Achilles' Verse Hackfleischkrümel als letzte Rettung
Hackfleisch: Ohne Dinkel, dafür oftmals lecker
Foto: dapdGestern habe ich den letzten Joghurt zum Sondermüll gegeben. Der Schimmel hatte das Glas ausgekleidet, vom Rest der Welt vergessen dämmerte die Dezemberware in der letzten Ecke des Kühlschranks vor sich hin.
Joghurt gehört zu den Lebensmitteln aus meinem alten Leben, als noch keine Läuferdiät mein Leben trübte: Jetzt ist alles von Kuh und Schwein verboten, Weizenartiges, Zucker sowieso. Die Kinder bestehen inzwischen darauf, die Mahlzeiten ohne mich einzunehmen, weil ich so gierig auf ihre Nudeln starre. Manchmal klaute ich heimlich Hackfleischkrümel von ihren Tellern.
Weil Training nicht hilft, wird der Läuferleib zu Beginn der neuen Saison einer hammerharten Schrumpfkur unterzogen, die den krankhaft übersäuerten Lotterleib in ein federleichtes, basisches Hochleistungssystem verwandeln soll. Die Säuernis, die dem Körper entweicht, legt sich allerdings umgehend auf die Seele.
Das basische Leben, obgleich von Paracelsus wie Doktor Strunz gleichermaßen propagiert, richtet mentale Verwüstungen an. Seitdem ich meinen Läuferkörper überwiegend mit Gemüse und Dinkel und nur an Feiertagen mit einer Messerspitze Fisch befülle, dringe ich in Untiefen vor, die ich niemals hatte kennenlernen wollen. Wenn der Speiseplan vorwiegend aus Dingen besteht , mit dem man nicht mal seine ärgsten Laufrivalen bewerfen würde, sind Bestleistungen schlicht nicht möglich - oder doch? Die zwei Kilogramm weniger helfen immerhin beim Sprung in die Winterlaufhose, deren Nähte bislang ziemlichen Zerreißproben ausgesetzt waren.
Selbst wenn der frugale Fraß tatsächlich meinen Dinkel-Turbo anwerfen sollte, ist der Weg dorthin doch mit Erniedrigungen gepflastert. Zum Beispiel der Besuch im Bio-Supermarkt, idealerweise kurz vor Ladenschluss, wenn niemand mehr in meinen weidengewirkten Einkaufskorb lugen kann: Dinkelflocken, Dinkelnudeln, Dinkelbrot - fehlt nur noch Dinkelwodka. Hatten wir nicht sogar mal einen Außenminister, der Dinkel hieß?
Mit Dinkel durch dick und dünn
Dinkel soll ja ein Zauberzeug sein, wie gemacht für den menschlichen Körper, weil schon die Neandertaler ihre Semmeln daraus wirkten. Der Weizen dagegen kam vergleichsweise spät auf den menschlichen Speiseplan, weshalb die Darmzotten noch heute rebellieren. Dinkel ist der Landrover unter den Getreiden, der kommt überall durch, Weizen dagegen ist der Alfa Romeo, der einfach überall liegen bleibt. Also mit Weizen geizen, was bedeutet: Beim deutschen Kettenbäcker verhungert man schlichtweg. Tatsache ist: Man nimmt nicht wegen des Dinkels ab, sondern wegen dessen Mangel.
Die Verdinkelung des Lebens führt zu seltsamen neuen Freundschaften. Will man wirklich ein verschwörerisches Augenzwinkern von der pensionierten Studenrätin einheimsen, die an der Kasse des Bio-Supermarkts mit drei Fenchelknollen, einer Flasche Möhrensaft und zwei Litern linskdrehenden Marienwassers vor einem steht? Andererseits: Ein schneller Flirt hätte seinen Reiz, vor allem wegen des Karottensafts. Ich starre auf den ausgeprägten Damenbart der Kassiererin.
Ich würde sogar mit ihr ins Kino gehen, wenn ich nicht mehr diesen Schleim zum Frühstück essen müsste. Wer jemals Dinkelflocken mit heißem Wasser in den basenfrohen Magen gedrückt hat, der würde lieber mit den Zähnen plattgetretene Energieriegel von der Marathonstrecke nagen. Dafür schmeckt der basische Tee wie ein aufgebrühter Adventskranz - Kerzenreste inklusive.
Letzter Ausweg Pizzaservice
Neulich habe ich meiner Familie mal wieder ein Abendessen bereitet, eine Läuferpizza auf Dinkelmehlbasis mit Zucchini und einem Hauch von Thunfisch. Der Teig war zu kneten, bis er nicht mehr klebte, so hatte es das Rezept befohlen, dummerweise klebte er aber mit jedem Walken stärker. Erst mit Hilfe einer ordentlichen Portion Weizenmehl ließ sich die Klebe wieder von den Fingern entfernen.
Nach einer halben Stunde im Ofen war das Ding zwar immer noch weiß, aber dafür hart wie Beton. "Hmmjam, gar nicht so schlecht", sagte ich, ausgehungert nach drei Wochen Dinkelterror. Mona schüttelte ihren Kopf und rief Hugos Pizzaservice an, was immer noch günstiger war als die streng ökologischen Zutaten für den Betonklotz, den ich am nächsten Tag unauffällig in den Müll habe gleiten lassen.
Immerhin: Das Laufen geht seit einigen Tagen verdächtig locker vom Fuß, trotz sibrischer Witterung. Hat das aber wirklich mit dem Dinkel zu tun? Oder vielmehr mit der Lust, an Frittenbuden, Dönerständen und Burgerbratern vorbeizulaufen, um zumindest den Duft des herrlich Ungesunden einzusaugen?