Achilles' Verse: Die Diktatur der Organe - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Die Diktatur der Organe

Wunderläufer Achim Achilles würde so gerne mal wieder befreit durch den Frühling sprinten. Aber eine Verschwörung seiner Innereien verhindert Spitzenleistung: Magen, Blase und Lunge sabotieren ihn immer wieder. Doch der Tag der Rache wird kommen.
Zeichnung menschlicher Organe (1688): Sie tun nie, was sie sollen
Zeichnung menschlicher Organe (1688): Sie tun nie, was sie sollen

Zeichnung menschlicher Organe (1688): Sie tun nie, was sie sollen

Foto: Hulton Archive/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich bin ein Fall für den Sportpsychologen. Irgendwo in meiner Kindheit liegt eine unselige Konditionierung verborgen, die verhindern will, dass ich laufe. Was für Pawlows Hund die Glocke, sind für mich die Laufschuhe. Kaum bin ich in meine ultraleichten Renner geschlüpft, da begehren meine Organe auf und schreien: "Halt! Du sollst nicht laufen." Ich bin machtlos gegen die innere Verschwörung von Blase, Lunge und Magen, willenlose Trottmasse. Mein Körper herrscht diktatorisch über mich, schlimmer als Mona .

Die bösartigen Reflexe wirken nicht nur vorm Laufen, sondern auch im ICE, immer kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof, wenn die Reisenden schon an der Tür warten: Angestrengt starre ich aus dem Fenster oder denke voller Panik an das Tempotraining am Abend. Ich meditiere jede erdenkliche Ablenkung herbei, um nicht auf dieses Werbeplakat zu starren. Ich weiß, dass es da hängt, aber ich werde nicht hinschauen.

Beim Aussteigen gucke ich natürlich doch: "Prostagutt". Keine Ahnung, wozu das Zeug gut ist. Aber allein das entspannte Grinsen des Werberentners löst spontanen Harndrang aus . Tagelang hatte sich meine Blase totgestellt. Weder Bier noch Kaffee noch Eiweiß-Shake konnten sie reizen. Aber bei Prostagutt-Reklame gibt es kein Halten. Irgendwo in meinem Körper gibt es einen geheimen Detektor, der nach unten den Befehl gibt: Jetzt drücken, und zwar ohne Gnade.

Hysterisch, phlegmatisch, zickig und unberechenbar

Der freie Läuferwille existiert nicht. Der Ausdauersportler ist Geisel seiner egomanischen Organe, die vergnügt das Training sabotieren. Der Magen brennt, die Blase quetscht, die Lunge hat sich in den Geiz-ist-geil-Modus zurückgezogen. Auf die Bockbeinigkeit seiner Innereien kann der Läufer sich verlassen: Sie tun nie, was sie sollen.

Organe sind wie Vorschulklassen: hysterisch, phlegmatisch, zickig und unberechenbar. Mein Magen zum Beispiel lässt beim leisesten Zockeltrab automatisch ein Schleusentor am Ende der Speiseröhre herabfallen. Schmackige Kohlehydrat-Gels werden nicht in mein leeres Blut gepumpt, sondern stauen sich im Schlund. Ich fühle mich wie ein Pelikan, der seinen Fischvorrat im Kehlensack bunkert.

Schlimmer ist nur die Lunge. Am Start, wenn sie wohlgefüllt und ausgeruht einfach nur funktionieren soll, stellt sie die Arbeit praktisch ein. Die ersten drei Kilometer sind immer die Hölle. Mein Sauerstofflieferant fühlt sich an wie ein mit Lassoband umwickeltes Knäuel Luftpolsterfolie. Eigentlich sollten Lungenbläschen ja frischen Sauerstoff aufnehmen und großzügig in die Adern pumpen, bevorzugt in die Beine. Aber das Biest hält in ganz vielen kleinen abgeschlossenen Bläschen gammelige Altluft gefangen. Überall ist Luft um mich herum, nur in mir ballt sich ein Airbag. Mein Atem schmeckt wie altes Blumenwasser. Mit ihrer Einstellung ist meine Lunge die ideale Mitarbeiterin bei der Hotline meiner Hausbank. Nie da, wenn man sie braucht.

Neulich war in einer Triathlon-Fachzeitschrift zu lesen, dass die Lunge von zahlreichen Muskeln umgeben ist, die der Atmung assistieren. Die Blasebalg-Muckis erschlaffen angeblich noch schneller als die Schenkel. Noch bevor also die Beine schmerzen, und das geschieht ziemlich bald, ist die Lungenmuskulatur bereits am Ende. Aber wie soll man diese Muskulatur trainieren? Streckentauchen? Gewichte an die Luftröhre binden? Ballons aufblasen ?

"Du musst Yoga-Atmung machen", sagt Mona. Meine Gattin ist in diesem Frühjahr mal wieder auf dem Verknotungstrip. Je konzentrierter der Mensch atme, desto gelenkiger sei er, behauptet ihr Yoga-Meister. Aber ich bin kein Gummimensch, sondern Läufer und als solcher mit der Gelenkigkeit eines Ambosses gesegnet. Außerdem atme ich schon deswegen hochkonzentriert, weil sich jeder Zug anfühlt, als sei es der letzte.

Der Tag der Rache kommt

Mein Lauffreund Klaus-Heinrich sagt, er habe jetzt von Dreier- auf Vierer-Atmung umgestellt: Bei jedem vierten Schritt holt er Luft. Das machen Profis angeblich so. Klaus-Heinrich klingt wie ein Trecker. Ich plädiere dagegen für Atemvielfalt. Schließlich gehöre ich zur Gruppe der Situativ-Atmer: immer einsaugen, was geht. Wenn ich auf jeden vierten Schritt warten muss, ersticke ich. "Du musst auf Deine Lunge hören", sagt Mona. Unsinn. Das Gegenteil ist richtig: Mein aufgeblasener Untermieter hat mir zu gehorchen. Und die Blase soll sich ruhig verhalten und der Magen einfach nur verarbeiten. Leider halten sich die Monstren in meinem Leib nicht daran. Doch der Tag der Rache kommt: Eines Tages werde ich sie allesamt zur Transplantation freigeben.