Achilles' Verse: Ein Vierbeiner als Lauf-Bremse - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Ein Vierbeiner als Lauf-Bremse

Oh nein, eine Frau als Laufpartnerin? Wunderläufer Achim Achilles gerät schon vor dem Start ins Schwitzen - und kann dann doch aufatmen: Die angekündigte Damen-Begleitung entpuppt sich als Hund. Doch dieser erweist sich als opportunistisch, frech und liebestoll.
Hund vor Läufern: Mentales Methadon für Menschen
Hund vor Läufern: Mentales Methadon für Menschen

Hund vor Läufern: Mentales Methadon für Menschen

Foto: dapd
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Sonntagsläufe mit Claus-Heinrich gilt die goldene Regel: keine Frauen. Worüber will man auch herziehen, wenn das Objekt des Spotts nebendran keucht? Umso entsetzter war ich, als mein Laufpartner unlängst Damenbegleitung ankündigte: "Du wirst sie lieben", flötete Claus-Heinrich, "sie ist schnell und jung, sie ist schön, klug und gehorsam." Unmöglich. Als seit längerem erfolgloser Aufreißer jenseits der Mindesthaltbarkeitsgrenze war Claus-Heinrichs Urteilsvermögen offenbar eingeschränkt. Ich gedachte, eine taktische Zerrung zu nehmen.

Erleichtert sehe ich den leeren Beifahrersitz, als Claus-Heinrich mit seinem Sportwagen angeklappert kommt. Prima: Wonderwoman hat offenbar gekniffen. Doch kaum öffnet sich die Wagentür, schießt ein dunkelgrauer Fellblitz auf mich zu und hackt seine Krallen in das sensible Textil meiner Laufhose. Auweia. Ist jetzt auch Claus-Heinrich unter die Hundehalter gegangen , ein sicheres Zeichen für eine massive persönliche Krise?

Hunde sind mentales Methadon für Menschen, die ihre Familie verlassen, alle Beziehungen ruiniert und ein halbes Dutzend Therapeuten verschlissen haben, kurz: für vereinsamte Großstädter, die sich vom Tier holen, was der Mensch ihnen verwehrte, zum Beispiel Gesellschaft beim abendlichen Kettenrauchen im Park. Wer fragt eigentlich mal das Tier, wie es ihm dabei geht?

Das edle Tier hebt das Bein an meinem Kotflügel

"Er mag dich", sagt Claus-Heinrich, während der Hund seine harte Schnauze in meine Körpermitte bohrt . Schön. Leider kann ich ganz große Gefühle jetzt gerade nicht erwidern. "Gehört meiner Schwester", erklärt mein Laufpartner und klaubt sich ein angesabbertes Stück Leckerli von der Jacke: "Weimaraner. Ganz edles Tier. Ausdauernd, folgsam, ideal zum Laufen." Aha, also ein Tier wie gemacht fürs gekalkte Parkett der Bonsai-Maisonette.

Ich beobachte, wie das edle Tier sein dürres Bein an meinem Kotflügel hebt. Macht er sonst nie, wäre jetzt der typische Spruch, denke ich und überlege, mit welchen Gewürzen der Koreaner dieses Tier wohl in den Ofen schieben würde. "Macht Pippa sonst nie", sagt Claus Heinrich, lächelte verständnisheischend und schleicht sich mit der Schnappleine ans sensible Tier, das augenblicklich zum Tempolauf antritt.

"Weimaraner sind sehr individuell", zitiert Claus-Heinrich sein über Nacht angelesenes Internet-Wissen: "Erkennen Führungsschwächen, brauchen Konsequenz bei der Ausbildung und sind sehr kreativ bei der Futtersuche." Aha, mit anderen Worten: opportunistische, freche und verfressene Wesen, die sich einen Dreck um Herrchen scheren, erst recht um dessen Laufgenossen.

Mit der Schnappleine in der Hand blickt Claus-Heinrich in den Wald, wohin das Ausnahmetier verschwunden ist. Es gibt ironiesatte Hundenamen wie "Rambo", "Voltaire" oder "Steinbrück", die ruft man gern, weil sie den Namensgeber als coole Sau ausweisen. "Pippa" gehört leider nicht dazu. "Huhund!!", brüllt Claus-Heinrich ins Tannengrün. Wer sich zuverlässig zum Horst machen will, muss eigentlich nur eine Leine in der Hand halten und Bäume anschreien.

Pippa? Wo bist du nur?

Ich meine, aus der Ferne ein höhnisches Hecheln zu hören. "Komm, wir machen einen Crosslauf", schlägt der Halter ohne Hund vor, während ihm die Äste um die Ohren peitschen. Prima Idee. Aber ich stretchte mich lieber alibihalber. Kaum eine Viertelstunde später ist Claus-Heinrich zurück, mit Striemen im Gesicht und Modder bis zum Knie, das andere Ende der Schnappleine natürlich leer. "Pippa hier?", fragt er flehentlich. Nö. Inzwischen war zwar ein Dutzend zweiraumwohnungsgestörter Viecher vorbeigekommen, samt statusstolzer Vorführer, die allerlei widersprüchliche Kommandos brüllten. Aber keine Pippa.

Bilanz nach 40 Minuten: knapp 250 Meter Lauftraining für mich, Pippa verschwunden, Claus-Heinrich verzweifelt im Wald. Nun stakst eine überblonde Dame über den Parkplatz, ihren bibbernden Fiffi in der Handtasche. Die Steigerung von depressivem Großstadthund ist der autistische Accessoire-Hund. Da plötzlich schießt ein grauer Blitz aus dem Unterholz - leider Pippa. Hemmungslos paarungsbereit hechtet das Tier in die Handtasche während Claus-Heinrich entkräftet über einen Haufen Stämme robbt.

Mit spitzen Schreien wirft sich Frauchen schützend über ihre Fußhupe, während Pippa wahllos beide abschlabbert. "Er mag Sie!", rufe ich hundekundig während sich Claus-Heinrich in pazifistischer Absicht auf die drei stürzt. Wenig später sind Mensch und Tier entwirrt, Pippa legt tiefenentspannt einen royalen Haufen auf den Parkplatz und Claus-Heinrich schiebt der Blonden seine Visitenkarte zu, angeblich wegen der Versicherung. Ich werde dann mal ins Fitness-Studio fahren. Da sind Hunde verboten.