Achilles' Verse: Fett wie ein Flusspferd - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Fett wie ein Flusspferd

Achim rennt am liebsten alleine. Dann ist er immer der große Sieger. Leider bringt das auf Dauer leistungsmäßig nichts. Also rein in die Laufgruppe - und am liebsten gleich wieder raus. Denn unser Wunderläufer ist empfindlich und will nicht gehänselt werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern war wieder Trainingsgruppe. Der Auftrag für die Woche lautete: dreimal laufen, über eine Stunde, am Wochenende gern länger. Sonst nichts. Keine Zeiten, keine Kilometer. Das war ein Charaktertest. Wer war faul, wer ein Streber? Ich habe es genau richtig gemacht: Mittwoch 63 Minuten, Samstag 67 und Sonntag praktisch eineinhalb Stunden, wenn man ausgiebiges Stretchen und eine Hockpause im Wald mitrechnet.

Lange her, dass ich derart konsequent gelaufen bin. Was mich trieb, war die nackte Angst vor Montag, wenn wieder Laufgruppe ist. Was geschieht, wenn diesmal der Körperfettanteil gemessen wird? Öffentlich, mit laut vorgelesenen Zahlen, die beklatscht werden. Bei mir werden die Messinstrumente versagen. Auf Flusspferde sind sie nicht eingestellt. Tödliches Schweigen. Keiner klatscht.

Mein Leben wird transparent werden. Der Ausbilder mit seinem Klemmbrett zählt jeden meiner Schritte. Es wird nicht nur mein aktueller Leistungsstand festgehalten, sondern auch die Entwicklung, oder, viel schlimmer, keine Entwicklung. Wie soll ich mich da noch selbst betrügen, wenn ich doch so gern auf mich hereinfalle? Meine einzige Chance: Ich mache den Woody Allen und kultiviere das Letzter-Sein zum Inhalt meines Läuferlebens. Aber komisch wird das nicht.

Wir treffen uns im studentischen Sportzentrum, unweit vom Mommsenstadion. Mannschaftsbesprechung. In dem Flachbau riecht es wie im katholischen Jungen-Internat zur Brunftzeit. 18:29 Uhr. Heute bin ich pünktlich. Trotzdem der Letzte. Es starren mich an: zwei Damen Mitte 40, eine magerer als die andere, himmelblaue Laufjacken von Aldi. Die beiden haben bestimmt richtig was drauf, würden es aber nie glauben, weil ihnen ihre Männer seit Jahren einhämmern, dass sie nichts können außer Shoppen. Ihre Kinder pubertieren unerträglich. Laufen als Emanzipationsversuch.

Neben ihnen ein älterer Herr, der aussieht, als habe er sein ganzes Leben an der Theke gelehnt. Zwölf Kilogramm zu viel. Spricht einen Dialekt, der nach Gaumenherpes klingt, aus irgendeinem Ostwald. Daneben ein superkorrekt Gescheitelter. Ende 30, Single. Fummelt am Blackberry herum. Läuft den Kilometer unter vier Minuten, wie er vergangene Woche unbedingt vorführen musste. Idiot. Daneben Mutter und Tochter. Thermoskanne vor sich, Schreibblock, beide Nasenbrilli. Tuscheln. Unsicheres Kichern. Die sind scharf auf mich, beide, jede Wette. Neben mir ein unrasierter Zausel, bestimmt älter als ich. Und dicker. Und langsamer. Der ideale Gegner. Besiegbar. Ab sofort mein Feind.

Ausbilder Karraß klopft auf sein Klemmbrett. "Bitte kurze Vorstellung und Euer Ziel für dieses Jahr", befiehlt er, "Achim fängt an." Ich? Wieso ich? "Ja, also", hebe ich an, "meine Frau, äh, hat mich hier..." - oh nein, ich Trottel. Sollte ich zugeben, dass die Gattin mich angemeldet hatte, wie einen schwererziehbaren Bengel beim Malkurs? "Äh, meine Frau hat mich hier im Stich gelassen, die wollte eigentlich mitmachen", flunkerte ich, "aber nun ist sie schwanger." Anerkennendes Nicken. Mutter und Tochter gucken enttäuscht. "Ja, also ich bin Achim, schon länger 40 und würde gern den Hamburg-Marathon mitlaufen." Noch anerkennenderes Nicken. "Dieses Jahr", ergänzt Klemmbrett-Karraß. Die Runde lacht. Brüllkomisch, wirklich.

Dann sind die anderen dran: Die beiden Frauen sind frustrierte Ehefrau mit frustrierter Single-Freundin und tun so, als sei ihr geplanter Halbmarathon eine übermenschliche Herausforderung. Der Blackberry-Heinz ist bei einer Versicherung und will Marathon in Berlin laufen. Der Alte ist von seinem Arzt geschickt und will gar nichts, nur nach Hause. Mutter und Tochter wollen die zehn Kilometer auf dem Ku'damm im Sommer bestehen. Der Zausel neben mir ist so wie ich: verzweifelt auf der Suche nach dem inneren Feuer. Hauptsache, er bleibt langsamer als ich.

Der Ausbilder verteilt Trainingspläne. "Mindestens viermal die Woche", droht meiner, besser fünf. Mindestens einmal über zwei Stunden. Einen Tag kurz und Tempo auf der Bahn, einen lang und Tempo auf der Straße. "Ob ihr was getan habt, das sehen wir hier jeden Montag", bellt der Coach. Ich und der Zausel, wir starren uns an: Hatten wir Geld und Zeit investiert, um wieder zurück in die Schule zu müssen? Wir versuchen ein Lächeln. Es gefriert, als das heutige Pensum bekannt gegeben wird. "So, und jetzt los, auf eine kleine Aufwärmrunde. Und dann fünf Kilometer richtig zügig." Mir ist schlecht.

Mehr lesen über