Achilles' Verse: Kriegserklärung per Weihnachtsgeschenk - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Kriegserklärung per Weihnachtsgeschenk

Achim Achilles ist ja ein kritischer Zeitgenosse - vor allem was die Unterstützung durch Gattin Mona angeht. Die kann es ihm nie recht machen. Und wenn doch, passt es dem Wunderläufer auch nicht. Aber manchmal gibt es selbst für den härtesten Burschen kein Entkommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mona ist ein Goldstück, die wunderbarste Gattin der Welt, aus dem Läuferhimmel gefallen, direkt in meine Arme. Schon nach 13 Hochzeitstagen, 15 Geburtstagen und 16 Weihnachtsfesten hat sie mit einem Geschenk für mich richtig gelegen, mitten ins Sportlerherz. Meine Marzipan-Mamba guckte ganz leutselig, als sie mir am Heiligen Abend die Papierrolle übergab. Der Weihnachtsbaum strahlte, das Wachs plätscherte sanft aufs Parkett.

Ich war völlig benebelt von den vielen Kohlehydraten, weil ich mir einen ganzen Dominostein komplett auf einmal in den Mund geschoben hatte. Feuerwerk der Sinne. Die sündteure Gänsestopfleber taugte dagegen gar nichts. Schmeckte wie eine Socke von Helmut Kohl. Nächstes Jahr kaufe ich Hundestopfleber, am besten vom Dobermann, sofern er mit Dackeln gestopft ist und die wiederum mit Dalmatiner-Babys.

Eine Papierrolle als Geschenk also, umwickelt mit einer großen roten Schleife. Fehlte nur das Siegel. Im Theater wickelt der König solche Papierrollen ab und verkündet die Hochzeit seiner Tochter. Oder ein Todesurteil. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Kästchenartige Präsente sind mir vertraut, da sind Uhren drin oder anderer technischer Kram, zur Not Manschettenknöpfe. Vielleicht sogar ein Hörbuch wie "Mein Leben als Läufer". Unverdächtig ist auch unbeholfen Verpacktes in Wurst- oder Lappenform. Da kann man sicher sein, dass der Knubbel Socken beherbergt, mit Dusel einen Kaschmir-Pullunder, bei Extrem-Glück sogar in akzeptabler Farbe. Oder gar ein neues Laufhemd.

Was aber verbirgt sich in Papierrollen? Gutscheine natürlich, die tückischsten unter den Präsenten. Gutscheine-Schenken ist wie Walken: Macht man nur, wenn es gar nicht anders geht. Ganze Industriezweige leben von Gutscheinen, die nie eingelöst wurden. Mona würde mir nie einen Gutschein für etwas schenken, bei dem sie nicht beteiligt wäre. Klare Sache: ein Wellness-Wochenende an der Ostsee, mit Whirlpool und Aroma-Hysterie. Stundenlange peinliche Stille beim biologischen Abendessen, wenn man am Fenchelsteak herumwürgt, während André Rieu in der Endlosschleife fiedelt. Nur die dröhnenden Rheinländer mit dem Mercedes-Coupé quatschen am Tisch nebenan ohne Luftholen von ihrem All-inclusive-Urlaub. DomRep, logo.

Das wird das teuerste Trainingslager meines Lebens. Nur wenn ich Mona eine Massage, Peeling, die Lavastein-Behandlung, eine Qi-Gong-Sitzung und dreimal Reiki bezahle, gewinne ich ausreichend Zeit für fünfmal Laufen. Zählen Strandspaziergänge eigentlich als Regenerationstraining? Wahrscheinlich nicht, denn Strand im Winter mit Frauen ist immer gleich. Erst haben sie dieses Leuchten in den Augen und behaupten, sie wollten sich mal so richtig den Kopf freipusten lassen. Doch kaum ist man zehn Minuten gegen den Wind gelaufen, fangen sie an zu jammern, dass ihnen kalt ist und dass sie irgendwo einkehren möchten.

Vorsichtig ziehe ich die Schleife auf. Ich werfe Mona einen Blick zu. Sie guckt verdächtig, irgendwie stolz, nein, eher frech. Jedenfalls ist es kein Wellness-Erwartungsblick. Ich entrolle das Stück Papier. In der Tat: ein Gutschein. Das erste Wort, das meine Augen erhaschen, lautet: "Marathon-Training". Unruhig hüpft mein Blick über das Papier: "Jeder kann seine Bestzeit knacken" steht da, "systematischer Aufbau" und "für erfahrene Läufer". Start: Montag, 9. Januar.

Ich gucke Mona an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Gleich wird sie fragen, ob ich mich freue. Mona guckt zurück: "Na, freust Du Dich?", fragt sie lauernd. "Ja, sicher", stottere ich, "aber welcher Marathon denn?". Mona guckt triumphierend: "Na, Hamburg, den wolltest Du doch unter 4 Stunden laufen. Da habe ich Dich gleich angemeldet." Ach Du Schreck. Die nächsten Monate surren in Millisekunden durchs Hirn: Trainer, Stoppuhr, andere Läufer, schnellere Läufer, dünnere Läufer, fleißigere Läufer, talentiertere Läufer, ich immer hinterher, täglich Excel-Listen, Qualen nach Zahlen, und dann doch wieder Fiasko an der Elbe - habe ich das gewollt?

"Toll, Schatz", sage ich, "ganz toll." Ich werde versagen. "Da sind höchstens sechs Leute in der Gruppe", erklärt meine Gattin, "oder acht." Na prima, kann man sich also nicht mal verstecken. "Und im März ist ein Trainingslager", fügt sie hinzu, "das schenke ich Dir zum Geburtstag." Es gibt kein Entrinnen.

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