mit einem schwarzen Filzstift Kreuze überall auf meinen Körper gemalt. Er hat das Sirren meiner Sehnen, das Knarzen meiner Gelenke, das Krümeln meiner Knochen erspürt, und alles aus jeder noch so unappetitlichen Position gefilmt. Das Ende jeden Selbstbetrugs. "Body Composition Analyzer" und Video-Analyse haben meine herrlichen Illusionen vernichtet, mit denen ich mir meine höchst mittelmäßigen Leistungen schöngeflunkert habe. Ich hielt mich für halbwegs gut trainiert, sah mich stilistisch im oberen Drittel und von den Körperdaten her, mit etwas Feinschliff, für nahezu olympiatauglich.
Fakt ist: Die Filme und Fotos zeigen einen Amboss auf zwei viel zu dicken Beinen, die Körpermessmaschine namens "Tanita" zeigte: Notschlachten! Ich bin 14 (vierzehn!) Kilogramm vom Idealgewicht entfernt; was ich für Muckis hielt, ist Glibber. Dabei dachte ich immer, dass das einarmige Heben der Weinkiste mit einem Arm die Hantel ersetzt. Entscheidende Frage: Bringt Sport eigentlich gar nichts, oder wäre es ohne Bewegung noch viel gruseliger?
"So schlimm ist das doch gar nicht", sagt der Doktor und unterdrückt höflicherweise ein Grinsen, "diese Oberschenkel wiegen halt was". Eben. Genau. Das ist ja das Problem. Von den Körperzahlen her bin ich von Sport jedenfalls soweit entfernt wie die FDP von glaubwürdiger Politik. "MM", wie ihn seine Jünger nennen, ist ein bemerkenswerter Psychologe. Er überbringt niederschmetternde Nachrichten fast so nonchalant wie Steffen Seibert. Der Laufstil zum Beispiel sei wirklich..., also echt..., nee, da könne man nichts... oder kaum was sagen, schmeichelt der Arzt. Naja, in zwanzig Minuten auf dem Laufband bei moderatem Tempo ist es auch ziemlich schwierig, nur bekloppt auszusehen.
Schmerzen trotz Fachverkäufer
Laufanalysen gibt es viele. Jedes zweite Sportgeschäft bietet ein ausgemustertes Band, richtet eine Kamera auf die Beine, und der bezaubernde Fachverkäufer sagt hinterher, man brauche zufällig genau jenes Modell, von dem hinten im Lager noch Tonnen liegen und der überdies die satteste Marge verspricht. Der Anfänger hat ein total professionelles Gefühl und drei Wochen später Hüfte, Meniskus, Knöchel oder alles zusammen.
MM ist deutlich gnadenloser. Seine Kameras schießen aus allen Richtungen. Die Markierungen auf Kreuz und Knie zeigen unbarmherzig jede Fehlstellungen auf. Mit elektronischen Winkelmessern werden alle erdenklichen Verwringungen des Läuferleibs erfasst. Man will auf Grade und Ideallinien gucken, versucht sich auf die goldenen Worte des Docs zu konzentrieren, doch am Ende starrt man nur fassungslos auf die Mettwurst im Großraum-Tanga, die vom Idealbild doch erheblich abweicht.
Die erschütternden Erkenntnisse: Ich, die gefühlte Lauf-Eiche, flattere bei jedem Schritt wie eine nasse Nudel im Orkan. Ich supiniere wie Charlie Chaplin. Da wo ich Kraft, Stabilität und Anmut verspürte, regiert das Elend. Statt eines kräftigen Armhubs baumelt meine rechte Hand wie ein Bund Mettenden umher. "Fehlt eigentlich nur die Handtasche", kommentiert der Arzt, den ich bis vor 20 Sekunden für ganz nett hielt. Die einzig gute Nachricht: Faszinierend, dass dieses torkelnde Etwas überhaupt je ins Ziel gekommen ist.
Ich bitte um sofortige Löschung: Mit diesen Videos könnte MM mich bis zum Ende meiner Tage erpressen. Wie konnte ich nur in diese viel zu knappe Badehose springen? Allein das "Flappflappflapp" auf der Tonspur ist maximal diskreditierend. Denn es stammt nicht vom Auftreten.
Immerhin, die Filstift-Kreuze überall auf den Beinen halten bei gemäßigtem Einsatz von Reinigungsmitteln mindestens drei Lauftreffs lang. Zur Not kann man ja auch vorsichtig nachziehen. Die Sportsfreunde jedenfalls gucken sehr interessiert und vermuten neue Geheimwaffen. Schon aus Gründen des Selbstschutzes bleibe ich mit meinen Auskünften ungewohnt defensiv. Nur soviel: Ich mache jetzt Stabilisationsübungen, also letzte Woche jedenfalls.