Achilles' Verse Die miesen Tricks des Strumpfkartells
Nach landläufiger Meinung sind ja Laufschuhe besonders teuer. Oder Nahrungsergänzungsmittel wie unser geliebtes Guarana-Power-Gel. Konsultiert man allerdings die Briefwaage, wird schnell klar, wo sich die wirklichen Kostentreiber verstecken. Ein Schuh von 400 Gramm kostet 60 Euro das Stück, macht 15 Cent pro Gramm Hightech-Schaum. 40 Gramm Gel zu zwei Euro, macht ganze 5 Cent für ein Gramm Turboschleim.
Autor Grunwald ("Mythos Socke"), Socken: Teurer als Edelmetall
Foto: DPASo. Und jetzt legen wir mal Socken auf die Waage, Ultraleichtmodell, nagelneu, zu fast 20 Euro das Paar. Wiegt genau so viel wie ein dicker Normalbrief: 20 Gramm. Skandal. Ein Gramm Socke kostet einen Euro. Nur wenige Edelmetalle sind teurer, rosten aber nicht. Socken dagegen ergrauen. Und zwar sofort nach dem Kauf. Tückischer Sockenrost.
Es ist ja so, dass die perfekte Läufersocke weiß sein muss, blütenweiß. Dein Strumpfkartell nutzt diesen Weißheitsdruck nun, uns mit perfidesten Verkaufstricks zu permanentem Neukauf zu bewegen. Zum Beispiel, wenn sich die letzten Turbostrümpfe einfach aufgelöst haben. War wohl doch keine gute Idee, die Dinger nach einem staub- und schweißreichen Waldlauf eine Nacht lang in Entfärber zu legen. Diese High-Tech-Fasern sind genauso empfindlich wie italienische Fußballer. Am nächsten Morgen jedenfalls, beim In-Form-Zerren, hielt ich plötzlich zwei Sockenhälften in den Händen. Weiß waren sie nicht, dafür kaputt.
Mein Versuch, den hausfraulichen Ehrgeiz der Gattin zu wecken ("Schatzi, guck mal, das ist doch eine echte Aufgabe für Dich und Deine geschickten Finger...") endete damit, dass Mona die Fragmente kommentarlos in den Müll warf, Restmüll übrigens, denn die Plastikdinger haben eher Dioxin als einen Grünen Punkt. Verdorren auf dem Kompost in 1000 Jahren nicht. Mein Selbstversuch hatte bewiesen: Es braucht 120-prozentige Entfärbersäure, um sie kleinzukriegen.
Also her mit neuen Angebersocken. Powershopping statt Temporunning. Statt 20 mal 400 Meter auf der Bahn heute eben 30 Mal ums Sockenregal geschlichen. Welches Modell nehmen wir denn diesmal? Reinweiß? Mit zartgrauen Einsätzen? Oder diese bunten Tukan-Teile? Sonderangebote gibts auch. Leider nur in Größe 32 oder 52. Egal, trotzdem zwei Paar. Socken kann man ja nie genug haben. Erhabene Momente an der Kasse. Das Ehepaar mit der Walker-Ausrüstung guckt neidvoll auf meine edle Fußbekleidung. Tja, Ihr Moppel, sowas dürfen nur richtige Läufer anziehen.
Schon auf dem Weg nach Hause geschehen allerdings wundersame Dinge. Was im fahlen Licht des Fachgeschäfts wie ein Polarschneeweiß ausgesehen hatte, hat sich im Dunkel der Tüte in leichtes Grau verwandelt. Zuhause entdecke ich außerdem diesen Flecken, genau am Knöchel, mitten auf dem schmalen Sichtstreifen. Die Socke darf ja nicht zu hoch sein. Ästhetik und so. Engagiertes Bearbeiten mit Topfschwamm und Spüli. Mist, der kleine sehr dunkle Fleck ist zwar etwas heller geworden, dafür aber sehr viel größer.
Das retten wir noch. Vor dem Tragen müssen die Dinger sowieso in die Waschmaschine, den Fingerschweiß der Walker rauswaschen, die meine Socken im Laden heimlich berührt haben. Unsere kleinen Freunde bekommen eine Privatfahrt in der Trommel. Ökonomisch ist es nicht. Aber letztes Mal war eine weiße Bluse von Mona dabei, die auf meinen Spezial-Weißwaschgang ähnlich reagiert hatte wie Socken auf Entfärber. Dabei habe ich extra einen Schuss Edelshampoo der Gattin dazugegeben. Und einen Schuss Spülung: "Erhält die Farbe", das steht auf der Flasche. Und dann noch eine Tasse von diesem Oxy-Superplus. Fertig ist der Colgate-Cocktail. In der Kanalisation wohnen eh zu viele Ratten.
Wirklich weiß sind sie trotzdem nicht geworden. Irgendwas stimmt da nicht. Jede Wette, dass das Sockenkartell in seinen geheimen Labors eine Spezialfaser mit Autograu entwickelt hat. Sobald das Sockenpaar den Kontakt mit dem Spezialständer im Geschäft verloren hat, beginnt es unaufhaltsam zu dunkeln. Vielleicht waren 60 Grad auch zu wenig. Oder ich habe am falschen Ende gespart und zu wenig vom Oxy-Kram reingetan. Vielleicht muss auch ein Schuss Alpina Wandweiß ins Waschwasser. Irgendwie müssen die Biester doch wieder weiß zu kriegen sein.
Einen Vollwaschgang gebe ich den kleinen Biestern noch. Sonst trage ich die Reste zurück zu Sveni in den Ausdauertempel. Und wenn er sich weigert sie umzutauschen, werde ich einen Musterprozess führen, gegen das Sockenkartell. Läufer haben ein Grundrecht auf weiße Strümpfe.