Achilles' Verse: Läuferehe wider Willen - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Läuferehe wider Willen

Achims schlimmster Albtraum wird wahr. Nachdem unser einstiges Laufwunder seine Schuhe vorübergehend an den Nagel gehängt hat, tritt ausgerechnet die schwangere Mona in seine Fußstapfen. Zum Leidwesen unseres Ästheten ignoriert sie dabei allerdings jeglichen Dresscode.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hilfe. Gestern hatte ich eine Erscheinung: Jane Fonda stand vor mir. Lila Leggins mit Wadenwärmern, giftgrün das Stirnband, gestreifter Biene-Maja-Body, ein Blick wie Käptn Hook. Jane hat ja das Prinzip des familienfreundlichen Softpornos erfunden. Unter dem Vorwand, jederzeit aktiv zu sein, trug sie immer nur Badeanzug und verrenkte sich darin auf nicht uninteressante Weise. Gleich würde "Fame" erklingen und Jane durch unser Wohnzimmer hopsen. Aerobic bei Achilles, 20 Jahre danach.

An ihrem Fünften-Monat-Bauch erkannte ich das Wesen schließlich: Es war Mona. "Super-Verkleidung", sagte ich lobend, "ist Karneval in der Yoga-Gruppe?" Leider der ganz falsche Ansatz. "Klappe, Faulpelz", antwortete die Gattin knapp, "ich fahre an den Schlachtensee zum Laufen." Alles, nur das nicht. Ich trug seit Wochen mentale Massaker mit mir aus, wurde täglich brutaler, um mir neue Ausreden fürs Nicht-Laufen abzuringen. Und diese Frau? Will laufen. Einfach so. Im Jane-Fonda-Kostüm.

"Du kannst so nicht auf die Straße", warnte ich. "Wieso nicht", fragte sie schnippisch, "Du hast doch auch immer so bunte Klamotten an." Würde sie verstehen, dass meine Sachen toll sind, moderne Fasern, coole Farben, angesagte Marken, ihre aber nicht? "Du wirst Dich erkälten", warnte ich. "Unsinn", sagte sie. "Der Body sitzt nicht", sagte ich. "Wird ja gleich dunkel", sagte sie. "Da sind Sittenstrolche am Schlachtensee", sagte ich. "Sybille kommt mit", sagte sie. "Ich brauche das Auto", sagte ich. "Sybille holt mich ab", sagte sie.

Verdammt. Schlimmer als Ehen, in den ein Partner läuft, sind Ehen, in denen beide laufen. Man sieht sich ja kaum noch. Die letzten Biotope der Ordnung werden auch noch zugemüllt mit Läuferkram. Sie wird eine Pulsuhr nie kapieren. Wenn mich jemand sieht, wie ich neben Jane Fonda herdackele. Wer darf zuerst unter die Dusche? Und welche Selbsthilfegruppe soll ich besuchen, wenn sie eines Tages schneller ist?

Jahrelang hatte sie mir in den Ohren gelegen, dass ich meine Gelenke ruinierte und viel zu wettbewerbsortientiert sei und viel zu selten entspannen würde, gar nicht mehr loslassen könne. Und jetzt fängt sie selbst an, ausgerechnet in der Schwangerschaft. "Du trägst mein Kind unter deinem Herzen", sagte ich testhalber, denn ich wusste nicht genau, was dieses Argument auslösen würde. Wenn es ihnen passt, sind Schwangere so gut wie tot oder aber turbomäßig aufgedreht. "Die Hebamme hat gesagt, vorsichtiges Laufen ist gut für den Sauerstoffhaushalt und damit für die Entwicklung des Kindes", dozierte Mona Fonda.

Schwangere Frauen, die laufen, sollen mir egal sein. Solange es sich nicht um meine handelt. Aber frische Mütter, die laufen, sind eine Landplage. Neulich im Tegeler Forst erst prügelte wieder so eine wildgewordene Mama ihren Jogging-Kinderwagen den Sportskameraden in die Hacken und brüllte auch noch: "Passt doch auf, wo Ihr langlauft, Ihr Idioten." Das Bündel im Wagen war vierpunktangeschnallt wie der Michi in Monza, sonst hätte es ihn bei jeder Baumwurzel aus der Karre gehoben.

Normalerweise hätten wir zurückgepöbelt. Aber gegen Mütter darf man nichts sagen. Bestimmt würde Mona auch so eine Kinderlaufkarre haben wollen. Und ich müsste nachts vom nächst besten Geländejeep den Kuhfänger abschrauben und vor den Kinderwagen flanschen. Sehr bald würden Jogger-Eingeweide daran kleben.

Ich unternahm noch einen Anlauf, sie zu bremsen. Was sollten unsere Nachbarn sagen, wenn sie meine Frau in diesem Kostüm auf der Treppe sehen? "Du bist viel zu warm angezogen." Ich sollte besser die Klappe halten. Wenn ich das Thema noch mal anschneide, würde sie mich morgen in den Ausdauertempel zerren. Unter zwei Stunden und 400 Euro würde ich nicht davonkommen. Jede Wette, das war ihr Plan. Nur deswegen machte sie mir die Jane.

"Willst Du denn nicht erstmal ein bisschen spazieren gehen, um rein zukommen?", fragte ich. Mona schnaubte. "Sybille hat einen Kurs gemacht und weiß, wie man wieder anfängt. Früher in der Schule war ich eine gute Mittelstrecklerin", protzte sie. Wusste ich gar nicht. "Aber das hätte ich Dir doch alles erklären können", entgegnete ich. Was hat Sybille, was ich nicht habe? "Du hast keine Geduld mit mir", sagte sie. Warum stellt sie sich auch immer so ungeschickt an?

Ich spielte meinen letzten Trumpf. "Vom Laufen bekommt man dicke Beine." Meine Gattin starrte auf meine Schenkel. Kühl entgegnete sie: "Vom Nichtlaufen auch." Mein Leben war im Begriff, sich zu ändern.

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