Achilles' Verse: Laufbahn auf Deck zwölf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Laufbahn auf Deck zwölf

Selbst auf hoher See kann man etwas für seine Marathon-Fitness tun. Achim Achilles erbringt den Beweis, dass Kreuzfahrt und Laufen keine Gegensätze sein müssen. Seegang bei Windstärke vier ist schließlich auch gut für die Koordination.
Kreuzfahrt mit Landgang: Tempotraining auf der Hafenmole
Kreuzfahrt mit Landgang: Tempotraining auf der Hafenmole

Kreuzfahrt mit Landgang: Tempotraining auf der Hafenmole

Foto: Z1017 Bernd Wüstneck/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kreuzfahrt und Laufen, das passt nun wirklich nicht zusammen. Oder doch? In einem aufopferungsvollen Selbstversuch im Mittelmeer versuchte ich das Unmögliche: Zwischen Buffet und Hafenmole wird versucht, die Form für den Malle-Marathon zu erhalten. Zehn Gründe, warum Laufen auch auf hoher See seine Reize hat.

1. Wer auf Kreuzfahrt geht, bekommt mindestens ein halbes Dutzend mal "Schrecklich amüsant" von David Foster Wallace als Reiselektüre geschenkt, die ultimative Abrechnung mit der touristischen Seefahrt. Überschüssige Exemplare lassen sich auf Ebay verticken und entlasten die Reisekasse.

2. Geiselnahme der Familie: Vati will mal wieder an einem Wettbewerb teilnehmen, die Familie murrt. Eine Kreuzfahrt, die am Rennsonntag in Palma  endet, ist zwar nicht billig, löst aber mehrere Probleme: Die Bande ist liebevoll korrumpiert und kann nicht abhauen. Kollektives Shopping beim New-York-Marathon ist auch nicht billiger.

3. Trainingshärte: Die Laufbahn liegt auf Deck zwölf, exakt zwei Rollatoren breit. Morgens von sieben bis neun Uhr, wenn die Sonnenliegen längst mit Handtüchern blockiert sind, darf trainiert werden. Verbissene Positionskämpfe auf den knapp 200 Metern. Mit rhythmischen "Klonk-Klonk" kündigen sich Überholversuche an. Überrunden ist möglich, ein Fest für die Psyche. Spätestens nach 20 Runden stellt das Hirn auf Notbetrieb, wegen Reizarmut. Ideale Voraussetzung für den nächsten Marathon. Walker erst nach Einbruch der Dunkelheit auf der Strecke, manche haben sogar die Gummipropfen über die Stockspitzen gestülpt.

4. Seegang: Laufen an Deck ab Windstärke vier schult die Koordination, weil jeder Schritt ein neues Abenteuer bedeutet. Plötzliches Flashback-Schaukeln an Land kann bis zu zwei Wochen nach dem Törn auftreten. Nicht zu verwechseln mit Restalkohol vom Vorabend.

5. Ansehen: Unter den mehrheitlich laufskeptischen Mitreisenden sorgt schon das unbedeutendste Finisher-Shirt für den Ruf eines Spitzen-Athleten.

6. Bodycheck am Büffet: Beharrliches Drängeln mit adipösen 16-Jährigen, die zweieinhalb Kilo Pommes auf einer Untertasse balancieren, schult für den nächsten Tumult im Startblock A oder den Kampf an der Verpflegungsstelle. Bevorzugte Trainingspartner: Seniorinnen am Kuchenbüffet.

7. Landgang: Keine Hafenmole der Welt, die, lang, eben und gerade, nicht ideales Terrain für Tempotraining abgäbe. Für mentale Härte sorgen die spöttischen Blicke der Passagiere. Achtung in Häfen anderer Kulturkreise: Enganliegende Laufhosen sind in der Scharia nicht vorgesehen. Nizza immerhin bietet lange breite Promenaden am Meer, Ajaccio dagegen giftige Anstiege zwischen den vier Dutzend Napoleon-Denkmalen.

8. Landeskunde: Palermos Sonntagsläufer liefern reichlich Stoff für soziologische Studien. Frauen laufen gar nicht, die Herren so, wie Mauro Camoranesi Fußball spielt. Kaum erscheint eine Dame in weiter Ferne der Strandpromenade, wechselt der Einheimische von rationellem Trimmtrab in den Turbomodus. Kaum ist die Dame vorbei, bleibt der Athlet abrupt stehen, nimmt sein Handy von der Halskordel und führt ein langes Erholungsgespräch, wahrscheinlich mit Mama, über den Speiseplan fürs Mittagessen.

9. Auf der Strecke zum Malle-Marathon: Selten war Carbo-Loading so einfach. Da alle Reisenden insgeheim die Titanic-Panik teilen, wird gespachtelt, als sei es das letzte Mal im Leben. Profis klügeln Ideal-Routen zwischen Früh-Prosecco und Spät-Sandwiches aus. Die wenigen Stunden, die das Buffet geschlossen hat, können mit Notfall-Hotdogs, Mitternachts-Pommes oder mit vor drei Tagen erbeuteten Rest-Austern gestopft werden, die in der Minibar der Kabine zwischenlagern.

10. Auf der Strecke weg vom Malle-Marathon: In der Sauna das Laktat aus den Muskelfasern schwitzen, im Whirlpool an Deck eindösen, in der Hängematte leise stöhnen - ideale Regeneration. Zahlreiche Aufzüge minimieren das schmerzhafte Treppensteigen. Für die ganz Harten: Morgengruß und Pilates im Kreise verbissen dreinblickender Hausfrauen. Ideale mentale Vorbereitung fürs winterliche Stabilisationstraining im heimischen Wellness-Studio.