Achilles' Verse: Labormäuse beim Pfannkuchenlauf - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Labormäuse beim Pfannkuchenlauf

Die Silvester-Sentimentalität ist gnadenlos: Seit Monaten kann Achim keine neuen Zeiten vorweisen, und auch die Klamotten sind nicht mehr die neuesten. Aber zum Glück gibt es ja Kirmesrennen. Da kann unser Läufergott Eindruck schinden - auch wenn es wehtut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie konnte ich je annehmen, dass Laufen etwas mit Freizeit, Entspannung oder Vergnügen zu tun hat. Mit ihrem Zwangsbeglückungsgeschenk zu Weihnachten hat meine Gaga-Gattin mir ein Maximum an mentalem Druck aufgeladen. Alle werden über mich lachen. Ich habe die falschen Schuhe. Meine Laufjacke ist mindestens 14 Monate alt. Wer einer Trainingsgruppe mit lauter Fremden beitreten wird, sollte zumindest gut aussehen.

Ich werde mich neu einkleiden. Andererseits: Wenn dieser Trainer mit dem Kasernenhofnamen Karrass was vom Laufen versteht - und der unverschämte Preis lässt darauf schließen -, dann wird er sich von edler Ganzkörper-Verhüllung kaum blenden lassen.

Ich will nicht die lahmste Wurst sein. Ich muss Eindruck schinden. Aber wie? Worüber reden Menschen, die ihre Freizeit damit zubringen, auf Armbanduhren zu starren, deren Größe einem Flachbildschirm nahe kommen, unablässig Zahlen murmeln und vor lauter Gehechel keinen geraden Satz herausbringen? Natürlich: Über ihren letzten Lauf, ihre Superzeit. Heldentaten müssen her, möglichst frische. Wenn schon nicht schnell, dann wenigstens fleißig. Wann zum Teufel war mein letzter Lauf? Zehn Kilometer beim Hamburg-Triathlon? Fast ein halbes Jahr her. Wie peinlich. Ich brauche einen Wettbewerb, sofort, eine frische Spitzenzeit zum Angeben.

Internet , hilf! Über 100 Silvesterläufe in Deutschland, einer davon zum Glück gleich um die Ecke: Pfannkuchenlauf im Grunewald. Was dafür spricht: Juxrennen. Prämierung der besten Kostüme. Außerdem soll die Strecke großzügig gemessen sein, höchstens 9,5 Kilometer. Was dagegen spricht: zweimal Teufelsberg, mörderische 400 Meter Steigung mit unmenschlichen 62 Höhenmetern. L'Alpe d'Huez der Hauptstadt. Unverschämte 14 Euro Startgeld. Der veranstaltende SCC ist das Gasprom unter den Berliner Clubs: geldgierig, hochnäsig, undurchsichtig wie der Kreml, aber immer das hochheilige e.V.-Gesicht. Jugendarbeit und so. Weiß jemand, wo die Marathon-Millionen bleiben? Nächstes Jahr wird Gerhard Schröder hier auch noch Geschäftsführer.

Beim lieblosest organisierten Lauf der Republik drängt sich Berlins läuferisches Mittelmaß wie Laborgemäus. Schnee überall. Wegen Glätte ist der Teufelsberg gestrichen. Weicheier. Das superkreative Rennpack bietet drei Verkleidungen: Clown, Putzfrau, Micky Maus - jede gewinnt eine Buddel Schädelspalterschaumwein. Kollektives Hüpfen wie die Bohnen in der Muppetshow. Schenkelkneten. Uhrenfummeln. Wolken kaum hör-, aber gut riechbarer Magnesiumfürze. Ich mittendrin. Läufermonologe am Start legen Suizidgedanken nahe. Oder Mord.

"Kalt heute", murrt der Braungebrannte. "Keine Bestzeit bei dem Schnee", weiß der Junge. "Fühl mich gar nicht gut", jault der Krummbeinige. "Meine Achillessehne ist noch nicht wieder voll belastbar", klagt der Schnauzbärtige. "Mein Magen macht Probleme", jammert die Rosafarbene. "Mein Puls spinnt", stellt der Lange fest. "Letztes Jahr war's besser", sagt der mit dem Piratentuch. "Im Wald soll's glatt sein", berichtet der Opa. "Die haben wieder kein Iso im Ziel", stöhnt der Student. "Ich musste zwei Kilometer von hier parken", meckert der Dicke. "Total blöde Musik, zieht mich voll runter", analysiert die Blonde (Es läuft "Final Countdown" von Europe). "Habe seit Monaten eine Muskelverhärtung", berichtet der Zwerg. "Bestimmt wieder Walker im Weg", ahnt die Rentnerin. "Der Boden ist nicht gut für meine Knie", sagt der Drahtige. "Hätte doch die Trail-Schuhe anziehen sollen", raunt die Glatze. "Ich habe die letzten Monate kaum trainiert", meldet der Feine. "Viel zu wenig Berge", findet der Hässliche. "Die Dreiviertelhose hätte gereicht", befindet die Magere. "Die Jacke ist zu dünn", mault der Untersetzte. "Letztes Jahr waren Zuschauer", stellt der Vollbart fest. "Die haben keine Schwämme", moniert der Glatzkopf. "Und hinterher friert man sich tot", sagt die Brünette. "Nächstes Jahr spare ich mir diesen Mist hier", beschließt der Grauhaarige. "Das wird heute sowieso nix", bescheidet der Schlaksige. "Ich hab mein Gel vergessen", stammelt der Drahtige. Und ich? Ich muss aufs Klo.

Der Startschuss bringt die Schwätzer zum Schweigen. Leider fällt nie jemand um. Wie eine Gemse springe ich die Strecke entlang. Es ist ein großartiger Lauf. Kalt. Klar. Schneeweiß. Nicht schnell, aber gut: unter 50 Minuten. Es ist der Kopf, der läuft. Das neue Jahr wird gut.

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