Achilles' Verse: Die Renngräte und der Suppenkasper - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Die Renngräte und der Suppenkasper

Anfänger können Laktat nicht von Spagat unterscheiden, Kenner wissen es schon längst: Gute Werte sind viel wert. Kliniken bieten inzwischen Feintuning an. Der moderne Läufer hört es gerne - und eilt zur Generalüberholung. Blöde nur, wenn das Unterfangen schon auf dem Laufband ins Stocken gerät.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute ist der Tag der Wahrheit. Showdown. Keine Ausreden. Leistungsdiagnostik mit Laktatmessung. Mann oder Maus. Ich habe Angst vor der Wahrheit. Deswegen bin ich entgegen meines gewohnten blutdruckbedingten Tiefschlafs, der sonst bis zum frühen Mittag reichen kann, heute schon um halb sechs aufgewacht. Mona sägt süß vor sich hin. Manchmal stößt sie kleine Grunzer aus, so als freue sie sich insgeheim über mein Schicksal. Sie will, dass ich Werte habe wie Al Bundy. Damit sie sagen kann: "So fit werde ich mit Xco auch."

Ich werde den Test absagen. Irgendwas im hinteren oberen Knie ist nicht okay: ein Aduktorenanriss vielleicht. Außerdem spüre ich einen Druck auf dem Brustkorb. Man solle auf gar keinen Fall zum Test kommen, wenn man sich nicht fit fühle, hatten sie in der Charité gesagt. Ich fühle mich nicht fit. Aber Mona will, dass ich mich checken lasse; die Pumpe. Schon gut, schon gut: Ich geh' ja schon.

Unter "Charité" stellt man sich ein ehrwürdiges backsteinernes Gebäude vor, mit Efeu draußen und modernster Technik drinnen. Doch die Sportmedizin liegt in einer Brachialplatte in Lankwitz - könnte auch als Außenbezirk von Bukarest durchgehen. Zur Sportmedizin kurvt man durch Heerscharen siecher Zeitgenossen. Manche sitzen ohne Beine im Rollstuhl am Eingang und rauchen. Andere tragen Mundschutz, einfach so. Ich muss husten. Geht schon los. Wie soll man sich hier fit fühlen?

Im vierten Stock residiert Fernando Dimeo. Er war 1993 Deutscher Ärztemeister im Marathon. Der Doktor ist aus Argentinien und hat in etwa das Stockmaß von Diego Maradona, vom Umfang her allerdings höchstens ein Viertel. Ein Mann wie ein Vorwurf: Er wiegt höchstens 50 Kilogramm, die perfekte Renngräte. Dimeo ist nicht erst mit einem Fischer-Visum nach Deutschland gekommen. Er ist schon ewig hier, als Gegenentwurf zum mafiösen Berlin-Marathon-Netzwerk, das sich über Ärzte, Läden, Institute, Verbände, die ganze Stadt gelegt hat. Dimeo ist das St. Pauli unter den Berliner Sportmedizinern. Leider sieht es auf seinem Flur auch so aus. Die Umkleidekabine ist so groß wie ein Dixie-Klo, dafür steht eine Wanne zum Leichensezieren im Patientenbad.

Der Doktor trägt supercoole Adidas-Treter, Rapper-Ware, die sie ihm in Neukölln in drei Minuten vom Fuß gezogen hätten. Dimeo sagt poetische Sätze wie sie Guru Greif nie schreiben könnte: "Training für Marathone isse ganze einfach: viele lange Läufe auffe dere Straße unde nichte so snelle. Marathone iste wie die Ssuppe. Besteht ssu über 90 Prozente aus Wassser. Lange Läufe sinde das Wassser in der Ssuppe. Der Reste iste nichte so wichtig, nure Wasser. Zu wenige Wassser, dann bekommen wir Gulasche oder Eintopfe."

Ich soll mich obenrum freimachen. "Nichte dene Bauche einziehen", befiehlt der Doktor. Welchen Bauch denn? Ich habe schon vier Kilogramm abgenommen. "Ihre Rückenmuskeln sinde verkürzte", diagnostiziert Dimeo, "unde die Bauchemuskeln zu schwache." Na danke. Werfe ich dem Weißkittel 110 Euro in den Rachen, damit er mich mentalmäßig fertigmacht? "Isse nichte so schlimme", sagt er, "da haben wir eine Gymnastikprogramme." Der Doktor kennt meine verborgensten Dehnsüchte.

Endlich aufs Laufband. Wie früher bei Rudi Carrell. Ich bin das Fragezeichen. Was mag von mir übrigbleiben? Die aparte Assistentin nestelt gekonnt an meinem Ohr herum. Sie will Blut, mit möglichst viel Laktat. Dann zurrt sie mir eine Gummimaske über den Kopf. Legt mir einen Brustgurt an. Fesselt mich mit einem Bauchriemen. Hilfe! Fehlt nur noch, dass sie mir eine Dieter-Baumann-Maske überstreift. Und dann fallen sie in einem Kenia-Trikot aus Latex über mich her.

"Die ersten drei Minuten 8 Stundenkilometer", sagt die sachliche Assistentin, "ist das okay?". Natürlich ist das okay, Kleines. Ich bin doch kein gottverdammter Walker. Ich laufe rhythmisch, mein Atem geht ruhig, jede Zahl auf dem Computer signalisiert Kraft, Anmut und Ausdauer. Kurze Pause, das Laktat-Luder piekt ins Ohr, dann 10 Stundenkilometer. Ich federe. Pause. Pieken. 12 Stundenkilometer. Es geht gut los. Aber nach einer Weile wird es unangenehm. Ich schiele auf den Rechner. Erst 48 Sekunden. Die Maske kneift. Es riecht nach Autoreifen. Die Sekunden wollen nicht verschwinden. Aber der Streetfighter Achilles beißt sich durch.

Der Schweiß läuft, die Assistentin piekt und beschleunigt das Band auf 14 Stundenkilometer. Sie sieht aus, als ob sie das gern macht. Das wäre Monas Traumjob: ich auf dem Band und sie dreht immer schneller. Ich wetze wie ein Hase. Luft. Die Laktat-Produktion hat sich auf den ganzen Körper ausgedehnt. Ich überlege, wie man jetzt überzeugend einen Muskelfasserriss vortäuschen könnte? Eher mit einem lauten "Aahhh" oder besser durch ein kurzes gedrungenes "Ümpf"? Noch 20 Sekunden. Geschafft. Lunge, komm bald wieder.

In Sekundenschnelle gepiekt. Was früher eine Pause war, ist jetzt ein Hauch. Ich hechele. Jetzt 16 Stundenkilometer. Das Band rumpelt. Genau mein Infarkttempo. Es läuft los und reißt mich mit. Los, Achilles, keine Schwäche, zieeehhh! Das haben sie bei Sven Hannawald auch immer gerufen. Und der ist heute, egal. Weiter! Ich sauge die Gummimaske komplett leer, aber es kommt keine Luft mehr rein. Atemnot. Ich muss sterben. Ich reiße mir das verdammte Stinkeding vom Kopf. Wortlos beobachtet die Assistentin einen gescheiterten Mann und piekt ihm ungerührt ins Ohr. Ich suche die sanitären Anlagen auf. War ich gut? Naja. Schlecht war ich nicht.

Das bestätigt auch die Diagnose vom Doc Dimeo. Er hat mir sehr viele spannende Dinge über mich verraten, manche waren nicht mal peinlich. Aber sie werden mein Geheimnis bleiben. Der Tag der Wahrheit kommt. Fünf Wochen noch. "Wie war's?", fragte Mona. "Alles super", habe ich gesagt, "kein Infarkt in Sicht." Sie wird sich noch wundern.

Achim Achilles

P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse. 

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