Achilles' Verse Fieser Schmirgelschmerz
Von den vielen Konstruktionsfehlern, unter denen die Spezies Frau zu leiden hat, ist einer besonders grausam sichtbar. Vor Jahrmillionen hat die Natur diese Beulen konstruiert, als Lagerstätte, um Fettreserven zu bunkern. Für die Eiszeit waren sie praktisch, diese Taschen an den Oberschenkeln, gleich unter den Hüftknochen, so wie Extratreibstofftanks an einer Rakete. Leider können Frauen sie nicht abwerfen. Die prächtigsten Exemplare sieht man in Nachmittags-Shows ("Wie kriege ich meine Satteltaschen vom Bein ans Fahrrad?") oder bei Walkerinnen, was ja eine ähnliche Klientel ist.
Zu mir war die Natur noch grausamer. Denn bei mir sind die Beulen innen angebracht. Man stelle sich Cargo-Hosen mit Taschen am Innenschenkel vor. Ein selten dämlicher Platz. Da sieht man sie zwar nicht so. Aber man fühlt sie, und zwar spätestens nach zwei Kilometern. Wenn der Schöpfer gewollt hätte, dass man sich vor jedem Lauf einen Doppelzentner Vaseline zwischen die Beine schmiert, dann hätte er auch eine Lösung mitgeliefert, wie man den Schlonz aus Fett, Haaren, Körpersekreten und Schlimmerem wieder wegbekommt. Monas Munddusche ist ein halbwegs funktionierender Intim-Kärcher. Ich werde das Zeug an George Bush verkaufen. Kaum haben die Amis die ersten Schlonzbomben über Teheran abgeworfen, wird dieser Durchgeknallte um Gnade winseln.
Neulich war ich mal wieder zu einem Zwei-Stunden-Lauf unterwegs. Am denkbar weitesten Punkt von zuhause passierte es: "Krrck" macht es, genau im Schritt. Glückwunsch, Asics! Am linken oberen Oberschenkel zeigte sich das Material ziemlich ermüdet. Kleine schwarze Rubbelchen hatten schon seit Monaten schwerwiegende Reiberei angezeigt. Jetzt klaffte da ein Riss. Ich lief einfach weiter. Aber nur 20 Sekunden. Es scheuerte wie Schmirgelpapier. Brannte wie eine Ohrfeige von Mona. Auf der Größe einer 20-Cent-Münze hatte sich meine zartrosa Schenkelhaut blitzartig in blutiges Karmin verwandelt. Feueralarm.
Ich versuchte, den Schenkelkontakt zu minimieren. Breitbeinig laufen wie ein gottverdammter Bodybuilder ist ausgesprochen anstrengend. Erste Hilfe auf einer Parkbank. Ein heiles Stück Stoff musste an die Stelle des Lochs. Ich riss den Reißverschluss an der Wade auf und zog das Hosenbein hoch bis übers Knie. Den Rest zerrte ich Richtung Leck. Dummerweise sind die elenden Männerstrumpfhosen auf Maß geschnitten. Nur mit äußerster Gewalt und unter fortgesetztem Knacken im Textil war die Operation zu vollenden.
Ich lief weiter. Ein Bein lang und schwarz, eins hühnerhäutig weiß - na und? Dafür endlich Entspannung im Schritt. Aber nicht lange. Kaum zwei Minuten später war das Elastobein wieder hinabgerutscht. Auf der nächsten Bank riss ich meine Nylons empor. Zwei Spaziergänger taxierten mich aus sicherer Entfernung. Jede Wette, sie hielten mich für eine Ich-AG auf dem einsamsten Transenstrich der Welt. Ich zerrte die Hose hoch und hoffte auf eine Scheuersenkung. Ich lief weiter. Eine Hand hielt den Stoff. Für Außenstehende könnte es aussehen, als kratzte ich mir unablässig am Gemächt. Nichts lag mir ferner. Aber wie erklärt man das im Vorbeilaufen?
Mir fiel der Witz ein, den mir Klaus Heinrich neulich erzählte: Wer hat das Walken erfunden? Das waren Hausfrauen aus dem südosteuropäischen Kulturkreis, die ihren Männern die langen Stöcke in die Hände gaben, damit sie endlich aufhörten, sich fortwährend in der unteren Körperhälfte zu lausen. Leider war mir nicht zum Lachen. Und wie sieht das außerdem aus, wenn man mit einer Hand im Schritt auch noch dümmlich grinst?
Es brannte immer schlimmer. Aber was sollte ich tun? Nach Hause laufen? Unmöglich. Spaziergänger um ein Handy bitten und Mona um Abholung anbetteln? Welche Schmach. Einfach stehen bleiben? Und dann? Verhungern? Es gab nur eine Chance. Die S-Bahn-Station Nikolassee, vielleicht zwei Kilometer entfernt. Meine Schutzkonstruktion hatte sich längst wieder aufgelöst.
An der nächsten Bank zog ich die Buxe mit aller Kraft in die Höhe und versuchte sie, gemeinsam mit meiner Unterhose zu einem Wurstknoten zu verdrehen. Die Technik trug über einen knappen Kilometer. Immerhin war ich unheimlich schnell. Auf dem S-Bahnsteig fand ich eine "Zeit". Tolles Blatt. Keine Ahnung, was drin stand. Aber die Größe war prima. Meine hochschwangere Mona fing mich auf, als ich nahezu bewusstlos in unsere Wohnung taumelte. "Was ist?", fragte sie. Ich zeigte ihr wortlos das rohe Fleisch. So besorgt wie in diesem Moment hatte sie mich lange nicht mehr angeschaut.