Achilles' Verse: Der Supermarkt-Alptraum - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Der Supermarkt-Alptraum

Im Winter müssen Hose, Hemd und Jacke beim Laufen warmhalten. Das ist funktional, aber nicht immer hübsch anzusehen. Vor allem dann nicht, wenn man in Joggingklamotten einkaufen muss. Ein peinlicher Moment für Achim Achilles - wegen einer dem kalten Wetter geschuldeten Kleinigkeit.
Einkaufstour: Auf die richtige Kleidung kommt es an
Einkaufstour: Auf die richtige Kleidung kommt es an

Einkaufstour: Auf die richtige Kleidung kommt es an

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A3754 Sebastian Widmann/ dpa

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war grausam. Eine öffentliche Demütigung. Und Mona war wieder an allem schuld.

Es begann damit, dass die Diktatorin der Herzen mich anrief, als ich gerade aus dem Halbdunkel des Wilmersdorfer Stadions Richtung Auto wankte. Ich hatte mir ein paar stramme Temporunden vorgenommen, aber das Geläuf war glatt, die Luft saukalt und die Beine ungewöhnlich schwer. Also beließ ich es bei einigen technisch vorbildlich ausgeführten Bahnen Lauf-ABC . Ich trug meine betagten Leggings, ausgebeult wie eine gute Cordhose (Warum gibt es eigentlich keine Cord-Leggings für Läufer?) und eine knallrote Jacke, deren Atmungsaktivität durch größere Inseln getrockneter Körperflüssigkeiten massiv eingeschränkt war.

Egal, im Stadion sehen alle so aus, und in meinem Auto kann ich riechen, wie ich will. Außerdem sehen die anderen Verkehrsteilnehmer nur das obere Drittel, und das ist gerade nach dem Training meist das präsentabelste. Es ist ja so, dass Läufer in ihren seltsamen Pellen nur unter Läufern normal aussehen. Im richtigen Leben könnte man die stretchbespannten Herrschaften für Balletttänzer halten.

Skeptisch blickte ich meine schlammbesprenkelten Beine hinab, als das Handy bimmelte. Für Mona habe ich ein Froschquaken als Erkennungston gewählt, was alle lustig finden, außer meiner Gattin. "Du musst Nudeln mitbringen", befahl der Haushaltsvorstand.

"Aber ich bin in Laufklamotten, damit kann ich doch nicht in den Supermarkt", erwiderte ich.

"Die Kinder haben Hunger", sagte Mona, "im Kofferraum liegt die alte Picknickdecke. Die kannst du dir umwickeln."

Die Kinder haben Hunger - dagegen lässt sich aber auch gar nichts einwenden. Ich wollte trotzdem nicht als Trümmerfrau verkleidet in den Supermarkt.

"Koch doch Reis", schlug ich vor.

"Auch alle", erklärte die Gattin.

"Kartoffeln, Pfannkuchen?", versuchte ich, "Toastbrot mit Bolognese ist doch mal was anderes. Die Kinder werden es lieben."

Mona schwieg, was meistens schlimmer ist als eine Antwort.

Ich kapitulierte: "Na gut, Nudeln."

Es war 18.45 Uhr. Der Discounter unseres Vertrauens schloss in 15 Minuten. Der Weg dorthin würde zwölf Minuten dauern; es bestanden gute Chancen, dass ich praktisch allein zwischen den Regalen kreuzte. "Extreme late shopping" gehört zu meinen Spezialitäten. Einkaufen wird erst richtig schön, wenn übellauniges Service Personal die Hand drohend am Schlüssel hat. Edles Wild tritt nun mal spät auf die Lichtung.

Meine Hoffnungen auf privates Shopping zerstoben. Die Schlange an der Kasse war kilometerlang, und alle starrten auf meine untere Hälfte, als ich Richtung Nudelregal drängelte. Manche grinsten, andere stießen sich an und tuschelten, einige schnupperten und die Dame mit dem Kopftuch starrte entsetzt zu Boden.

Das größte Problem am winterlichen Laufen sind unkontrollierbare Körperreaktionen, die dem Läufer einiges an Selbstbewusstsein abverlangen. Denn wenige Minuten in der Kälte reichen, damit dort, wo normalerweise eine eindrucksvolle Beule das Textil wölbt, eine anatomisch unkorrekte Flachfläche entsteht. Die einstige maskuline Speerspitze erweist sich als ziemliches Weichei.

Nur durch einige Millimeter Kunstfaser vor der Frostluft geschützt, beschließt das beste Stück des Herren, sich schneckengleich ins Körperinnere zurückzuziehen. Dort, zwischen Blinddarm und Milz ist es allemal kuscheliger als draußen. Dummerweise lassen Laufhosen keinerlei Zweifel über die Rückzugstendenzen aufkommen. Das mag die mitleidigen Blicke einiger Supermarktkunden erklären. Wahrscheinlich fragen sie sich, bei welcher Sorte Unfall dieser Totalverlust vorkommt. Wurstmaschine oder so was? Dabei war ich doch nur Laufen.

Ich überlege, am Obststand einige repräsentative Früchte zu mopsen und das Vakuum damit auszustopfen. Drei Pakete Spaghetti, nebeneinander exakt in Hüfthöhe getragen, bilden zumindest mal eine Sichtschutzpalisade aus Hartweizengries.

An der Kasse muss ich dann wieder alles offen legen. Die dralle Kassiererin mustert mich wortlos, dann fragt sie: "Waren Sie etwa Laufen bei der Saukälte?" Ich nicke unsicher. "Sie sind aber ein ganz Harter, was?", sagt sie zwinkernd. Endlich mal eine Frau, die nicht nach dem ersten Eindruck urteilt.

Ab 1. Dezember öffnet Achim Achilles wieder täglich ein Türchen seines attraktiven Weihnachtskalenders  .