Achilles' Verse Günther und die Latex-Nummer
Fußball-Nationalspieler: Training mit Gummibändern
Foto: OLIVER LANG/ AFPHallo Houston? Ich habe ein Problem. Und zwar mit der Studie Eurer Universität. Noch so eine Untersuchung, und wir schicken unsere studentischen Besetzungsprofis. An 17.000 Probanden wollen die Forscher nachgewiesen haben, dass Männer über 45 dramatisch an Leistungsfähigkeit einbüßen . Bacheloretten-Schnickschnack. Ich bin topfit. Dieses Jahr war vollgepackt mit Erfolgserlebnissen . Und die Bestzeiten werden auch nächstes Jahr wieder purzeln, obwohl ich dann schon jenseits der Demarkationsgrenze laufe.
Wenn Houston allerdings Recht haben sollte, setzt gleich nach Weihnachten der Leistungsschwund ein. Tatsächlich, die Oberschenkel fühlen sich schon deutlich quarkiger an als noch im Frühjahr. Und Mona meinte neulich im Jeans-Laden anmerken zu müssen, dass ich die Hose doch lieber eine Nummer weiter nehmen solle, oder besser gleich zwei. Die rachitische Verkäuferin kicherte völlig unangemessen. Dabei habe ich nur etwas dickere Haut. Das ist völlig normal um diese Jahreszeit. Winterhaut eben.
"Du musst Aqua-Gymnastik machen", sagt Mona, "das stabilisiert den Rumpf." Ja klar, "Polonäse Blankenese" im Pool, mit Blümchenbademütze und Schaumstoffstange zwischen den Schenkeln. "Was macht ihr denn so beim Training?", frage ich Hans, meinen Sohn. Vielleicht hat der Handball-Nachwuchs ja ein paar Tricks zur Express-Fitness. Hans sagt "Hä?" und pult sich die Kopfhörer aus den Ohren. "Training?" wiederhole ich. "Stabis! Stabilisierungstraining!", antwortet er. So ausführlich haben wir uns schon lange nicht mehr unterhalten.
Dafür ist meine Leber deutlich leistungsfähiger
Rumpf ist also gerade angesagt, Stabilisierungsstraining für die Körpermitte. Aber wofür braucht der Läufer einen Rumpf? Herz, Lunge, Beine - fertig. Alles andere ist Dekoration, nur überflüssiges Gewicht. Ich blättere in der alten "Triathlon", die seit Monaten ungelesen auf dem Klo liegt, um Besuch zu beeindrucken. In einem Beitrag über den Ironman-Dritten Timo Bracht wird die Lendenkräftigung gepriesen. Bracht habe damit seine Schrittlänge um 20 Zentimeter vergrößert. Auf 1000 Schritte ist mir Bracht also 200 Meter voraus. Soll er haben, den Triumph. Mir egal. Dafür ist meine Leber deutlich leistungsfähiger.
Es bleibt das ungute Gefühl, dass bestimmte Körpergegenden noch gewaltige Leistungsreserven bieten. In einem Anfall von Trainingswut springe ich mal wieder in den Pool meines Fitnessstudios; das hilft dem Rumpf auch. Die Aqua-Gymnastinnen sind zum Glück schon eine Weile aus dem Wasser. Aber ihre Parfumwolke hängt immer noch über den Wellen. Bei jedem Atemzug sauge ich Omis Duft in die Lungenspitzen. Mit Tosca kommt die Übelkeit.
Plötzlich steht Heike am Beckenrand. "Du brauchst mehr Spannung im Rumpf", sagt die Schwimmtrainerin der Herzen. Ich wittere eine Verschwörung. Haut doch alle ab. Mein Rumpf gehört mir. Aber wie lange noch? "Du brauchst Günther", entscheidet Heike. Günther? Welcher Günther? Netzer? Jauch? Der mit dem DingDingDong ?
"Wir machen mit dem Band gleich mal was Schönes"
Zwei Minuten später steht Günther vor mir. Noch so ein Mann, der apportiert, wenn Heike schnippt. "Du hast Rumpfprobleme?", fragt er. Nicht, dass ich wüsste. Günther sieht aus wie Erich Deuser, jener Physiotherapeut, der den Bundestrainern Sepp Herberger und Helmut Schön massierend zur Seite stand. Knete-Erich erfand das sportive Gummiband, das früher aus zusammengeknoteten Weckgummis bestand und heute aus schmacko Latex in vielen modischen Farben. "Wir machen mit dem Band gleich mal was Schönes", sagt Günther, "an der Sprossenwand."
Interessanter Ansatz. Vielleicht will er mich fesseln. Und dann mit Rotkäppchen-Sekt gefügig machen. Klingt spannend, auch wenn ich mir das Rumpftraining anders vorgestellt hatte. Der Tosca-Rausch hatte mich eh schon fast bewusstlos gemacht. Nun also Günther. Vor dem Spind überlege ich, was ich für ihn anziehen sollte. Das schwarze Top? Die schwarze Leggings? Klar. Habe ja eh' nichts anderes dabei.
Günther wartet schon an der Sprossenwand. Nebenan liegt eine 70-Jährige und schafft exakt einen Sit-up pro Minute. Sie schnauft erbärmlich. Die 45-Jahr-Schwelle liegt exakt ein Vierteljahrhundert hinter ihr. Ich habe Angst. Ich will nicht älter werden, schon gar nicht 46. Vielleicht kann mir Günther ja doch helfen. Er lächelt. Ich füge mich in mein Schicksal.
Nächste Woche lesen Sie im zweiten Teil der Latex-Lust: "Achilles' Kampf mit dem Deuser-Band".
Achilles' Adventskalender : Ab sofort verlost der Laufgott jeden Tag Preise, die Läufer glücklich machen. Der Hauptgewinn ist eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik.