Achilles' Verse: Krieg am Küchentisch - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Krieg am Küchentisch

Achim Achilles ist zwar kein gewöhnlicher Mensch, eines teilt er aber mit vielen anderen: Er muss essen. Bedauerlicherweise gibt es zwei Schwierigkeiten: Unser Wunderläufer darf nicht alles zu sich nehmen - und auch nicht so viel, wie in seinen Zauberkörper hinein geht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die drei größten Bedrohungen des Läufers sind trainingsfreie Tage, Ehepartner und das Kohlehydrat an sich, das ja im Gegensatz zu den beiden erstgenannten nie allein auftritt, sondern immer in unkontrollierbaren Horden. Am schlimmsten ist es dienstags. Dann kommen alle drei zusammen. Dienstag ist der einzig trainingsfreie Tag der Woche, mein Sabbat. Aber leider nicht mein Ramadan. Ich muss essen, viel essen. Denn ich habe immer noch ein unglaubliches Loch im Bauch, das das schwere Training am Wochenende hineingerissen hat.

Dienstag ist Foltertag. Kaum trete ich frühmorgens aus der Tür und will Brötchen holen, wetzt der erste an mir vorbei. Ich grüße. Er nicht. Klar. Ich bin ja auch nicht als Ordensbruder zu erkennen. Jeans statt Funktionsfaser. Normalbürger. Der wird nicht gegrüßt. Komme ich vom Bäcker, trabt ein Pärchen auf der anderen Straßenseite entlang, fröhlich schwatzend, schlank und fit. Sie verbrennen die Kohlehydrate, die ich soeben in der Tüte nach Hause trage, um sie mir an die Hüften zu flanschen. Ich gucke an mir herab. Schwupp, ist die Wampe weg. Baucheinziehen ist ein Reflex. Aber ich weiß, dass er sich da irgendwo versteckt, der Sausack. Ich dosiere die Marmelade (Rhabarber-Limette) nanodünn auf die obere Mohnhälfte. Meine schwangere Mona stopft bereits das dritte Brötchen in ihren bewohnten Bauch. Ich will auch schwanger sein. Jedenfalls dienstags. Und am Mittwoch ist der Ranzen wieder weg.

Gnnrrr, sagt mein Bauch. Eineinhalb Brötchen müssen reichen. Ich pule gierig ein paar Körner von Monas Wellness-Semmel, dieses lüsterne Luder, das da so aufreizend aus dem Korb lugt. Nimm mich, schreit sie wortlos. Mona schweigt. Guckt nur. Grinst. Würde sie wenigstens was Gehässiges sagen. Dann könnte ich zurückblaffen. Auf dem Weg ins Büro sehe ich Horden von Läufern, die in den Tiergarten biegen. Alle laufen. Nur ich nicht. Ich spüre, wie die Kohlehydrate in mir lachen. Morgen seid ihr dran, Jungs, das schwöre ich euch.

Einen Tag in der Woche muss der Körper zur Ruhe kommen, sagt Klemmbrett-Karraß. Und was ist mit dem Kopf? Der will gar nicht zur Ruhe kommen. Der will sein schlechtes Gewissen loswerden. Nicht-Laufen-Dürfen heißt Nicht-Essen-Dürfen. Läufer sind wie Models. Immer zu schwer, selbst dann, wenn der Fön sie schon wegpustet. Ich bin nicht Deutschland, ich bin Achim Moss-Hilton.

Neulich habe ich beim Aufräumen im Auto unter dem Beifahrersitz ein Eispapier aus dem Sommer vergangenen Jahres gefunden. Sah aus wie neu. Solche Sachen sind ja zum Glück voll mit Konservierungsstoffen, was sich gerade in Notzeiten bewährt. Immerhin habe ich es nicht abgeleckt, sondern mich darauf beschränkt, die Schokoladenkrümel abzukratzen. Man kommt mit der Zunge nur so schlecht unter den Fingernagel.

Dienstage sind Pfundstage. Vor allem wegen Mona. Sie kocht weder gern und gut. Aber immer dienstags. Karl hat lange Schule und dann noch Sport. "Und der Herr Superläufer ist ja auch mal ausnahmsweise zuhause", sagt sie. Die drei Gerichte, die sie fehlerfrei hinbekommt, bestehen zu nahezu 100 Prozent aus Kohlehydraten: Nudeln, Reis, Kartoffeln. Steht das Gift erstmal auf dem Tisch, langt man natürlich zu. Ich will vier Kilogramm Brokkoli. Aber Mona nicht. Also habe ich eingeschärft, mir immer nur kleine Portionen zuzuteilen. Nudeln kann man ja auch mal ohne Nachschlag essen. Dummerweise hält sich die Frau auch daran. Wenn Karl sich zum dritten Mal nachnimmt, taxiert er mich mitleidig, weil ich die getrockneten Bruchnudelreste vom Schüsselrand klaube.

Schlimmer ist nur der Kartoffelkrieg. "Du wolltest doch nur zwei", belfert Mona, wenn ich ein hauchdünnes Scheibchen von jenem armen, kleinen Erdapfel schabe, der da wehrlos und völlig vereinsamt in der weiten Kälte der Schüssel liegt. "Aber nicht zwei so kleine", entgegne ich beleidigt. Mona grinst wieder. Beim Kartoffelkauf verwendet sie ihren ganzen Ehrgeiz darauf, nur die für mich zu kaufen, die wegen Kleinwuchs sogar durch den Rost im Bioladen gefallen sind. Jetzt mache ich schon den ganzen Haushalt. Soll ich auch noch einkaufen gehen? Dann kriegt die Frau ja überhaupt keine Bewegung mehr.

Spätabends, wenn Mona und Karl schlafen, mache ich noch mal eine Kohlehydratkontrollrunde durch die Küche. Sauge wie das Heinzelmännchen alle Krümel aus dem Brotkorb. Leider haben sich seit vergangenem Dienstag nicht viele angesammelt. Entkräftet falle ich ins Bett. Ich träume von Käsebrötchen auf kurzen dicken Beinen. Sie laufen weg vor mir. Ich immer hinterher. Vergeblich.

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