Achilles' Verse: Im Visier des Schinders - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Im Visier des Schinders

Anscheinend hat es Achim Achilles zu weit getrieben. Der Anführer der Laufgruppe setzt unseren Kolumnisten jedenfalls ordentlich unter Druck. Oder ist dies nur die etwa derbere Art des Schleifers, seine Liebe zu zeigen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern Morgen rief der Trainer an: Klemmbrett-Karraß. Ob ich denn zum Laufen käme. Klar, sagte ich. Wir müssen reden, sagte er, über Dich. Mich, stammelte ich, da gibt es doch nichts zu reden. Doch, sagte er, heute Abend mehr. Ach Du Elend, dachte ich. Er hat's gemerkt. Ich war nicht bei der Sache. Ich war nicht Deutschland, nicht der Baum, nicht mal Berti Vogts, der Terrier, der sich zumindest die Lunge so lange aus dem Hals wetzt, bis er umfällt. Ich absolvierte das Lauftraining eher wie Zahnarzt.

Laufen und Psyche, das ist eine vertrackte Liaison. Man fängt an zu laufen, um sich zu entspannen, allein zu sein mit sich und seinen Gedanken und der Natur, solange diese nervösen Spechte nicht so rumhacken, es sei denn, sie übertönen das hinter jeder Kurve dröhnende Fachgespräch der Walker darüber, in welchem nahe gelegenen Café es die größten Tortenstücke gebe.

Man läuft also ein paar Monate durch die Gegend, und erfreut sich des Umstands, dass man dieser elenden Wettbewerbsgesellschaft mit ihrem Druck und Stress für einen Moment entkommen ist. Doch irgendwann wird es langweilig, ganz ohne Stress. Immer die gleiche Route, immer das gleiche Tempo. Möglichkeit eins: aufhören. Möglichkeit zwei: weitermachen, aber widerwillig, und wenig später aufhören. Möglichkeit drei: weitermachen und hospitalistisch werden. Möglichkeit vier: Challenge, Thrill, Action. Laufen gegen die Zeit.

Das ist die Falle, in die ich getappt bin. Sobald man anfängt, gegen die Uhren zu laufen, kann man nicht mehr gewinnen. Druck, Stress, Gefangener der Polar-Uhr inmitten eines Piranha-Schwarms. Gegen eine Laufgruppe ist der intriganteste Büroklüngel ein Kindergeburtstag. Nirgends ist die soziale Ausgrenzung brutaler. "4:26 Minuten auf 1000 Meter?", sagt der Sportsfreund lächelnd, "nicht schlecht." Hinter dem nächsten Baum wiehert er sich scheckig. Jeder Personalchef wäre glücklich, könnte er stoppuhrgestützt einen solchen Druck in seinem Laden erzeugen. Läufer brauchen keine Chefs. Sie quälen sich selbst schon genug. Der Läufer ist die Speerspitze der neoliberalen Gesellschaft: leistungsgeil, rücksichtslos gegen sich und den Rest der Welt, das Leben eine Excel-Tabelle.

Und wenn er nicht spurt, ja, dann kommt der Trainer. Mir war ein wenig unwohl, als ich zum Training fuhr. Ich hatte Brahms' "Deutsches Requiem" eingelegt. Ich ging noch mal alle möglichen Ausreden durch. Das Knie? Hatte ich erst vor zwei Wochen. Der K.u.k.-Virus von Karl? Auch noch nicht lange her. Nahende Erkältung? Erst letztes Mal. Wir schrubbten brav fünf Mal unsere 1000 Meter. Ich setzte beim Zieleinlauf ein besonders verzerrtes Gesicht auf, als sichtbaren Ausweis meines Engagements.

Nach dem Training bat mich Klemmbrett-Karraß in ein Kabuff unterm Stadion. "Alles klar, Achim?", fragte er. "Ääh, ja", sagte ich. Wann ist schon alles klar? Nie. "Ich will nicht lange rumquatschen", sagte er. Gut, dachte ich. "Ich habe Dich jetzt sechs Wochen gesehen und glaube, dass Du mehr kannst." War das ein Kompliment oder ein Trick? "Aha", sagte ich. "Du hast nur ein Problem, Achim", sagte er. Nur eines. Da war ich aber froh. Das passte noch locker in meine Problemsammlung. "Du brennst nicht, Achim", sagte er. "Meine Beine brennen", entgegnete ich launig. "Bleib' mal ernst", sagte Klemmbrett, "nimm das Training ernst, nimm die Gruppe ernst, nimm Dich ernst."

Auweia, dachte ich, lieber nicht. "Laufen soll Spaß machen", sagte ich. "Ja", sagte Klemmbrett, "aber es macht nur Spaß, wenn man sich Fortschritte erarbeitet. Stillstand macht keinen Spaß. Und da schlummert noch sehr viel bei Dir. Mehr wollte ich Dir gar nicht sagen. Komm gut nach Hause." Ende. "Ja, ääh, danke", sagte ich und stapfte an die Luft. Was war die Botschaft? Hatte Klemmbrett womöglich Recht, obwohl er aus dem Osten kommt? Hatte ich Ernst mit Verbissenheit verwechselt und Spaß mit Sarkasmus? Klaus Heinrich hatte mir mal von einem Managerseminar erzählt, wo die Herren sich gegenüber aufstellen mussten, um sich abwechselnd zu fragen: Was willst Du wirklich? Immer wieder: Was willst Du wirklich? Am Ende heulten alle und wollten nur Anerkennung.

Auf dem Weg nach Hause spielte ich das Managerspiel. Was willst Du wirklich? Dass es nicht wehtut. Was willst Du wirklich? Schneller werden. Was willst Du wirklich? Noch schneller werden. Was willst Du wirklich? Erfolg haben. Was willst Du wirklich? Ja ja, schon gut, am Ende kommt immer "Anerkennung" raus. Das heißt, jeder läuft nicht für sich, sondern für andere. Konnte man auch anders laufen, nur mit sich, für sich, gegen sich? Meister Klemmbrett hatte mir eine Zen-Aufgabe gegeben. Ich begann, mich darin zu versenken.

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