Achilles' Verse: "Dick oder depressiv" - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse "Dick oder depressiv"

Stress beschädigt unsere "Software" im Gehirn. Die Folge: Wir beginnen unkontrolliert zu essen. Im Interview mit Achim-Achilles.de erklärt Hirnforscher Achim Peters, wie genau es dazu kommt und welche Gefahren dies beim Sport birgt.
Gestresste Menschen: "Die Energieversorgung läuft in falsche Bahnen"
Gestresste Menschen: "Die Energieversorgung läuft in falsche Bahnen"

Gestresste Menschen: "Die Energieversorgung läuft in falsche Bahnen"

Foto: Kimimasa Mayama/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Herr Peters, wovon hängt es ab, ob wir dick oder dünn sind?

Peters: Alles geht vom Gehirn aus. Es braucht in jeder Lebenslage Energie. Sobald sein Nachschub geringer wird, löst es Hungergefühle aus und wir essen. Das Gehirn ist ein Despot und sagt: "Ich habe Vorrang vor allen anderen Organen, ich will das Beste für mich." Der Egoismus zeigt sich sogar darin, dass das Gehirn selbst dann Energie in Form von Essen anfordert, wenn die Körperspeicher bereits voll sind.

Frage: Wie kommt es dazu?

Peters: Das Gehirn ist das einzige Organ, das beim Hungern nicht abnimmt. Wie macht es das? Es aktiviert das Stress-System und zieht Energie aus den Körperspeichern von Leber, Muskeln, Fettgewebe um damit das Gehirn zu versorgen. Das nennt man Brain-Pull.

Frage: Wenn man ein intaktes Stress-System hat, bleibt man also schlank?

Peters: Genau. Menschen mit einem funktionierenden Brain-Pull kann man noch so viel Energie anbieten, die werden nicht dick, weil sie selber nur nach Bedarf essen.  

Frage: Was läuft bei übergewichtigen Menschen im Kopf falsch?

Peters: Wenn das System erkrankt ist, kann das Gehirn keine Energie aus dem Körper bestellen und ist damit in Not, unterversorgt zu sein. Der Plan B heißt dann: Essen. Also essen sie mehr. Das Gehirn ist zwar gut versorgt und dankt mit guten Gefühlen. Der Nachteil: Der Rest der Energie staut sich im Fettgewebe - man wird dick. Oder der Zucker staut sich in den Blutgefäßen und man bekommt im schlimmsten Fall Diabetes.

Frage: Wie kommt es dazu, dass bei manchen Menschen die Energieversorgung falsch läuft?

Peters: In der Regel kommen alle mit einem gesunden Stress-System zur Welt. Leider ist es kein Schalter, den man umlegt, sondern eine komplexe "Software". Dieses fein ausgetüftelte Programm stellt für jede Lebenssituation - Schlaf, Prüfung, Essen, Sport - die optimale Energie für das Gehirn bereit. Wenn diese "Software" aber gestört wird, läuft die Energieversorgung in falsche Bahnen. Der häufigste Auslöser dafür ist Dauerstress.

Frage: Was macht chronischer Stress mit dem Körper?

Peters: Im Stress braucht das Gehirn mehr Energie. Es gibt zwei Wege, damit umzugehen. Typ A passt sich nicht an, bezieht die Energie bei Stress immer aus dem Körper - und bleibt so dünn. Er hat aber die Gefahr, im Extremfall depressiv zu werden, weil die Überaktivierung des Stress-Systems immer mit schlechter Stimmung einhergeht. Wenn sich das System aber an den Dauerstress gewöhnt, ist das wie eine Feder, die ausleiert. Typ B bräuchte Energie. Das Stress-System aber hat sich zur Ruhe gesetzt und arbeitet nicht ordentlich. Also zieht man die Energie übers Essen und wird dick. In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen "Comfort Eating", tröstendes Essen.

Frage: Wie merke ich denn, dass mein Gehirn in Versorgungsnot ist?

Peters: Man spürt das Adrenalin in Form von Kribbeln und Zittern. Diese Aufregung zeigt, dass das Gehirn Energie anfordert. Wenn das Gehirn anfängt zu sparen, geschieht das immer in der gleichen Reihenfolge: Es schaltet erst mal Körperfunktionen aus, die nicht lebenswichtig sind, zum Beispiel: Wachstum, Wundheilung, sexuelle Lust, bei Frauen das Stillen. Als nächstes gibt das Gehirn in Not keine Bewegungsbefehle mehr raus; das äußert sich dann in Schwäche. Ganz zum Schluss fallen dann Hirnleistungen aus. Dann gibt's hier und da Aussetzer, man hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Sprachschwierigkeiten treten auf, manchmal sieht man quer oder doppelt.

Frage: Dieser Sparmodus, also der allmähliche Rückgang der Hirnfunktionen, ist gerade im Sport gut zu beobachten.

Peters: Im Sport ist der Deal wie folgt: Das Gehirn bekommt die Glukose und der Skelettmuskel und das Herz werden mit freien Fettsäuren abgespeist. Wenn jetzt aber ein Läufer mit einer defekten "Stress-Software" losläuft, wandert die Glukose direkt in die Muskulatur statt ins Gehirn. Die Muskeln nehmen es auf und verbrennen es. In der Zeit schlägt das Gehirn Alarm und ruft den Entscheidungszentren in der Hirnrinde zu: "Stopp: Es gibt keine weiteren Bewegungsbefehle mehr".

Frage: Jede weitere Bewegung wäre dann eine Katastrophe?

Ja. Wenn die Motivations- und Bewegungszentren melden, dass es aus energetischen Gründen nicht geht, dann spüren wir das, was im Sport oft als "die Wand" bezeichnet wird. Es geht keinen Schritt weiter. Die Befehle sind so stark, dass man nicht gegen ankommt.

Das Interview führte Frank Joung. Lesen Sie die ungekürzte Fassung auf achim-achilles.de.