Achilles' Verse Marathon light statt Marathonleid
Martyrium Marathon: Beim Staffellauf das Leid durch vier teilen?
Foto: DAVID W CERNY/ REUTERSIch werde einen großen Salat nehmen, als Kompensation für den ausgefallenen Trainingslauf heute. Eine Extraportion Vitamine ist für den Athletenleib allemal wichtiger als ein lustlos absolvierter Trab. "Richtige Ernährung bedeutet weniger Training", sagt Doktor Feil. Die Erfolge dieses Prinzips lassen allerdings auf sich warten. Praktisch täglich versuche ich, Laufen durch Essen zu ersetzen, heute mal beim Griechen.
Ich sitze mit Mona beim Solidaritäts-Souvlaki. Da Merkels Milliarden nicht reichen werden, legen wir mit einem Gastro-Bonus nach. Die Griechen verdienen schließlich unser Mitgefühl - ein gebeuteltes Volk, das die Schwiegermutter online versteigert, den Schlafsack vom Speicher holt und mit einem Großgebinde Retsina an den Strand zieht. Jahrzehntelang dachten sie, ohne große Anstrengung vorne mitlaufen zu können - so wie ich.
Was aber ist geblieben von tausenden Jahren Hochkultur? Nichts als der Marathon. Und selbst der ist wahrscheinlich ein Werk von Betrügern. Denn die historische Strecke von Marathon nach Athen ist kürzer als 40 Kilometer. Aber wahrscheinlich hat Goldman Sachs schon damals die Strecke vermessen und dann seine Prozente draufgeschlagen. Bis heute quälen sich jedes Jahr unzählige Läufer über eine Distanz, die länger ist als jene, die der legendäre griechische Bote vor exakt 2500 Jahren erstmals absolvierte. "Freut Euch, wir haben gesiegt", sollen seine letzten Worte gewesen sein, bevor er tot zusammenbrach. Der erste Marathon hatte demnach eine Mortalitätsquote von 100 Prozent. Ich kann also von Glück sagen, drei solcher Langläufe zumindest überlebt zu haben. Seither gilt: Aufhören, wenn's am schönsten ist, also spätestens nach der Hälfte.
Mona starrt auf eine original antike Wandzeichnung im Restaurant, die einen muskulösen Diskuswerfer zeigt. Hoffentlich beginnt sie jetzt kein inquisitorisches Sportgespräch. Ich mache ein paar elegante Bemerkungen über das Wetter und ein Kompliment über die neue Sonnenbrille meiner Gattin, die wir noch rasch angeschafft haben, bevor die Euro-Krise unseren Bankomaten einzieht.
"Wann läufst Du eigentlich mal wieder Marathon?", fragt Mona und guckt mich an wie Angela Merkel. Ich setze das schuldbewusste Pofalla-Gesicht auf. "Willst Du mich etwa loswerden, Schatz?", frage ich zurück, "Du weißt doch: stundenlanges Training, das Gejammere über die Verletzungen, das Gestöhne in der Nacht, dazu Krämpfe, Verspannungen, monatelang keine gemeinsamen Trinkgelage - und das Risiko, dass ich nicht lebendig ins Ziel komme."
Wünscht die Holde dem Wunderläufer etwa Böses?
Mona guckt interessiert. Wahrscheinlich überlegt sie, die Lebensversicherung noch vor der großen Inflation zu kassieren. "Aber es täte Dir gut", sagt sie mit schlangenhafter Fürsorge. Ich ziehe den Bauch ein und deute mit dem Ouzo-Glas auf meinen Salat. "Mir geht es prima, topfit", sage ich. "Aber das sieht man nicht so ganz", entgegnet sie. Wäre ich ein selbstkritischer Charakter, müsste ich ihr Recht geben. Es stimmt einfach: Tempoläufe machen schön, leider erst ab dem tausendsten. Andererseits verhält es sich mit Achim und Marathon so wie mit Mona und dem Einparken: Es dauert wahnsinnig lange und am Ende passiert immer eine Katastrophe. Mensch und Aufgabe passen einfach nicht zusammen.
Zuhause noch mal rasch an den Rechner: Marathons googeln. War ja klar: Alle sind 42 Kilometer lang. Cola light, Kippen light - alles gibt es light, nur Marathon nicht. Oder doch? Hurra, in Münster wird der Marathon als Staffel angeboten: Vier Läufer teilen sich die Strecke. Das ist mal moderner, teamorientierter, gelenk- und familienschonender Laufsport. Und der Start ist erst in 120 Tagen. Zeit genug für mentale Vorbereitung.
"Ich laufe den Münster-Marathon", rufe ich mit sonorer Ouzo-Stimme Richtung Schlafzimmer. "In welchem Jahr?", fragt Mona gähnend. "Am 12. September 2010", antworte ich selbstbewusst. Meckerndes Lachen aus dem Kopfkissen. Schon mal ein Vorgeschmack auf den Hohn, mit dem mich die echten Marathonis überschütten werden. Egal. Jedenfalls komme ich lebendig wieder nach Hause.